Ein Ordner Erinnerung: Einige Zeitzeugnisse wie Briefe und Zeitungsartikel, hat Jacqueline Roos zum Gespräch mitgebracht.
Ein Ordner Erinnerung: Einige Zeitzeugnisse wie Briefe und Zeitungsartikel, hat Jacqueline Roos zum Gespräch mitgebracht. | Foto: Ehmann

Spektakuläre DDR-Ausreise 1974

Jacqueline Roos: „Meine Biografie ist wie ein bunter Hund“

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Den Mauerfall erlebte Jacqueline Roos in ihrer Werkstatt. Im Alter von acht Jahren wurde sie mit ihren Eltern aus der DDR ausgebürgert. Ihr Vater war der SED zu rebellisch, er wollte seinen Betrieb nicht verstaatlichen. Doch anstelle des Gefängnisses wartete auf die Familie der Weg in den Westen.

Als Jacqueline Roos 1982 nach Pforzheim kam, hat sie kaum jemandem verraten, dass sie aus dem Osten stammt. Schon gar nicht, dass sie ausgebürgert wurde. Und das durchaus spektakulär. Die Illustrierte Quick beschreibt die Ausbürgerung in einem Artikel von 1974 als „originellste Flucht des Jahres“.

Die Illustrierte Quick schrieb 1974 von der "originellsten Flucht des Jahres".
Die Illustrierte Quick schrieb 1974 von der „originellsten Flucht des Jahres“. | Foto: aoe

Hagenow als Ausgangspunkt

Die Geschichte beginnt in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern. Jacqueline Roos’ Vater Emil hatte als Dachdeckermeister einen eigenen Betrieb. „Uns ging es gut, wir hatten alles“, erinnert sich die Stadträtin. Dann wollte die DDR-Regierung den gut laufenden Betrieb verstaatlichen, Emil lehnte ab. Es folgten immense Steuernachzahlungen sowie eine Inhaftierung für ein paar Tage. Emil Roos ließ sich davon aber nicht unterkriegen und lehnte eine Verstaatlichung weiter ab.

Emil Roos war ungemütlich für die SED

Stattdessen wandte er sich an die West-Presse, der Spiegel berichtete über ihn. Roos wurde ungemütlich für das DDR-Regime. Dann stellte man den Familienvater vor die Wahl. „Wir können Sie einsperren oder Sie packen ihre Koffer. Unterschreiben Sie einen Ausreiseantrag und Sie sind draußen“, erinnert sich Jacqueline Roos an die zu treffende Entscheidung, die das Familienleben für immer veränderte.

Drei Koffer Gepäck und ein Teddybär

Emil unterschrieb einen Antrag. Betrieb und Autos wurden für den symbolischen Preis von einer Mark verkauft – die Familie durfte ausreisen. Drei Koffer mit Gepäck ohne Wertgegenstände, mehr durften sie nicht mitnehmen. Ihren braunen Teddybären nahm die damals Achtjährige auf dem Arm mit in den Westen. Sie hatten nur wenige Tage Zeit zum Ausreisen. „Meine Großeltern haben erst nach unserer Ausreise davon erfahren“, berichtet Jacqueline.

Wir fingen an zu weinen und lagen uns in den Armen

Und dann kam der Tag der Ausreise. Vom Bahnhof ging es Richtung Grenze. „Wir sahen die Wachtürme und die Grenzanlage. Ich habe gedacht, dass wir noch rausgeholt werden“, erinnert sich Jacqueline Roos. Doch der Zug überquerte die Grenze. „Wir fingen an zu weinen und lagen uns in den Armen.“ Bei der damals 8-jährigen Jacqueline hat sich eine Erinnerung ganz besonders eingeprägt. Als die Familie im Westen ankam, wurde sie von einem Bahnbeamten angesprochen: „Gehen sie doch wieder dahin zurück, wo sie herkommen. Wir brauchen nicht noch mehr Spione“. Es war die Zeit der Guillaume-Affäre. „Ich dachte, im Osten wollen sie uns nicht, im Westen nicht – ich stand in dem Moment im Niemandsland“, so Roos heute.

