Früh übt sich: Auch den zehnjährigen Marius Zietlow hat das Klavier in der Fußgängerzone angezogen. Viele der "Straßenmusiker" improvisieren oder spielen ihre Stücke auswendig. Im Gegensatz dazu hat sich Marius Noten mitgebracht. | Foto: Wacker

Aktion „Spiel mich! PF“

Klaviermusik erobert Pforzheims Straßen

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Die Aktion „Spiel mich! PF“ stößt in Pforzheim auf großes Interesse. Trotz Sommerhitze vergeht kaum eine Minute ohne Klaviermusik in der Fußgängerzone. Doch nicht nur bekannte Lieder werden gespielt: Viele „Straßenmusiker“ improvisieren kurzerhand.

Flink fliegen die Finger von Michelle Kaufmann über die Tasten und entlocken dem Instrument vor der Buchhandlung Thalia die Töne von Imagine Dragons’ „Demons“. Die 19-Jährige spielt seit eineinhalb Jahren Klavier. „Ich bringe mir das selbst bei“, sagt sie. Ihre 21-jährige Freundin Vanessa Vollmer steht daneben und filmt. Einige Darbietungen der Pforzheimer „Straßenmusiker“ haben bereits ihren Weg auf Instagram oder Facebook gefunden, wo sie unter dem Hashtag #spielmichpf geteilt werden. Vollmer freut sich über die Aktion „Spiel mich! PF“: „Das ist perfekt, auch die, die sich ein Klavier nicht leisten können, können so üben.“

Coole Kultur für jedermann

Einer, der genau das macht, ist Daniel Martin. „Super geil“ findet er die Aktion. „Ich freue mich, dass Pforzheim coole Kultur rüberbringt für jedermann“, so der 22-Jährige. Er spielt gerne Eigenimprovisationen. In der Pforzheimer Fußgängerzone ist der junge Mann mittlerweile recht bekannt. Eineinhalb Stunden habe er vor Vom Fass gesessen und gespielt, erzählt Verkäuferin Marina Kinik begeistert. „Ich finde es super interessant, wie viele junge Leute Klavier spielen können“, so Kinik. „Ich bin obdachlos, arbeitslos, aber ich bin Musiker“, stellt Martin fest. Neben dem Klavier spielt der junge Mann auch noch Schlagzeug, Gitarre und „ein bisschen Cello“. Aktuell lernt er Querflöte.

Viele spielen ohne Noten

Walter Hilber bleibt stehen und hört Martin, der inzwischen vor der Galeria Karstadt Kaufhof musiziert, zu. „Ich spiele auf allen Klavieren, denen ich hier begegne“, sagt er. Martin horcht auf, macht dem Älteren Platz und dann darf Hilber in die Tasten hauen. Der Jurist spielt eine jazzige Improvisation, Noten braucht er dafür keine. „Die Harmonielehre ist viel wichtiger.“

Es bringt wirklich Menschen zusammen

Jugendmusikschulleiter Andreas Michel findet die Aktion bereichernd, wie er sagt. „Es bringt wirklich Menschen zusammen.“ Er neige dazu, das Klavier nicht nur für die vier Wochen während der Aktion vor der Jugendmusikschule stehen zu lassen, sondern öfter ein Instrument zur Verfügung zu stellen. Wichtige Akteure bei der Klavier-Aktion sind auch die Paten an den 13 Standorten: Sie stellen die Instrumente jeden Tag rein und raus. „Das Ding ist wesentlich schwerer, als wir gedacht haben“, sagt Julia Sesulka von Thalia. Rund um die Uhr sei das Klavier gefragt. „Wir haben auch Stammspieler.“

Spontaner Applaus für „Hymne für Pforzheim“

Der Jazzmusiker und überzeugte Christ Ulli Lück ist extra aus Stuttgart angereist. Souverän spielt er seine „Hymne für Pforzheim“ – erst am Klavier bei Vom Fass, dann vor Galeria Karstadt Kaufhof. „Ich werde auf allen 13 Klavieren dieses Lied spielen“, kündigt Lück an. Am Samstag hat er angefangen. Er glaubt daran, dass seine 15-minütige Komposition die Stadt positiv verändert. Auf jeden Fall findet das Stück Anklang beim Publikum in der Fußgängerzone: Viele bleiben stehen, spenden spontanen Applaus und zwei Männer lassen es sich nicht nehmen, Geld aufs Klavier zu legen.

Wetterwechsel sind doof für das Klavier

„Es gibt echt viele Leute, die richtig gut spielen können“, hat Robin Trawiel vom Musikhaus Schlaile beobachtet. Morgens wird das Klavier vor den Laden gestellt, abends kommt es wieder rein. Passiert sei dem Instrument bislang nichts – anders als einem Klavierhocker, der direkt zum Auftakt entwendet wurde (der Kurier berichtete). Etwas anderes gibt Trawiel zu denken: „Wetterwechsel sind doof für das Klavier“, es könne sein, dass dieses sich verstimmt.

Verweildauer an Standorten im Schatten besonders gut

Auch Frank Steinbrecher von Musik City ist zufrieden mit der Aktion. Am Donnerstag hat er an drei Standorten Klavierunterricht gegeben. „Ich hab einen gehabt, der hat noch keine Minute Klavier gespielt, dem habe ich gleich ,Perfect‘ von Ed Sheeran beigebracht“, erzählt er. Vor allem an Standorten, die im Schatten stehen, sei die Verweildauer sehr gut.

Zweite Auflage ist geplant

Dennoch schrecken die hohen Temperaturen die Musiker und ihre Zuhörer nicht ab, bemerkt Oliver Reitz, Direktor Wirtschaft und Stadtmarketing. „Die Stimmung ist toll.“ Er selbst setze sich mangels Erfahrung nicht ans Klavier, habe jedoch „viele Jahre Akkordeon und Trompete gespielt“. Klavierfans dürfen sich auf eine zweite Auflage freuen. „Unser Ziel ist es, die Klavier-Mitmach-Aktion ,Spiel mich! PF‘ langfristig als musikalisches Highlight in den Sommermonaten zu etablieren.“

Veranstaltungen und Standorte der Klaviere sind online einsehbar.