Nicht mal zweiter Klasse ist der Service bei Go Ahead, schimpft mancher Pendler. In diesen Tagen sind immer wieder auch verkürzte Züge unterwegs, weil die Technik streikt. Entsprechend groß ist dann das Gedränge in den Wagen und hier beim Ein- und Ausstieg am Pforzheimer Hauptbahnhof. | Foto: ron

Probleme auf Residenzbahn

Go Ahead wirbt um mehr Geduld: Bahnunternehmen will seine Probleme bis Jahresende lösen

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Leittechnik, Bremsen, Türen: Das Bahnunternehmen Go Ahead hat weiter mit technischen Problemen an entscheidenden Stellen zu kämpfen. Die Pünktlichkeitsquote ging zuletzt wieder nach unten. Vier Monate nach dem Start auf der Residenzbahn ist die Geschäftsleitung selbstkritisch. Die Probleme will man nun bis Jahresende gelöst haben.

Nicht nur der Verkehrsminister grollt. Viele Pendler tun es gleichermaßen. Die Wehen des Betreiberwechsels auf der Bahnstrecke Karlsruhe – Pforzheim – Stuttgart sind auch nach vier Monaten noch spürbar. „Wir sind selber unzufrieden“, räumt Hans-Peter Sienknecht ein. Der Geschäftsleiter des neuen Betreibers Go Ahead Baden-Württemberg spricht während des Redaktionsgesprächs bei bnn.de und Pforzheimer Kurier immer wieder selbstkritisch Klartext.

„Weit weg von dem, was wir uns auf die Fahne geschrieben haben“

Die ersten vier Monate auf dem völlig neuen deutschen Markt waren schwierig für das Bahnunternehmen, dessen Hauptsitz in London ist. Mit einer Schulnote für die bisherige Performance tut sich Sienknecht schwer. „Von der Außenwirkung waren wir nach dem Start zwischenzeitlich durchaus bei einer 2-3, inzwischen sind wir aber wieder auf maximal vier abgerutscht“, sagt er. Man wolle sich als Anbieter etablieren. „Aber aktuell sind wir weit weg von dem, was wir uns an Zielen auf die Fahne geschrieben haben.“

Redaktionsgespräch: Go Ahead kam mit Hans-Peter Sienknecht (Zweiter von links) sowie den Presseverantwortlichen Daniela Birnbaum und Erik Bethkenhagen zum Austausch mit René Ronge (rechts). | Foto: Jürgen Müller

Unerwartete neue Tücken

Dabei sah es zwischenzeitlich in der Tat nicht schlecht aus. Die Probleme mit Zugausfällen und Verspätungen waren nachweislich reduziert, die Pünktlichkeitsquote erreichte Werte über 90 Prozent. Eine positive Entwicklung, die man eigentlich fortsetzen wollte. Doch dann kamen unerwartet neue Probleme – während Go Ahead gemeinsam mit Zughersteller Stadler einige alte noch immer nicht im Griff hat. Vieles sei zwar erkannt. Doch Sienknecht muss einräumen, dass das ursprüngliche Ziel, die größten Probleme bis zum Herbst zu lösen, nicht erreicht wird. Er sagt: „Das Meiste ist am Werden. Ich kann aber nur um noch ein bisschen Geduld werben: Das Thema Türsysteme kann sich bis Ende des Jahres hinziehen.“ Die Fehlersuche dauerte länger als gehofft, Prozesse mit Gutachten und Zulassungen ziehen sich hin, und am Ende müssen alle Fahrzeuge durch die Werkstatt, um die Updates zu erhalten.

Problem am Leitsystem wird beseitigt

Aktuell hat das Unternehmen gleich mit mehreren technischen Tücken zu kämpfen, weshalb immer wieder Züge ausfallen oder nur als verkürzte Bahn auf die Strecke gehen. Ein drängendes Problem betrifft das Leitsystem. Sienknecht: „Eine Steckverbindung ist fehlerbehaftet. Dies führt unter manchen Konstellationen dazu, dass das System zusammenbricht. Es hängt sich auf, nichts geht mehr.“ Das Problem sei bei mehreren Zügen aufgetreten, werde aber bereits beseitigt.

