Klapfenhardt pforzheim
SCHRECKEN DER INDUSTRIE: Das Große Mausohr ist streng geschützt. Im Hambacher Forst sorgte eine Population unlängst für einen Rodungsstopp. Auch bei Pforzheim könnte der possierliche Flugsäuger vorkommen. Weil das aber erst im Frühling artenschutzrechtlich einwandfrei untersucht werden kann, liegt die Planung derzeit im Winterschlaf. | Foto: dpa

Klapfenhardt vs. Ochsenwäldle

Gewerbegebiete Pforzheim: Artenschutz sorgt für Verzögerung

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In Pforzheim liegt derzeit mehrere politische Vorhaben auf Eis. In einem Fall kann man das sogar wörtlich nehmen: Die von Oberbürgermeister Peter Boch (CDU) als dringlich eingestuften Gewerbegebiete-Pläne der Stadt sind eigenen Angaben zufolge durch die kalte Jahreszeit zum Erliegen gekommen. Oder geht es auch um die Kommunalwahl im Mai?

Namentlich die Artenschutz- und Umweltverträglichkeitsprüfung der potenziellen Groß-Gewerbegebiete Klapfenhardt und Ochsenwäldle befindet sich im Winterschlaf, weil vergangenes Jahr die Untersuchungen auf Fledermaus und Amphiben-Vorkommen nicht zweifelsfrei abgeschlossen werden konnten und sich die Tiere nun, so es sie gibt, im Winterquartier befinden. Insbesondere die Fledermäuse dürften Projektbefürwortern Kopfschmerzen verursachen, denn das Vorkommen des seltenen Großen Mausohrs scheint in den hiesigen Plangebieten offenbar möglich.

Pforzheim: Artenschutz sorgt für Verzögerung

Die Großfledermaus ist nach Bundesartenschutzverordnung streng geschützt. Erst im vergangenen Herbst zwang der Nachweis der Fledertiere im Braunkohle-Projektgebiet Hambacher Forst den RWE-Konzern zu einem Rodungsstopp.

Der Pforzheimer Naturschutz-Experte Gerhard Vögele dokumentierte in einem privaten Gutachten zum 67 Hektar großen Klapfenhardt-Plangebiet bereits seltene Vögel wie Rotmilan, Mittelspecht und Waldlaubsänger, zudem schützenswerte Pflanzen wie den Seidelbast. Vögele: „Fledermäuse haben wir aber nicht untersucht, weil uns dafür die technischen Voraussetzungen fehlen. Allerdings halte ich das Vorkommen des Großen Mausohrs für durchaus wahrscheinlich.“ Dem hiesigen Nabu-Ehrenvorsitzenden zufolge kann eine aussagekräftige Untersuchung des Fledermausbestands frühestens Anfang April erfolgen. Amphibien könnten indes je nach Witterung bereits Anfang März gezählt werden, so Vögele.
Ursprünglich sollten die Ergebnisse dieser und anderer Untersuchungen im Auftrag der Stadt als Entscheidungsgrundlage für den Gemeinderat bereits Ende 2018 vorliegen, wie OB Boch zunächst in Aussicht gestellt hatte.

Pforzheim
ANLIEGERVERKEHR HÄLT SICH IN GRENZEN im Waldgebiet Klapfenhardt zwischen der Wilferdinger Höhe und Ispringen. | Foto: str

Entscheidung über Gewerbegebiete erst nach der Wahl?

Später war von einer Gegenüberstellung der Ergebnisse im „ersten Quartal 2019“ die Rede. Mittlerweile lautet die Sprachregelung, dass ein „Gesamtergebnis frühestens im Frühjahr“ vorliegen wird.
Als einen Grund für die Verzögerungen bei den Untersuchungen zu Fledermäusen und Amphibien nannte die Verwaltung den ungewöhnlich trockenen Sommer. Stadt-Sprecher Michael Strohmayer: „Die Artenschutz-Untersuchungen können erst abgeschlossen werden, wenn die Vegetationsphase wieder angelaufen ist.“ Strohmayer räumte auf Nachfrage ein, dass der Stadt auch andere Ergebnisse der 18 externen Gutachten und neun weiteren Untersuchungen (etwa Verkehrsgutachten, Bodengutachten) teilweise noch nicht vorliegen. „Das sind komplexe Untersuchungen, die wir mit der gebotenen Sorgfalt abschließen wollen“, erklärte Strohmayer.

Gewerbegebiet-Gegner freuen sich

Bei Umweltverbänden und Anwohnerinitiativen freut man sich über die gemächliche Entwicklung. Michael Pflüger von der Bürgerinitiative BI Nord vermutet, dass die politisch Verantwortlichen ohnehin kein Interesse daran haben, die umstrittene Entscheidung vor der Kommunalwahl am 26. Mai zu treffen. Pflüger: „Viele Bürger sind gegen eine Zerstörung des wertvollen Waldgebietes Klapfenhardt. Wir sind zuversichtlich, dass die Umweltprüfungen diese Sichtweise bekräftigen werden.“

Zweifel an Argumenten von OB Boch

Rund ein Jahr nach der überraschenden Wende der Verwaltung ist die Zukunft der Gewerbeflächenentwicklung demnach weiter völlig offen. Bekanntlich hatte OB Boch damals einen Schwenk vom zuvor favorisierten Ochsenwäldle hin zu Klapfenhardt ausgerufen und dies mit einer Kostenersparnis von 50 Millionen Euro begründet. In der Folge wurden allerdings immer mehr Zweifel an Bochs Argumenten geäußert, worauf schließlich die umfassende Untersuchung beider Gebiete beschlossen wurde.

Vor einem Jahr sagte OB Boch beim Neujahrsempfang 2018 der Stadt Pforzheim: „Ich möchte nach Klapfenhardt und deshalb marschiere ich jetzt los.“ Man darf gespannt sein, was er am kommenden Samstag beim diesjährigen Neujahrsempfang zum Thema Gewerbegebiete zu sagen hat. Die Projektgegner jedenfalls werden sich freuen, dass der Marsch des Rathauschefs bislang hauptsächlich aus Verschnaufpausen besteht.