30 000 Schüler nahmen in den vergangenen zehn Jahren an einer Führung durch die Pforzheimer Synagoge teil – zur Freude des Vorstandsvorsitzenden der Gemeinde, Rami Suliman und seiner Stellvertreterin Bianca Nissim. | Foto: bba

„Gemeinsam gut leben“

Jüdische Gemeinde Pforzheim: AfD stilisiert Muslime zum Feindbild

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Wer zum ersten Mal die Jüdische Gemeinde Pforzheim besucht, dem kann es leicht passieren, dass er an ihr vorbeiläuft. Das unscheinbare Gebäude in der Emilienstraße mit dem hohen, hellgrauen Tor sieht wenig nach einem religiösen Zentrum aus – erst, wer einen Schritt zurück auf die Straße macht, erspäht den blauen Davidstern und die Worte „Synagoge Pforzheim“ am Gebäudeeingang hinter dem Tor.

Etwas versteckt liegt die Synagoge Pforzheim im Hinterhof der Jüdischen Gemeinde. | Foto: bba

Sicherheitsglas und Safetür

Auch im Inneren der Synagoge erinnert noch so einiges an die früheren Nutzer des Gebäudes, eine Bank. „Hier sind alle Scheiben aus Sicherheitsglas und in dieser Wand haben wir das fünf Tonnen schwere Tor des Safes eingemauert“, erklärt Rami Suliman, Vorstandsvorsitzender der Gemeinde, und klopft lächelnd gegen die fast einen halben Meter dicke Wand im Flur. Das karge Äußere lässt den eigentlichen Synagogenraum umso beeindruckender wirken: Die hölzernen Gebetsbänke, angefertigt in Israel, sind mit feinen Blumenschnitzereien verziert. Der Toraschrein wird von einem reich bestickten, samtblauen Vorhang verdeckt, der sogenannten „Parochet“.

Schon 30.000 junge Besucher

Rund 30.000 Schüler haben in den vergangenen zehn Jahren schon an einer Führung durch die Synagoge teilgenommen, sehr zur Freude des Vorstandes. „Das baut Vorurteile und Ängste ab“, ist Suliman überzeugt. Für den Großteil des Jahres reicht der Platz aus. Doch: „An hohen Feiertagen, wie dem jüdischen Neujahr, Jom Kippur und Hanukkah platzen wir hier aus allen Nähten“, sagt Bianca Nissim, Sulimans Stellvertreterin. Zusätzlich zu den über 300 Mitgliedern jüdischen Glaubens besuchen die Gemeinde noch weitere rund 100, die durch ihre jüdischen Ehepartner regelmäßig am Gemeindeleben teilnehmen.

Muslime suchen den Dialog

Auch während der Woche der Brüderlichkeit herrscht bei der Jüdischen Gemeinde ein stetes Kommen und Gehen: Der organisatorische Aufwand rund um die zahlreichen Veranstaltungen dieser Woche kommt zu den ganz alltäglichen Besuchern und ihren Anfragen hinzu. Doch der Stress ist es Suliman wert: „Die Woche der Brüderlichkeit zeigt, dass wir Teil der Gesellschaft und der Stadt Pforzheim sind.“ Zwischen Christen und Juden in Pforzheim gebe es inzwischen einen fruchtbaren Dialog. „Wir haben schließlich auch viele Gemeinsamkeiten“, betont er. Nissim ergänzt: „Hier sind alle willkommen. Interessierte können durch ein buntes Kulturprogramm mit Lesungen, Konzerten und vielem mehr das ganze Jahr hindurch am Gemeindeleben teilnehmen.“ Auch die Muslime suchten inzwischen den Kontakt. „Das ist etwas Besonderes hier in Pforzheim: Etwa seit fünf Jahren bringen sich muslimische Vereine und Institutionen bei der Woche der Brüderlichkeit ein, ursprünglich eine Veranstaltung zwischen Juden und Christen“, erklärt Suliman, der seit 17 Jahren an der Spitze der Gemeinde steht. Man freue sich über diesen verstärkten Austausch und wolle „die Muslime im Boot haben für ein gemeinsames, gutes Leben in Pforzheim.“

Kritik an der Afd

Sie wollen uns weismachen, dass die Muslime der gemeinsame Feind sind. Es wird ihnen aber nicht gelingen, einen Keil zwischen uns zu treiben.

Doch es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Gefühlt habe die Sicherheit für jüdische Mitbürger seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 abgenommen, kritisiert Suliman. „Seit die AfD stark geworden ist, werden auch wieder Hakenkreuze an Schulwände gesprüht und man hört die Bezeichnung ,Jude‘ auch wieder als Schimpfwort an den Schulen“, beobachtet der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde besorgt. Nur massive Aufklärung und Aufarbeitung des Nationalsozialismus in den Schulen könne dieser Entwicklung entgegenwirken. Das Paradoxe: Gleichzeitig versuche die AfD, die Jüdische Gemeinde zu vereinnahmen. „Sie wollen uns weismachen, dass die Muslime der gemeinsame Feind sind. Es wird ihnen aber nicht gelingen, einen Keil zwischen uns zu treiben“, sagt Suliman mit Nachdruck.

Appell an Ditib

Kontraproduktiv sei in diesem Zusammenhang allerdings, dass sich die Ditib aus dem Dialog zur Woche der Brüderlichkeit zurückgezogen habe: „Während die Ahmadiyya-Moschee, Aleviten und Jesiden den Kontakt suchen, beteiligt sich Ditib seit zwei Jahren nicht mehr an der Veranstaltungswoche. Das ist schade“, so Suliman. Warum sie die Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch nicht nutze, habe Ditib nicht an die jüdische Gemeinde kommuniziert.