Erklingt wieder: Die „Hitler-Glocke“ in der Waldenserkirche in Serres war ein Jahr lang wegen eines Schwelbrands am Schaltschrank stumm, hat aber dennoch für Schlagzeilen gesorgt. Foto: Kirchengemeinde

Schwelbrand-Schaden behoben

Hitler-Glocke in Wiernsheim-Serres läutet wieder

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Ein Jahr lang war sie stumm, die so genannte „Hitler-Glocke“ in der Waldenserkirche in Serres. Für Schlagzeilen hat die Bronzeglocke dennoch gesorgt – vor allem deshalb weil die Kirchengemeinde zögerte, mit einem Hinweisschild auf die Geschichte der Glocke hinzuweisen.

Fast ein Jahr lang waren die Glocken der Waldenserkirche in Serres verstummt. Ein Schwelbrand am Schaltschrank hatte am 23. Juni 2018 die Elektrik lahmgelegt, erklärt Pfarrer Friedrich Hörger. 70 000 Euro habe es gekostet, den Schaden zu beheben. Die Kirchengemeinde trägt die Kosten – unter anderem mit Zuschüssen der Gemeinde Wiernsheim und der Scheuermann-Stiftung.

Infos zu den Glocken bei Gottesdienst

Die Glocken laden nun also wieder zum Gottesdienst ein – etwa am kommenden Sonntag, 16. Juni, ab 9.30 Uhr in der Waldenserkirche, wie ein kleines Plakat an der Kirchentür informiert. Beim Gottesdienst will Pfarrer Hörger über die drei Glocken und ihre Aufgaben informieren – auch über die „Hitler-Glocke“, allerdings soll diese nicht im Vordergrund stehen, teilt er auf Anfrage des Pforzheimer Kurier mit.

Die Geschichte der drei Glocken ist Thema beim Gottesdienst am Sonntag in der Waldenserkirche in Serres. Foto: to

Hinweisschild beim Glockenturm

Wie berichtet, hängt die Glocke auf dem kleinen Dachreiter der Waldenserkirche. Die ursprüngliche Inschrift „Adolf Hitler“ und die Jahreszahl 1933 wurden nach 1945 fachmännisch abgeschliffen. Im Inneren der Bronzeglocke steht mit Ölfarbe jedoch noch „1. Hitler-Glocke Deutschlands/Kloster Maulbronn“. Daten und Fakten zur Glocke sind auf einer eingeschweißten Din-A4-Seite am Eingang zum Glockenturm nachzulesen – allerdings bekommen Kirchenbesucher die Seite an der Stelle nicht zu Gesicht, weil nur Kirchenmitarbeiter Zutritt zum Glockenturm haben.

Angst vor zuviel Aufmerksamkeit

Darüber, weitere Hinweisschilder am Kircheneingang oder einer zugänglicheren Stelle anzubringen, sei im Kirchengemeinderat nicht weiter diskutiert worden, so Hörger. Er lehne weitere Schilder auch ab – aus Angst vor zuviel Aufmerksamkeit und davor, ungebetene Besucher anzulocken. Dennoch sei die Kirchengemeinde mit dem Thema offen umgegangen, betont der Pfarrer, der den Artikel im Pforzheimer Kurier zum Anlass genommen habe, um die Geschichte der Glocken zu recherchieren und im Gemeindebrief, der an Ostern erschienen ist, zu veröffentlichen. Außerdem habe Museumsleiter Werner Unseld bereits im September 1995 über die 83 Kilo schwere Hitler-Glocke berichtet, die im selben Jahr den Landeskirchlichen Museen in Ludwigsburg für die Ausstellung „Mit Gott für Volk und Vaterland“ zur Verfügung gestellt worden sei, so Hörger.

Glocke hing ursprünglich in Maulbronn

Im Maulbronner Kloster hing die Glocke im westlichen Dachreiter und wurde wie berichtet am 28. Mai 1933 feierlich eingeweiht. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie an die evangelische Kirchengemeinde Serres verkauft. Diese habe im Krieg das Geläut eingebüßt und dankbar die Glocke genommen, ohne deren Vorgeschichte an die große Glocke zu hängen, schreibt Unseld zur Ausstellung 1995. Für den damaligen Museumsleiter symbolisiert die Glocke das unkritische Verhältnis der evangelischen Kirche zur nationalsozialistischen Obrigkeit. Zu ihrer Schuld haben sich die evangelischen Kirchen im Oktober 1945 aber bekannt, schreibt Hörger auf der Hinweis-Seite beim Glockenturm.

Da hilft nur klare Kante

Werner Banghard aus Karlsruhe, der in seiner Freizeit NS-Geschichte erforscht, fordert Pfarrer Hörger weiterhin dazu auf, eine öffentliche Tafel anzubringen. Die Glocke läute schließlich auch öffentlich. Daher müsse die Kirchengemeinde Stellung beziehen, denn die Glocke sei keine Reliquie in einem versteckten Schrein. „Eine selbstgestrickte Tafel vom Charme einer Speisekarte in einer Gartenwirtschaft und dann noch an bewusst versteckter Stelle ist peinlich. Gedenkarbeit muss ihre Würde haben“, sagt Banghard. Auch die Angst vor einem Wallfahrtsort der Rechten hält der Historiker für unrealistisch und vorgeschoben: „Da hilft kein undifferenziertes Verhalten, sondern nur klare Kante.“