Vor Gericht: Welches Urteil erwartet den angeklagten Edelsteinhändler (hier mit Verteidiger Marvin Schroth)? Er soll einen Geschäftspartner getötet haben.
Vor Gericht: Welches Urteil erwartet den angeklagten Edelsteinhändler (hier mit Verteidiger Marvin Schroth)? Er soll einen Geschäftspartner getötet haben. | Foto: Ochs

Die Fakten im Überblick

Getöteter Schmuckhändler in Pforzheim: Welches Urteil fällt das Schwurgericht?

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Warum musste der Pforzheimer Schmuckhändler sterben? Das beschäftigt das Schwurgericht am Karlsruher Landgericht seit dem Prozessauftakt am 19. März. Nach einer Verhandlungspause sollen in der zweiten Juni-Hälfte die Plädoyers gehalten werden. Danach fällt das Urteil.

Es ist seit langer Zeit der spektakulärste und wohl auch verzwickteste Mordfall in Pforzheim. Und wird von der Schmuckbranche aufmerksam verfolgt, wie die Besucherzahlen bei den Verhandlungen zeigen. Hier nochmals die wichtigsten Fakten.

Der letzte Termin

Am 21. Juni 2019 um 13 Uhr trafen sich der Schuckhändler aus Hohenwart und der des Mordes angeklagte Edelsteinhändler in dessen Büro in der Stolzestraße in der Pforzheimer Südoststadt. Das letzte digitale Lebenszeichen des Schmuckhändlers kam um 13.29 Uhr.

Der Angeklagte

Der beschuldigte 36-jährige Edelsteinhändler aus dem Landkreis Calw hat Ende April ausgesagt, dass der Schmuckhändler plötzlich bewusstlos am Bürotisch saß. Aus Angst, wieder ins Gefängnis zu müssen, habe er weder Polizei noch den Notarzt gerufen und stattdessen das Büro verlassen. Als er zurückkam, habe der Schmuckhändler tot am Boden gelegen. Er habe ihn am Hals und Arm gepackt und versucht, ihn wieder auf den Stuhl zu setzen.

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Das Auto Der schwarze Golf des 57-jährigen Schmuckhändlers habe er gegen 14.40 Uhr in die anderthalb Kilometer entfernten Abnobastraße umgeparkt, gab der Angeklagte zu. Warum? Damit es so aussehe, als ob der Schmuckhändler noch einen Anschlusstermin gehabt habe. Aus dem Auto habe er ein Päckchen mit Altgold mitgenommen.

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Urteil im Juni: Die Schwurgerichtskammer im Karlsruher Landgericht will nach der Prozesspause ihr Urteil verkünden.
Urteil im Juni: Die Schwurgerichtskammer im Karlsruher Landgericht will nach der Prozesspause ihr Urteil verkünden. | Foto: Ochs

Der Fundort

In seiner Panik habe er sich an zwei Geschäftspartner – Brüder aus Pforzheim – gewandt, sagte der Tatverdächtige aus. Sie hätten ihm geraten, die Leiche verschwinden zu lassen. Er habe den Toten abends in sein Auto geschleift, sei mit ihm über die Pfalz in das deutsch-französische Grenzgebiet gefahren, habe die Leiche auf einem Feldweg abgelegt, angezündet und sei dann weggefahren – zu einem Geschäftspartner in Antwerpen. Die beiden Brüder hätten als Lohn für ihre „Beratung“ das Altgold verlangt und die Rolex-Uhr des Toten. Am 29. Juni stellte die Polizei einen Goldbarren sicher, den der Angeklagte einschmelzen ließ.

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Die Soko

Am 23. Juni 2019 wurde die teilweise verbrannte Leiche gefunden. Die französischen Behörden standen in engem Kontakt zur 37 Beamten starken Soko „Brosche“ am Kriminalkommissariat Pforzheim und zur Staatsanwaltschaft. Den Verdächtigen hat die Polizei eine Woche nach dem Verschwinden des Schmuckhändlers in Meckenbeuren bei Ravensburg festgenommen. Im Dezember 2019 erhob die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Karlsruhe Anklage gegen den Edelsteinhändler.

