Kürzer und grauer sind die Haare heute bei Across-The-Border-Sänger Jochen Kröner (links) und Akkordeonist Andreas Kölsch. | Foto: tas

BNN exklusiv

Gründer von „Across The Border“ verraten: Neues Projekt geplant

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Fast jeder in Pforzheim, Bruchsal, Bretten oder Karlsruhe zwischen 40 und 50 kennt sie, oder kennt jemanden, der sie kennt: die Folk-Punk-Band „Across The Border“ aus Remchingen (Enzkreis). Sie hat über 350 Konzerte gespielt, es gibt kaum ein Dorf in der Region, in dem sie nicht aufgetreten ist. Beim Karlsruher Fest brachten die Musiker zweimal das Publikum zum Pogo-Tanzen: 1996 auf der Haupt-, 2002 auf der Feldbühne. Die alternative Pforzheimer Szene, wenn man sie so nennen möchte, haben die Musiker in den 90er Jahren mitgeprägt. Doch was machen die früheren Mitglieder von Across The Border nach zwei Auflösungen (2002 und 2012) eigentlich heute?

Ein Haufen neuer Lieder

Live eine Bank: Across The Border traten 2011 beim Fabrik-Open-Air in Bruchsal auf. In der Mitte Sänger Jochen Kröner. Andreas Kölsch (Zweiter von rechts) ist hier mal ohne Akkordeon zu sehen. | Foto: Across The Border

Ein neues Bandprojekt ist geplant, verraten die Gründungsmitglieder Jochen Kröner (Gesang) und Andreas Kölsch (Akkordeon) exklusiv beim BNN-Redaktionsbesuch in Pforzheim. Es sei noch nichts spruchreif, aber es gebe „einen Haufen neuer Lieder“, sagt Jochen Kröner, der im Remchinger Ortsteil Wilferdingen lebt. Der 50-Jährige schrieb bei „Across The Border“ die meisten Texte, darunter auch den Szene-Hit „I Can’t Love This Country Anymore“ vom Album „Hag Songs“ (1994). Darin kritisiert die Band Fremdenhass, Populismus und Kriegstreiberei. Der Song entstand zu einer Zeit, in der die Asyldebatte eskalierte. Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 hat die ein Jahr zuvor gegründete Band aufgewühlt.

Politisches Statement der Band?

Die Asylfrage wird fast 30 Jahre später erneut kontrovers geführt und politisch instrumentalisiert. Wäre es da nicht wieder Zeit für ein Statement? „Politik war uns nie so wichtig“, sagt Kölsch. „Der Spaß stand im Vordergrund“, meint Kollege Kröner. Dennoch gehöre es dazu, eine Meinung zu haben und sich zu positionieren. Ihr erstes öffentliches Konzert gaben „Across The Border“ am 24. August 1991 bei der Sommer-End-Party in Karlsbad-Auerbach. Dort legten an jenem Tag auch die „Baffdecks“ einen kraftvollen Auftritt hin, eine 1990 gegründete Bruchsaler Punk-Band, die später mit Szenegrößen wie „Exploited“ oder „Bad Religion“ auf Tour ging, ehe sie sich 2006 auflöste.

Stück zum „23. Februar“

Eines der neuen Lieder trägt den Arbeitstitel „23. Februar“. Dass Rechte am Pforzheimer Gedenktag 23. Februar (siehe Stichwort) jedes Jahr eine Bühne bekommen, ärgert Kröner, der als Sozialarbeiter bei der Lebenshilfe Pforzheim arbeitet. „Da geht es doch nur um Provokation und Aufmerksamkeit.“

Pforzheimer Gedenktag: Der 23. Februar 1945 ist der schwärzeste Tag in der Geschichte Pforzheims. Der Tag, an dem mindestens 17 600 Menschen bei einem alliierten Bombenangriff starben, hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Er spaltet bis heute die Stadtgesellschaft in der Frage, wie man eines solchen Ereignisses angemessen gedenkt. Neben der offiziellen Gedenkfeier auf dem Hauptfriedhof wird die zweite Hauptveranstaltung, das „Lichtermeer“ auf dem Marktplatz, von der Stadt gemeinsam mit Vertretern aus Kirche, Kultur und Gesellschaft getragen. Den Rechten auf dem Wartberg wollen die Stadtoberen möglichst keine Aufmerksamkeit schenken. Allerdings nutzen einige Rechtsradikale den Gedenktag jedes Jahr für ihre Propaganda. dia/tas

 

Erstes Konzert: Across The Border spielen 1991 bei der Sommer-End-Party auf dem Waldspielplatz in Auerbach. | Foto: Across The Border

Kröner und Kölsch wieder im Proberaum

Einmal im Monat treffen sich Kröner und Kölsch mit befreundeten Musikern im Proberaum. Geigen gibt es nicht mehr zu hören: „Wir wollen uns von Across The Border abgrenzen“, betont Kölsch. Der 49-Jährige versteht den Wunsch vieler Fans nach einer Wiedervereinigung. Vielleicht 2021, wenn sich die Gründung zum 30. Mal jährt? Mehr als ein einmaliges Konzert, wie 2017 im ausverkauften Karlsruher Substage, sei im Moment nicht machbar. Geigerin Nicole Ansperger ist seit 2013 mit Unterbrechung Mitglied der erfolgreichen Schweizer Folk-Metal-Band „Eluveitie“. Die einstigen Rebellen haben mittlerweile Familien, Kröner und Kölsch haben jeweils zwei Kinder.

Ausverkauft war das Konzert am 22. September 2017 im Karlsruher Substage. | Foto: Across The Border

Sie kommen nicht los von der Musik

Betriebswirt Andreas Kölsch macht heute unter dem Namen „Broken Piano“ aus bekannten Punksongs Klavierballaden und interpretiert Stücke von „Element Of Crime“ neu. Jochen Kröner tritt mit einem Mix aus Reggae, Ska, Chanson und Folkelementen als „Flohzirkus Orquestra“ auf. Zielgruppe sind Kinder zwischen drei und zehn Jahren. „Zu den Konzerten kommen auch Across-The-Border-Fans und bringen ihre Kinder mit“, freut sich Kröner.

Es war eine besondere Zeit

Beide blicken gerne zurück. Vermissen sie die wilde Zeit nicht? „Wir würden sie vermissen, wenn wir sie nicht erlebt hätten“, schmunzelt Kölsch. „Es war eine besondere Zeit. Wir haben ganz Deutschland gesehen“, betont Kröner und erzählt eine seiner schönsten Erinnerungen: In Freiburg stand er einmal in der Warteschlange vor einem Club, als drinnen plötzlich der Song „I Can’t Love This Country Anymore“ gespielt wurde. Der Türsteher glaubte nicht, dass das Stück von ihm ist. Dann begann Kröner zu singen. Der Türsteher staunte nicht schlecht und ließ Kröner in den Club.

Diskografie (Auswahl)
Studioalben
1994: Hag Songs
1996: Crusty Folk Music For Smelly People
1999: If I Can’t Dance, It’s Not My Revolution
2009: Loyalty
2011: Folkpunk Air-Raid
EPs
1993: Dance Around The Fire
1997: … But Life Is Boring, Sir, Without Committing a Crime!
1998: This Guardian Angel
2001: Short Songs, Long Faces
2016: Calling 999
Livealben und Kompilationen
2001: Rare And Unreleased Tracks (Vinyl-Single)
2002: Was Bleibt – The Best Of Across The Border (CD)
2005: The Last Dance Around the Fire (Live-Bootleg der Abschiedskonzerte 2002)
2010: The Best So Far – nur in Japan erschienen