Druckfrisches Werk in der Tasche: Autorin Carmilla DeWinter mit ihrem neuen, über 300 Seiten starken Roman „Jinntöchter. K_ein orientalisches Märchen“. | Foto: bba

Gesellschaft im Zerrspiegel

Fantasy made in Pforzheim: Carmilla DeWinter entführt in die Wüste

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Unter den bunten Vögeln der Goldstadtautoren ist Carmilla DeWinter sicher der schillerndste. Nicht nur wegen ihrer farbenfrohen Kleidung. Neben ihren Fantasy-Romanen schreibt die schmale 36-Jährige mit dem rotbraunen Lockenschopf unter anderem fiktive Nachrichten für das „Bundesamt für magische Wesen“, bloggt mit scharfer Zunge über Gott und die Welt und hat bei der Wahl ihrer Figuren ein Faible für Randgruppen.

Bekanntes mit neuen Augen sehen

„Das Schöne an Fantasy ist, dass man einen Schritt vom Bekannten zurücktreten und einen neuen Blick einnehmen kann“, sagt DeWinter – die eigentlich anders heißt und im Hauptberuf Apothekerin ist. „Das möchte ich aber nicht so gern vermischen“, erklärt sie die Verwendung ihres Künstlernamens. Fantasy versteht die in Mäuerach wohnhafte Literatin, ähnlich wie ihr großes Vorbild und Scheibenwelt-Vater Terry Pratchett, nicht als Weltflucht. Stattdessen nimmt sie reale Zustände durch Verfremdung oder Verdrehung aufs Korn, so zum Beispiel die kulturell bedingte Machtstruktur zwischen Mann und Frau. Auch wenn also durch ihre Romane klassische Genre-Figuren wie Magier, Alben und Heiler geistern, kämpfen diese doch mit reellen Problemen: Geldnot, unglückliche Liebe, religiöse Konflikte oder Stigma wegen sexueller Orientierung.

Hauptfiguren mit eigenem Kopf

So steht im Zentrum des neuen Werks „Jinntöchter“ die Prostituierte Maya, die sich nichts mehr als eine Familie wünscht. Mit der Politik ihres besetzten Heimatlandes will sie sich eigentlich nicht beschäftigen, doch als sie einem entlaufenen Zwangsarbeiter bei der Flucht hilft, nehmen die Dinge einen unvorhergesehenen Lauf. „Maya hat mich eines Tages einfach unter ihrem gelben Schleier hervor angeschaut“, schmunzelt DeWinter, auf den Ursprung ihres literarischen Personals angesprochen. Aus alltäglichen Eindrücken und Gedanken zur Welt und Gesellschaft nehmen die Protagonisten Gestalt an. Und wachsen ihr während des Schreibprozesses ans Herz: „Auch meine Bösewichte haben nachvollziehbare Motive – ein Schwarz-Weiß-Denken wäre mir zu platt.“

Bei Schreibblockaden hilft die Excel-Tabelle

Nach der Figurenfindung geht die schriftstellerische Arbeit aber erst so richtig los. „Im Fall von ,Jinntöchter‘ habe ich mich intensiv eingelesen, wie Völker in der Wüste leben, wie die Sprachen funktionieren, welche Rolle Religion spielt“, erläutert DeWinter. Auch eine Studienreise nach Marokko gehörte zur Recherche. Wenn sich im Laufe des Schreibens einmal eine Blockade anmeldet, greift die studierte Pharmazeutin ganz strategisch zur Excel-Tabelle. „Jede Figur bekommt ihre eigene Spalte, eine weitere gehört der Handlung“, erklärt sie. So „puzzele“ sie dann herum, bis der Erzählbogen rund zum gewünschten Schluss führe.

Letzter „Albenbrut“-Teil ist in der Mache

Diese sehr durchdachte Vorgehensweise hat sich bereits bewährt: DeWinters „Albenbrut“-Reihe über die Liebesgeschichte eines homosexuellen Paares erfreut sich in Fantasy-Kreisen großer Beliebtheit. „Wer dabei allerdings eine süßliche Schnulze erwartet, wird enttäuscht. Ich habe so meine liebe Not mit dem Süßsein“, sagt DeWinter ironisch. Der dritte Teil und Abschluss der Reihe,  „Albenherz“, befinde sich aktuell im Lektorat.

Engagement für sexuelle Toleranz: AktivistA

Ihre Liebe zu Randgruppen rührt sicher auch daher, dass sie selbst zu einer gehört, verrät die Autorin. Sie selbst zählt sich zur Gruppe der Asexuellen. „Wenn man das sagt, verlangen Leute gerne mal einen irgendwie gearteten Beweis. Doch der Beweis, dass jemand schwul, lesbisch oder heterosexuell ist, steht ja auch noch aus.“ Gerne komme auch der Vorwurf der irgendwie gearteten Kompensation. „Dabei steht doch dahinter eigentlich die Frage: Warum kann ich eine Person nicht so akzeptieren, wie sie ist?“, findet DeWinter. Um Aufklärungsarbeit zu leisten, hat sie mit zwei anderen Gründern die bundesweit aktive Gruppe AktivistA ins Leben gerufen.

Schöne neue Online-Welt?

Trotz ihrer Rührigkeit: Stundenlang auf Social Media mit Fans zu schreiben ist nicht so DeWinters Ding. „Inhaltliche Diskussionen finde ich spannend – aber sich gegenseitig nur beteuern, wie toll man sich findet, ist mir zu langweilig“, so die Autorin. Außerdem zerpflücke ein dauernd bimmelnder Computer die Aufmerksamkeit. Wer mit ihr ins Gespräch kommen will, hätte darum mehr Chancen, wenn er mit einer Flasche Wein an der Tür klingelt. „Vorausgesetzt, ich bin daheim und habe aufgeräumt“, fügt sie augenzwinkernd hinzu.