Der Tatort: In der Stolzestraße ist der 57-jährige Schmuckhändler am 21. Juni 2019 gestorben. Wie und Warum – das ist noch nicht hundertprozentig geklärt.
Der Tatort: In der Stolzestraße ist der 57-jährige Schmuckhändler am 21. Juni 2019 gestorben. Wie und Warum – das ist noch nicht hundertprozentig geklärt. | Foto: Ochs

Der Vorwurf

Zur Last gelegt wird dem 36-jährigen zweifachen Familienvater, dass er den 21 Jahre älteren Mann erst betäubt, dann mit stumpfer Gewalt erwürgt hat. Außerdem soll er ihn um Schmuck im Wert von 65.000 Euro beraubt haben. Habgier ist laut Staatsanwaltschaft das Mordmotiv. Das Betäubungsmittel soll der Angeklagte in das Sushi gemischt haben, das er für das Treffen gekauft hatte.

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In einer Spritze wurden Reste des Betäubungsmittels gefunden – übrigens auch im Magen, Blut und Urin des toten Schmuckhändlers. Dafür hat der Angeklagte eine eigene Theorie: Der Schmuckhändler soll das Mittel freiwillig getrunken haben, um anschließend den Edelsteinhändler mit der Behauptung, er sei betäubt worden, in der Schmuckbranche zu kompromittieren.

Die Todesursache

Die Staatsanwaltschaft war bisher davon ausgegangen, dass der Schmuckhändler erwürgt wurde. Dafür sprechen die Untersuchungen der französischen Obduzenten: Hämatome am Schulterblatt, Brustbereich und Rücken sowie Einblutungen am vorderen Halsbereich. Erschüttert wurde die Theorie von der Aussage eines medizinischen Gutachters, der noch andere Möglichkeiten in Betracht zieht: Die Verletzungen könnten auch davon herrühren, dass das Opfer bewusstlos vom Stuhl gefallen ist – wie der Angeklagte geschildert hat. Und die Strangulationsspuren könnten entstanden sein, als der Beschuldigte den Schmuckhändler in sein Auto geschleppt hat.

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Das Notebook

1.659 kinderpornografische Bilder und Videos stellte die Polizei auf dem Notebook des Angeklagten sicher. Gefunden wurde der Computer im Auto des Mannes. Ehemalige Gefängnisinsassen hätten sie ihm geschickt, behauptet der Angeklagte. Er ist einschlägig vorbestraft: 2006 wurde er in den USA wegen Besitzes und Verbreitung von kinderpornografischen Schriften zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt, die er teilweise in Deutschland abgesessen hat. Wegen der Haftbedingungen in den USA sei er traumatisiert, sagte ein Polizeibeamter aus. Er sei zu unrecht verurteilt worden, betonte der Angeklagte während des Prozesses immer wieder.

Die Sachverständige

Pädophil-sexuell orientiert sei er nicht, antwortete der Tatverdächtige auf die Frage der medizinischen Sachverständigen. Sie bescheinigte dem Angeklagten die volle Schuldfähigkeit. Er sei überdurchschnittlich intelligent, manipulative Tendenzen könnte sie sich bei ihm auch vorstellen. Pädophile Neigungen seien zu erkennen. Außerdem eine Störung der Sexualpräferenz. Ermittlungen ergaben zahlreiche Nachrichten in einem Online-Portal, bei dem es um Treffen mit Männern ging. Für solche Treffen bot er Räume an. Sexspielzeug wurde in einem Wohnraum neben seinen Geschäftsräumen gefunden.

Das Schmuckprojekt

Nach seiner Entlassung aus der Haft stieg der Angeklagte 2010 in die Firma seiner Mutter ein und handelte fortan mit Edelsteinen. Der Umsatz sei danach in die Höhe geschnellt, eine finanzielle Schieflage habe es nicht gegeben, so der Angeklagte.

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Für den 1. Juli 2019 war der Start eines Ringportals mit einem Schmuckkonfigurator geplant. Er wollte das Portal mit zwei Geschäftspartnern, einem Brüder-Duo, betreiben. Der getötete Schmuckhändler hätte den Schmuck liefern sollen. Die Witwe des Opfers stellte das ein wenig anders dar: Ihr Mann habe den Konfigurator als sein Großprojekt betrachtet. Humbug sei auch die Behauptung des Angeklagten, der Schmuckhändler habe die Kollektion des Tatverdächtigen in seinem Namen auch anderen Kunden angeboten.

Das Urteil

Das Urteil will der Vorsitzende Richter Alexander Lautz spätestens am 24. Juni verkünden. Davor halten Oberstaatsanwalt Harald Lustig, der Anwalt der Nebenklage Markus Schwab und Verteidiger Marvin Schroth ihre Plädoyers.