Uwe Hück sorgt sich um den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Die durch Mesut Özil aufgeworfene Rassismus- und Integrationsdebatte nennt er „unehrlich“. | Foto: dpa

Fußball und Integration

Hück: Wir haben mehr zu verlieren als ein Özil

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Herr Hück, Sie sind unter anderem Integrationsbotschafter des Badischen Fußballverbands und Vorsitzender des FSV Buckenberg in Pforzheim. Wie haben Sie den Fall Özil und die daraus entstandene Rassismus-Debatte wahrgenommen?

Hück: Ich habe vor allem wahrgenommen, dass die Debatte unehrlich ist und das von beiden Seiten. Wenn sich ein Mitarbeiter politisch äußert – das ist sein gutes Recht –, dann erwarte ich, dass er sich erklärt. Wenn das bei Porsche gewesen wäre, hätten wir gesagt: Politik hat hier nichts zu suchen, wir bauen Autos. Eine ähnliche Ansage hat der DFB verpasst. Dass sie dann hinterher draufhauen ist unehrlich. Verzeihung, wenn ich mich in Rage rede. Bei solchen Themen wie Rassismus ist meine Zündschnur ganz kurz.

Können Sie Özils Kritik, gerade auch in Hinblick auf Rassismus im Fußball, nachvollziehen?

Hück: Dazu möchte ich inhaltlich nicht viel sagen, nur so viel: Er war Nationalspieler in Deutschland. Ich erwarte, dass er die Steuern dann auch in Deutschland zahlt. Wir müssen aufhören zu akzeptieren, dass unsere Sportler ihre Steuern im Ausland bezahlen. Wir leben immerhin in einem Sozialstaat.

Ein Gedanke, der in diesem Zusammenhang nicht vielen kommt …

Hück: Der Sozialstaat hat mich, ganz persönlich, groß gemacht. Ich bin Vollwaise und habe dadurch eine Chance bekommen. Aber Millionären, die hier nicht einmal was geleistet haben, sollten wir nicht auch noch Honig ums Maul schmieren, unabhängig von der Person Mesut Özil. In Deutschland gibt es Spielregeln, an die man sich halten muss.

Dennoch hat die Affäre nun eine Rassismusdebatte losgetreten …

Hück: … die mich sehr stört. Denn dadurch entsteht noch mehr Rassismus. Es ist, als wenn man schlafende Hunde weckt. Es gibt einen Rechtsruck und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Wir haben verpasst, der jungen Generation zu erklären, wie toll ein gemeinsames Europa ist, was 70 Jahre Friede in Europa bedeuten. Wir müssen als Gesellschaft sagen: Jetzt ist Schluss. Wir haben mehr zu verlieren als ein Özil. Friede ist wichtiger, als immer Recht zu haben.

Und zum Rassismus selbst?

Hück: Tja, jetzt schreit jeder Rassismus, gerade auch die Verantwortlichen. Da frage ich mich: Habt ihr das erst jetzt gemerkt? Brauchten wir dafür erst einen gekränkten Millionär? Genau das meine ich mit Unehrlichkeit und Doppelmoral. Die, die sich jetzt melden sind die, die vorher weggeschaut haben.

Haben Sie im Fußballalltag Rassismus erlebt?

Hück: Fußball ist emotional. Da wird auch schnell mal beleidigt. Wo wir als FSV Buckenberg gespielt haben, waren wir immer die Deutschrussen, es wurde schnell hitzig. Bei uns haben wir das dann so gelöst: Wer die Rote Karte gesehen hatte, der musste danach bei mir zum Sparring kommen. Seitdem bekommen wir kaum noch Rote Karten. Man muss einfach klare Spielregeln aufstellen, sonst gibt’s Ärger. Ich gestehe: Ich bin ein großer Spielregel-Fan.

Wie lässt sich, gerade auch von offizieller Seite, diesen Beleidigungen Herr werden?

