Abwechslungsreich: Eine Ausbildung zum Metallbauer absolviert Tom bei der Pforzheimer Firma Spittelmeister. Viele Handwerkerbetriebe brauchen qualifizierten Nachwuchs. | Foto: Kreishandwerkerschaft Pforzheim

Nachwuchs fehlt trotzdem

In der Region Pforzheim gibt es gute Chancen auf Lehrstellen – trotz Corona

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Menschen in Pflegeberufen verdienen mehr Wertschätzung: Fast scheint es, als würde der seit Beginn der Coronakrise gebetsmühlenartig vorgetragene Appell vieler Politiker Wirkung zeigen. Darauf schließen lässt zumindest ein großes Interesse junger Menschen, die sich beim Siloah St. Trudpert Klinikum in Pforzheim beworben haben.

Susanne Pröll, Schulleiterin am dortigen Bildungszentrum, spricht von einem deutlichen Anstieg an Bewerbungen für den Beruf der Pflegefachfrau beziehungsweise des Pflegefachmanns. Am Helios-Klinikum seien es im Vergleich zum Vorjahr zwar etwas weniger Bewerbungen, aber die Zahlen schwankten naturgemäß, und das Interesse an einer Ausbildung sei groß, teilt Elena Koch von der Unternehmenskommunikation mit.

Neue Wertschätzung macht Pflegeberufe attraktiver

„Der Oktoberkurs ist mit 30 Azubis bereits voll besetzt.“ Ob Corona dabei eine Rolle spielt, vermöge sie nicht zu sagen, erklärt Koch. Mit 50 Anwärtern will das Siloah St. Trudpert am 1. Oktober ins nächste Ausbildungsjahr starten. „Es gibt noch wenige freie Plätze“, sagt Pröll. Aus Bewerbungsgesprächen weiß sie, dass die neue Wertschätzung den Beruf für viele junge Leute attraktiver macht.

Es gibt keine Kurzarbeit und keine Kündigungen

Susanne Pröll, Schulleiterin des Bildungszentrum

Ein weiterer Grund kommt hinzu: „Es ist ein sicherer Arbeitsplatz. Es gibt keine Kurzarbeit, keine Kündigungen“, spricht Pröll an, was anderswo in vielen, von Corona gebeutelten Branchen geschieht.
Generell stehen in Pforzheim und im Enzkreis die Chancen für junge Menschen gut, nach dem Schulabschluss für diesen Herbst noch einen Ausbildungsvertrag zu bekommen.

Noch unbesetzte Ausbildungsplätze in fast allen Bereichen

„In fast allen Bereichen“, erklärt Stefan Gauß, Sprecher der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim. Er macht auch Spätzündern Mut, sich möglichst bald noch zu bewerben. Trotz Corona bezeichnet Gauß den Ausbildungsstellenmarkt – nach derzeitigem Stand – als stabil: Im Berichtsjahr (von Oktober 2019 bis Mai 2020) wurden der Agentur 790 Ausbildungsplätze von Pforzheimer Betrieben gemeldet, das waren 2,2 Prozent weniger als im Jahr davor. Im Enzkreis waren es mit 898 Stellen sogar 4,1 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Traditionelle Ausbilder setzen weiterhin auf Nachwuchssicherung

Aktuell gibt es in Pforzheim noch 375 unbesetzte Stellen, dem gegenüber stehen 336 Bewerber. Weniger als fünf Prozent der 800 Betriebe, mit denen die Arbeitsagentur in Kontakt steht, hätten Lehrstellen storniert, vier Prozent seien noch unschlüssig, ob sie im gewohnten Umfang ausbilden, so Gauß.

Kein Zaudern und Abwarten gibt es bei Dentaurum in Ispringen oder Witzenmann und Kramski in Pforzheim: „Wir haben drei Auszubildende im kaufmännischen und drei im technischen Bereich“, berichtet Claudia Nestle von Dentaurum, was üblichen Zahlen entspreche. Das Unternehmen setzt auf Weiterbeschäftigung des eigenen Nachwuchses und auf Fachkräftesicherung.

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Eine Unternehmensphilosophie, die Witzenmann gleichermaßen verfolgt. Aktuell werden dort 50 Nachwuchskräfte ausgebildet. Seit 2019 gibt es eine neue Ausbildungsstelle für Wirtschaftsinformatiker. Das kam dem Unternehmen in der Zeit des Lockdown zupass, als viele Mitarbeiter und die Azubis ins „mobile Arbeiten“ geschickt wurden, was neue technische Logistik erforderte.

„Unabhängig von Corona werden wir weiterhin die Ausbildungsstellen wie in der Vergangenheit besetzen“, sagt auch Melissa Zilly, Assistentin der Geschäftsleitung bei Kramski. Aktuell seien unter anderem noch Ausbildungsberufe wie Verfahrensmechaniker Kunststoff-/Kautschuktechnik, Maschinen- und Anlagenführer, Stanz- und Umformmechaniker verfügbar.

Stadt Pforzheim als Ausbilderin zeigt sich unbeeindruckt von Corona

Die Stadt Pforzheim als eine der größten Ausbilderinnen der Region zeigt sich unbeeindruckt von Corona-Auswirkungen. Für Herbst sei das Verfahren ohnehin abgeschlossen und was das kommende Jahr anbelange, so seien seit drei Wochen Bewerbungen auf rund 60 angebotene Ausbildungsstellen möglich, teilt Stadtsprecher Stefan Baust mit.

Beim Handwerk werden Einbrüche erwartet

Beim Handwerk hingegen „überlagert Corona alles“, stellt Matthias Morlock, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Pforzheim, fest. „Es gibt auf jeden Fall einen Einbruch“, prognostiziert er. Dabei hatten alle Betriebe auch während des Lockdown geöffnet und unentwegt zu tun. Weil aber Schulen geschlossen waren, fielen sonst übliche Beratungsgespräche und Praktika weg.

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Nun seien viele junge Leute mit Prüfungen beschäftigt. Laut Morlock hat das zur Folge, dass manch ein Sanitär- oder Zimmerer-Betrieb noch keine einzige Bewerbung vorliegen hat. Zudem plagten viele Firmen Existenzsorgen, so dass sie aus den Augen verloren hätten, selbst Nachwuchs zu akquirieren.

Die Ausbildungsprämie der Regierung begrüßt Morlock. „Das war immer eine Forderung von uns.“ Wenn der bürokratische Aufwand nicht zu groß sei, könne dies ein guter Anreiz für Betriebe sein. „Das Handwerk sucht dringend qualifizierten Nachwuchs.“ Als einzigen positiven Aspekt von Corona erhofft sich Morlock einen Imagegewinn für die Branche mit ihren „krisenfesten Berufen“.