„Kommen manchmal gar nicht erst zum Starten“

Problem zwei: „Manchmal kommen wir gar nicht erst zum Starten wegen Belägen auf der Magnetschienenbremse. Wenn sie zu dick sind, lässt ein Sensor den Zug nicht mehr fahren.“ Die Technik sei wohl zu sensibel eingestellt. Das Thema wird derzeit durch präventives Abklopfen der Beläge umgangen. Das dritte große Problem sind die Schiebetritte an den Türen. Auch sie reagieren sehr sensibel, wenn sie an den Bahnsteigen ausfahren – und versagen mitunter ganz den Dienst. Die neuen Züge wirken damit insgesamt erstaunlich störungsanfällig, auch bei Go Ahead wirkt man ein wenig genervt. Pressesprecher Erik Bethkenhagen erklärt: „In den Zügen sind viele neue Komponenten verbaut worden, die zudem über ein vollkommen neues Steuerungssystem miteinander verbunden sind, bei dem die Kommunikation zwischen den Komponenten und Steuergeräten über IP-Adressen erfolgt.“ So sollen die Züge fit für die Zukunft sein.

Für neue Strecken leiht Go Ahead wohl erstmal Züge

Sie kamen aber erst wenige Tage vor dem Betriebsstart bei Go Ahead an. Eine Testphase unter Realbedingungen gab es nicht. Versuchskaninchen war also quasi der Bahnkunde selbst. Ein Szenario, das Go Ahead in der nächsten Betriebsstufe vermeiden will. Nach der bisherigen Strecke Karlsruhe – Pforzheim – Stuttgart und weiter bis Aalen kommen ab Dezember Verbindungen von Stuttgart nach Ulm, Würzburg und Nürnberg dazu. „Wir stehen dort vor dem gleichen Dilemma. Die letzten Züge werden kurz vor dem Betriebsstart ausgeliefert werden. Wir haben wieder keine Zeit, sie ausgiebig zu testen“, so Sienknecht. Das wolle man sich nicht noch einmal antun. „Wir denken darüber nach, teilweise mit Altmaterial von Partnern zu starten.“ Auf die Residenzbahnstrecke soll all das keine Auswirkungen haben, betonen die Go-Ahead-Vertreter. Was auf der Verbindung um Pforzheim und den Enzkreis an Zugmaterial und Personal im Einsatz sei, bleibe auch dort.

Druck vom Verkehrsminister „legitim – aber überflüssig“

Dass der Verkehrsminister wegen der Unzufriedenheit der Kunden nun Entschädigungen ins Spiel bringt, halten die Go-Ahead-Vertreter für legitim – aber völlig überflüssig. „Nein, wir brauchen keinen zusätzlichen Druck. Der Verkehrsvertrag sieht ja schon Erlösminderungen vor, die dermaßen wehtun. Jeder Kilometer, den wir nicht fahren, kostet uns das Doppelte von dem, was wir als Erlös bekommen, wenn wir den Job richtig machen. Da reden wir nicht nur über 100 000 Euro, die monatlich weggehen“, erklärt der Geschäftsleiter. Man werde das erwartete Ergebnis in diesem Jahr bei Weitem nicht halten können.

In Deutschland bei null angefangen

Ganz unzufrieden ist man dennoch nicht. Sienknecht betont, Go Ahead habe in Deutschland bei null angefangen. „Wir mussten alle Strukturen und Systeme erst aufbauen. Im Herbst 2017 waren wir im Stuttgarter Büro zu acht, mittlerweile haben wir 270 Mitarbeiter unter Vertrag.“ Man arbeite gemeinsam mit Partnern rund um die Uhr, um die Probleme endlich in den Griff zu bekommen.