Hück: Das ist ja ein gesellschaftliches Problem. Wir haben ja keine wirklichen Werte mehr. Beim FSV Buckenberg trichtere ich den Jungs ein: Toleranz, Respekt, Hilfsbereitschaft. Darauf bauen wir den Verein auf. Und das sind nicht nur Schlagworte. Toleranz bedeutet bei uns eben auch zu akzeptieren, was man selbst nicht so mag, zum Beispiel wenn einer jeden Tag betet. Respekt bedeutet auch, dass es keinen Unterschied machen darf, wie viel Geld jemand hat. Und wenn ich von Hilfsbereitschaft spreche, dann muss die sofort kommen, ohne groß darüber nachzudenken. Wir brauchen in dieser Gesellschaft wieder echte Vorbilder, die das vorleben. Wir brauchen auch wieder Eltern, die ihre Kinder entsprechend erziehen. Die Eltern müssen ihren Kindern Werte vermitteln und diese auch vorleben. Das Grundproblem ist eher, dass die Eltern dafür bei all dem Arbeitsstress kaum noch Zeit haben.

Also reicht es nicht, nur die anzusprechen, die sich danebenbenehmen?

Hück: Bei Alkoholikern gibt es die Proalkoholiker, die ihnen sogar noch ein Bier anbieten. So ähnlich funktioniert das auch auf den Rängen mit Beleidigungen. Wir brauchen wieder Menschen, die Courage haben, die aufstehen und sagen: Sowas wollen wir hier nicht. Wenn ich sowas sehe, dann kann ich mich nicht mehr zurückhalten. Wir brauchen einfach mehr Autoritätspersonen, im Trainerbereich, im Ehrenamt und und und.

Wie kann der Fußball ein gesellschaftliches Problem lösen?

Hück: Fußball ist in Deutschland unheimlich wichtig. Aber der Fußball wird versaut, und zwar durch die Gehälter der Spieler. Wir können schließlich von der Basis nicht mehr erwarten als von der Spitze. Wenn Spieler für 200 Millionen Euro gekauft werden, dann hat das nichts mehr mit Anstand zu tun. Einige Unternehmen, wie Porsche und VW, haben Managergehälter schon gedeckelt. Das müssen wir auch im Fußball tun. Sonst verlieren wir alles. Wir haben einen Virus des Unanständigen bekommen. Wir sollten mal wieder hingehen und fragen: Was ist Moral? Aber da braucht es Autoritätspersonen im Fußball, die vorneweg gehen. Wir brauchen wieder Spieler, die ihren Verein oder ihre Nationalmannschaft lieben, sich damit identifizieren und identifizieren lassen.

Nun gibt es auch Vereine, deren Spieler gemeinsame kulturelle Wurzeln teilen wie die türkischen Vereine oder Español Karlsruhe. Welche Rolle kommt diesen Vereinen im Rahmen der Integration zu?

Hück: Das hat nichts mit Integration zu tun. Das ist Ausgrenzung der Nationalität und integrationshemmend. Aber man muss sich auch fragen, warum manche Politiker genau solche Vereine auch noch fördern. Der FSV Buckenberg hat den Pfad des Russlanddeutschen-Vereins verlassen, wir bekommen nicht einmal eine Vergünstigung beim Strom. Auf der anderen Seite werden auch hier türkische Vereine noch unterstützt. Das ist der falsche Weg und führt zu dem, was wir schon in Europa beobachten: Ungarn kümmern sich um Ungarn, Polen um Polen. Wir müssen wieder flächendeckend sagen: Jeder kann hier in Pforzheim Fußball spielen, ob Türke, Russe, Deutscher und so weiter. Wir haben über 50 Prozent Migrationshintergrund in der Stadt und über 140 Nationen vertreten. Man fragt sich schon, warum Pforzheim es nicht besser hinbekommt. Wir müssen mehr miteinander reden statt übereinander.

Eine Möglichkeit dazu bietet sich im Verein – doch für manche Kinder ist schon der Beitritt eine hohe Hürde. Warum ist das so ein Problem?

Hück: Die Vereine sind doch gar nicht mehr in der Lage, so viele aufzunehmen. Die Infrastrukturen sind teilweise katastrophal. Deshalb gibt es ja Projekte wie den Uwe-Hück-Cup oder die Bolzplatzliga. Die Politik vernachlässigt die Vereine, die werden sich selbst überlassen. Wenn ich beim FSV Buckenberg nicht den Robin Hood geben würde, könnten wir uns die niedrigen Mitgliedsbeiträge auch nicht mehr leisten. Und hier fängt Integration an.