Ein Bild der achtjährigen Jacqueline im DDR-Museum.
Ein Bild der achtjährigen Jacqueline im DDR-Museum. | Foto: aoe

Erste Anlaufstelle war Bremen

Die Familie landete in Bremen – aus der reichen Familie im Osten wurde zeitweise eine Westfamilie, die nichts hatte. Möbel kamen aus dem Gebrauchtwarenhaus. Mutter Karma arbeitete Sekretärin, Vater Emil als angestellter Dachdecker. „Bei Null anzufangen war für alle hart“, sagt Roos. Sie selbst hat damals in der Schule keinerlei Ressentiments wahrgenommen. „Ich habe auch schnell Freundinnen gefunden.“ Aus der Zeit in Hagenow bestand noch eine Brieffreundschaft zu einer ehemaligen Klassenkameradin.

Zurück zum eigenen Handwerksbetrieb

Doch kurz darauf zog die Familie wieder um. Im niedersächsischen Scheeßel gründete Vater Emil einen eigenen Betrieb. Er war wieder sein eigener Chef. „Aber die Stimmung auf dem Land war eine andere – es gab eine große Feindseligkeit“, erinnert sich Jacqueline. Auch Drohbriefe bekam die Familie, nachdem in mehreren Zeitungen Artikel über die Geschichte der Familie publiziert wurden. Nach der Wende führte der Weg von Emil und Karma Roos wieder in den Osten, wo sie  einen neuen Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern gründeten. „Das hat meiner Mutter den Rest gegeben“, sagt Jacqueline. „Meine Mutter ist letztlich innerlich daran zerbrochen“. Karma Roos beging Suizid.

Jacqueline Roos kam 1982 nach Pforzheim

Jacquelines Weg führte 1982 nach Pforzheim – sie machte eine Goldschmiedeausbildung. „Ich habe den Leuten gesagt, dass ich aus der Nähe von Hamburg bin, was ja keine Lüge war“, sagt sie. Für sie, mit 16 damals allein in einer neuen Stadt, war es unbelasteter mit dieser Biografie. Und heute? „Meine Biografie ist wie ein bunter Hund – von allem etwas. Ich fühle mich als Ostdeutsche, aber auch als Norddeutsche und als Süddeutsche, weil ich seit 1982 hier lebe“, sagt sie heute. Den Mauerfall erlebte sie in ihrer damaligen Werkstatt via Radio. „Mir fehlte jegliche Euphorie. Die Freude war zwar da, aber mit einem sehr nüchternen Blick.“

Ihre Erinnerungen als Album für die Tochter

Aus den zahlreichen Erinnerungen, die Roos auch aufgeschrieben hat, hat sie ein Album für ihre Tochter gemacht. „Damit die Geschichte auch weitergegeben werden kann“, wie sie sagt. Außerdem versucht sie über ihre Arbeit im DDR-Museum den Menschen mitzugeben, wie wertvoll Demokratie ist. „Ich sehe, wie leichtfertig man heute mit unseren Werten umgeht und das sehe ich mit Sorge.“ Deshalb sei es besonders wichtig, die Lehren aus der Geschichte an die junge Generation weiterzugeben.
Eines vermisst die SPD-Stadträtin dann übrigens doch: den Brotaufstrich „Naschi“. „Wenn ich den irgendwo erwische, kaufe ich einen Becher“, gibt Roos lachend zu.

 

Abschiedsgeschenk: Die Postkarte und das Geschichtenbuch hat Jacqueline Roos von ihren Klassenkameraden kurz vor der Ausbürgerung bekommen. Sie sind heute im DDR-Museum Pforzheim ausgestellt.
Abschiedsgeschenk: Die Postkarte und das Geschichtenbuch hat Jacqueline Roos von ihren Klassenkameraden kurz vor der Ausbürgerung bekommen. Sie sind heute im DDR-Museum Pforzheim ausgestellt. | Foto: aoe