Den lebendigen Beweis dafür, dass die Hebammen-Akademisierung auch eine Arbeit auf Augenhöhe mit den Ärzten ermöglicht, liefern (Kreißsaal-)Stationschefin Romy Hartmann und Frauenarzt Thomas Bernar vom Helios Klinikum Pforzheim | Foto: Helios Klinikum Pforzheim

Hochschulausbildung

Hebammen-Reform: Pforzheim macht’s vor

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Im Januar soll das Hebammenreformgesetz in Kraft treten. Muss es auch, Stichtag für die Umsetzung der EU-Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen ist der 18. Januar. Im Helios Klinikum Pforzheim arbeiten studierte Hebammen und Ärzte bereits Seite an Seite. Von der Diskussion zwischen Ärzten und Geburtshelferinnen, die mit der Reform entbrannt ist, merkt man hier nichts.

Der deutsche Hebammenverband begrüßt die Hochschulausbildung als Angleichung an europäische Standards, sieht darin sowohl einen Schritt zu mehr beruflicher Attraktivität wie auch zu mehr Austausch – auf Augenhöhe mit der Ärzteschaft. Deren Vertreter, etwa der Bundesverband für Frauenärzte (BVF), erkennen in der Akademisierung hingegen eine Verschärfung des Fachkräftemangels und befürchten eine Doppelstruktur; Konkurrenz an Stelle von Kooperation.

Studiengang Hebammenwissenschaft sei notwendig

Hebammenwissenschaft kann man schon jetzt studieren. Nicht nur im europäischen Ausland, seit dem Wintersemester 2018/19 bietet auch die Eberhard-Karls Universität Tübingen einen entsprechenden Studiengang an. „Der Hebammenberuf ist ein eigenständiger Beruf, es ist notwendig, dass die Qualifikation hierfür den heutigen Gegebenheit angepasst wird“, widerspricht Jutta Eichenauer, Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg, der Darstellung von BVF, der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie des Spitzenverbands Bund der Deutschen Krankenkassen (GKV).

Die Hebammen halten den Druck in den Kliniken nicht aus“
Jutta Eichenauer, Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg 

Zu viele Anforderungen, zu wenig Zeit

„Vorgaben aus der EU, Fortschritte in der Medizin und zunehmend komplexe Anforderungen verlangen immer mehr Wissen im Gesundheitsfachberuf“, sagt Eichenauer. „Stoffwechselerkrankungen, nicht-invasive Pränatal-Tests, mehrmalige Ultraschalluntersuchungen: Wir haben einen riesigen Katalog an Aufklärungs- und Beratungsarbeit, aber viel zu wenig Zeit.“ Immer mehr Kolleginnen verabschiedeten sich aufgrund der mangelnden Zeit aus dem Klinikbetrieb, wo eine Hebamme im Schnitt rund drei Frauen zu betreuen hat. „Sie halten den Druck nicht aus“. Etwa drei Viertel der Angestellten arbeiteten freiberuflich, schätzt Eichenauer. Und versuchten dabei meist, unter 450 Euro zu bleiben, „damit die Nebenkosten den Ertrag nicht fressen.“

Das hat nichts mit der Attraktivität des Berufsbildes zu tun, die Ausbildungsplätze nehmen ja zu“
Markus Haist, Frauenarzt und Landesvorsitzender des Bundesverbands für Frauenärzte

Kein Mangel, sondern Versorgungslücke

„Von einem Hebammenmangel kann aber keine Rede sein“, ist Markus Haist, Pforzheimer Frauenarzt, Landesvorsitzender des BVF und langjähriges Mitglied der DGGG, überzeugt. Die Diskussion werde mehr ideologisch, zugunsten der Hebammen, und nicht sachlich geführt. „Es sind ausreichend Hebammen ausgebildet, aber eben nicht in der Versorgung tätig. Das hat nichts mit der Attraktivität des Berufsbildes zu tun, die Ausbildungsplätze nehmen ja zu. Sondern“, und darin stimmt er mit Jutta Eichenauer überein, „mit der Arbeitssituation in den Kliniken.“ Es sei aber keine Frage der Vergütung, wie die Position der Hebammenverbände nahelegte.

Die Hochschulausbildung darf nicht zu Lasten anderer Berufsgruppen gehen. Wer will die doppelte Versorgungsstruktur finanzieren?

Markus Haist

Kritik an Zugangsvoraussetzungen

Die Akademisierung sei „im Sinne eines Qualitätsvorsprungs“ begrüßenswert, als einzige Möglichkeit des Berufseinstiegs schließe sie aber weniger qualifizierte Bewerber aus. „Diese Vorab-Selektion ist bedenklich. Ich kenne viele junge Damen, die sich gegen zwölf Jahre Schule, aber für die Lehre entschieden haben. Auch bei den Ärzten gilt für mich: Besser ein geschickter Umgang als ein 1,0-Abi“. Außerdem dürfe die Hochschulausbildung nicht „zu Lasten anderer Berufsgruppen“ gehen. „Wer will diese doppelte Versorgungsstruktur finanzieren?“, fragt Haist. Und fragt sich auch, wie viele der studierten Hebammen in den Kreißsaal zurückkehren.

Hochschulreife sei immer schon Regelfall gewesen

Margarete Wetzel betreibt gemeinsam mit zwei Kolleginnen die Hebammenpraxis Pforzheim, die einzige Einrichtung im Stadtgebiet, die Frauen auch Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Wetzel ist Hebamme seit 1978. „Schon damals“, schüttelt sie den Kopf über den Vorwurf der neuerlichen Selektion, „war ein Ausbildungsplatz wie ein Lotteriegewinn, weil acht von zwölf Bewerberinnen die Hochschulreife hatten.“

Wir machen aus der EU-Richtlinie ein Konkurrenzthema, statt uns im Sinne der Familie nicht zu spalten“
Margarete Wetzel, Hebamme seit 1978

Verantwortung und Haftung fordert Qualifikation

Eine solche Qualifikation, gibt Wetzel zu bedenken, sei in einem so „hochverantwortungsvollen Beruf“ aber auch unbedingt notwendig, alternativ eben über den zweiten Bildungsweg. Hebammen haften bei Fehlern genauso wie der Arzt. Dabei gelten sie bislang nur als Fachfrau „für den gesunden Bereich“, eine akademische Schulung im pathologischen Bereich sei also umso nötiger, wenn es um das Mitspracherecht bei schwerwiegenden Entscheidungen gehe. „Wir machen aus der EU-Richtlinie ein Konkurrenzthema“, bedauert Wetzel, „statt uns im Sinne der Familie nicht zu spalten. Die Zusammenarbeit mit den Ärzten hat in der Hausgeburtshilfe jahrelang funktioniert. Wir sollten gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen schaffen, statt uns von Konkurrenzängsten einnehmen zu lassen“, findet sie.

Helios Klinikum Pforzheim ist Vorreiter

Dass das funktionieren kann, beweist der Alltag im Helios-Klinikum Pforzheim. Im dortigen Kreißsaal, so bestätigt das Klinikum auf Nachfrage, arbeiten drei Hebammen mit Masterabschluss, eine vierte werde demnächst eingestellt. Stationsleiterin Romy Hartmann und Thomas Bernar, Chefarzt Frauenheilkunde und Gynäkologie, sehen die Akademisierung als wichtigen Schritt zur interprofessionellen Kooperation.