In Schieflage geraten kann Emils Rollstuhl, wenn er die kleine Abschrägung hochfährt. Der Rollstuhl steht dann auf den kleinen Stützrädchen auf. | Foto: Roller

Rollstuhlfahrer klagt an

Ist die Straße vorm Pforzheimer Hauptbahnhof nicht barrierefrei?

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Emil sitzt im Rollstuhl. Den BNN berichtet er von Problemen beim Überqueren der Bundesstraße im Bereich vor dem Pforzheimer Hauptbahnhof. Denn an den vier Stellen, wo die Straße in den Gehweg übergehe, sei die Steigung viel zu hoch und damit nicht barrierefrei. Die Stadt sieht derweil keinen Handlungsbedarf.

Von unserem Mitarbeiter Nico Roller

Vor Emil rauschen die Autos vorbei. Wenn die Fußgängerampel von Rot auf Grün umschaltet, dann wird er die vierspurige Bundesstraße vor dem Pforzheimer Hauptbahnhof überqueren. Wohl ist ihm nicht bei dem Gedanken daran. Denn Emil sitzt im Rollstuhl. Sorgen bereiten ihm die vier Stellen, an denen die Straße auf den Gehweg übergeht. Eine davon gibt es auf jeder Seite der Straße, zwei an den Rändern der Mittelinsel. Obwohl sie speziell für mobilitätseingeschränkte Menschen wie Emil vorgesehen sind, hat der 79-Jährige eigenen Angaben zufolge Schwierigkeiten, sie zu überqueren. Sie seien zu steil, sagt er: „Wenn ich da runterfahre, bleibe ich mit den Fußrasten hängen.“ Um das zu verhindern, müsse er an seinem Rollstuhl die Flächen hochklappen, die eigentlich zum Aufstellen der Füße vorgesehen sind. Die Füße hält er dann in der Luft.

Keine Chance für Querschnittsgelähmte

„Ich kann das machen“, sagt Emil. „Aber ein Querschnittsgelähmter kann das nicht.“ Nicht nur das Runterfahren bereitet dem 79-Jährigen Probleme, sondern auch das Hochfahren. Denn dann kippt der Rollstuhl so weit nach hinten, dass er auf den kleinen Stützrädern aufsteht. „Im Handbetrieb könnte ich da gar nicht hochfahren, dazu fehlt mir die Kraft“, sagt Emil. Wenn es der Elektromotor nicht schaffe, dann brauche er fremde Hilfe. Und wenn er an einem der Ecksteine hängen bleibe, dann gehe gar nichts mehr. Ein paar Mal sei ihm das schon passiert, behauptet der 79-Jährige. Zum Glück habe ihm dann entweder seine Frau oder ein Passant helfen können.

Wunsch nach Nachbesserung

Emil bleibt ganz ruhig, wenn er über all das spricht. Es liegt kein Groll in seiner Stimme. Aber man merkt, dass ihm das Ganze zu schaffen macht. Nicht nur für Rollstuhlfahrer sei die Situation problematisch, sondern auch für Menschen mit Rollatoren, sagt der 79-Jährige, der zusammen mit seiner Frau regelmäßig in die Stadt fährt, meistens mit dem Bus, manchmal mit der Bahn. Immer wieder müssen sie dabei die Straße vor dem Hauptbahnhof überqueren. Er versteht nicht, warum man bei der Neugestaltung des Bereichs nicht von Anfang an besser auf die Barrierefreiheit geachtet hat. Er wünscht sich, dass noch einmal nachgebessert wird – so, dass die Steigung am Übergang von Fahrbahn zu Gehweg nur noch sechs Prozent beträgt.

 

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Emil hat nachgemessen: Der Bordstein sei aktuell sieben Zentimeter hoch, die Länge der Schräge betrage 22 Zentimeter. Das ergebe eine Steigung von knapp 32 Prozent. Emil engagiert sich beim VdK (ehemals Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands e.V.) und will auf die Belange von Menschen aufmerksam machen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Mit welchen Problemen sie tagtäglich zu kämpfen haben, wüssten viele nicht: „Das merkt man erst, wenn man selbst in der Situation ist.“ Baustellen gebe es genug. Auch bei den Übergängen beim Polizeirevier sieht er Verbesserungspotenzial.

Stadt sieht keinen Handlungsbedarf

An Baubürgermeisterin Sibylle Schüssler hat er einen Brief geschrieben. In einer von einer Mitarbeiterin Schüsslers unterzeichneten Antwort wird Emil um „ein wenig Geduld“ gebeten. Man habe das zuständige Fachamt um entsprechende Erläuterungen und Informationen gebeten. „Sobald uns diese hier vorliegen, kommen wir schnellstmöglich wieder auf Sie zu.“ Auf Kurier-Nachfrage sieht das Pforzheimer Rathaus indessen keinen Handlungsbedarf. In einer Stellungnahme gibt die Stadt an, die Sanierungsmaßnahme sei nach der gültigen DIN 18040 1-3 geplant und umgesetzt worden. „Um die Überwege barrierefrei umsetzen zu können, wurden Fußgängerquerungen hergestellt, die mit Fußgängerampeln gesichert sind und über höhendifferenzierte Bordhöhen verfügen“, teilt die städtische Pressestelle mit: Für Rollstuhlfahrer und Nutzer von Rollatoren sei ein Sonderbord einer Iffezheimer Firma mit einer Neigung von rund 30 Prozent auf vier Zentimeter Höhenunterschied eingebaut worden. In ihrer Stellungnahme stellt die Stadt klar: „Neigungen von sechs Prozent sind nach gültigen Richtlinien nur für lange Rampen erforderlich.“ Ein Umbau der Überwege am Bahnhof sei daher nicht nötig.