Beim Glockenturm der Waldenserkirche in Serres hängt ein Schild, das auf die Geschichte der „Hitler-Glocke“ hinweist. Foto: to

Gemeinde bringt Schild an

„Hitler-Glocke“ läutet in Serres

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Unscheinbar ist sie und mit 51 Zentimetern Durchmesser auch relativ klein: die „1. Hitler-Glocke Deutschlands“. Im Glockenturm der Waldenserkirche in Serres ist sie vor Besuchern sicher. Nur Pfarrer Friedrich Hörger, Konfirmanden und die Mesnerinnen haben Zutritt zum Glockenturm, den man über schmale Holztreppen erklimmt. Auf ihre Geschichte weist äußerlich nichts hin – die ursprüngliche Inschrift „Adolf Hitler“ und die Jahreszahl 1933 wurde nach 1945 fachmännisch abgeschliffen. Im Innern der Bronzeglocke steht mit Ölfarbe jedoch klar, um was es sich hier handelt: um die „1. Hitlerglocke Deutschlands/Kloster Maulbronn“.

Davon wissen nur die ältesten Einwohner

Im Maulbronner Kloster hing sie im westlichen Dachreiter und wurde am 28. Mai 1933 feierlich eingeweiht, wie im Maulbronner Heimatbuch 2012 ausführlich geschildert wird. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie an die evangelische Kirchengemeinde Serres verkauft. Diese hat aus der Geschichte der Glocke kein Geheimnis gemacht und die 83 Kilo schwere Bronzeglocke 1995 für die Ausstellung „Mit Gott für Volk und Vaterland“ sogar leihweise nach Ludwigsburg gebracht. Dennoch kennen im Wiernsheimer Ortsteil die wenigsten die Herkunft der Glocke, die immer noch regelmäßig läutet. „Davon wissen wahrscheinlich nur die älteren Einwohner“, sagt Gemeinderat Ludwig Gille, der vermutet, dass das Thema bewusst nicht an die „große Glocke“ gehängt und eher „ruhig gehalten“ wurde.

Oberkirchenrat lehnt Einschmelzung ab

Der Karlsruher Werner Banghard, der in seiner Freizeit NS-Geschichte erforscht und von der Glocke aus dem Maulbronner Heimatbuch erfahren hat, hat deshalb mit Pfarrer Hörger vor rund zwei Jahren Kontakt aufgenommen und ihn aufgefordert, in der Kirche ein Schild anzubringen, das über die Geschichte der Glocke aufklärt und mit dem sich die Kirchengemeinde vom Nationalsozialismus distanziert. „Es geht um Erinnerungskultur und darum, wie man mit der Vergangenheit umgeht“, findet Banghard. Der Kontakt zu Pfarrer Hörger sei zunächst „zäh“ gewesen, so der Karlsruher, dem es am liebsten wäre, wenn das „Symbol für die Zeit des Nationalsozialismus“ abgehängt und eingeschmolzen werden würde. Das lehne er jedoch ab, schrieb der Stuttgarter Oberkirchenrat Hans-Peter Duncker 2017 in einem Brief an Pfarrer Hörger. Dieser beschloss nach Rücksprache mit dem Kirchengemeinderat schließlich, ein erklärendes Schild aufzuhängen und forderte Banghard auf, Textvorschläge zu schicken. Im Oktober durfte der Karlsruher Geschichtsforscher die Glocke sogar besichtigen, fotografieren allerdings nicht.

Pfarrer befürchtet Wirbel wie in Herxheim

Hörger befürchtet, dass durch zuviel Aufmerksamkeit und Presseberichte die Wogen ähnlich hoch schlagen wie im pfälzischen Herxheim, wo Hakenkreuze an Kirchturm und Glocke sogar die Gerichte beschäftigt haben.
Inzwischen hat Hörger eine eingeschweißte Din-A4-Seite am Eingang zum Glockenturm angebracht – einer Stelle allerdings, die kein Besucher zu Gesicht bekommt. Auf dem Blatt nennt Hörger Daten und Fakten zur Glocke. Außerdem betont er mit Verweis auf die Ausstellung 1995 in Ludwigsburg, dass nie ein Geheimnis aus ihrer Herkunft gemacht worden sei. Und er bringt sie in Verbindung mit dem Schuldeingeständnis der evangelischen Kirchen in Deutschland vom Oktober 1945.

Dass in der Waldenserkirche in Serres die erste „Hitler-Glocke“ Deutschlands hängt, wissen selbst im Ort nicht viele. Foto: to

Bürgermeister erwartet keine Probleme mit ungebetenen Besuchern

Mit dem erklärenden Text in der Waldenserkirche in Serres sei er einverstanden, räumt Banghard ein. Der Geschichtsforscher hält es für möglich, dass im Land noch mehr „Hitler-Glocken“ in den Dörfern läuten.
Überrascht ist der Wiernsheimer Bürgermeister Karlheinz Oehler von der Geschichte der Glocke in der Waldenserkirche: „Davon war mir nichts bekannt. Serres war ein renitentes Dorf, dass sich beispielsweise gegen Euthanasie-Tötungen gewehrt hat.“

Serres war ein renitentes Dorf

Oehler fände es falsch, wenn „alles aus der Zeit des Nationalsozialismus“ beseitigt werden würde. Ein erklärendes Schild sei der richtige Umgang mit der Glocke, sagt er. Die Gemeinde wäre auch bereit, sich an den Kosten zu beteiligen. Der Bürgermeister kann sich auch vorstellen, die Geschichte der Glocke im Amtsblatt der Gemeinde oder im Heimatbuch bekannt zu machen. Dass das ungebetene Besucher in die Waldenserkirche lockt, befürchtet der Bürgermeister nicht.