FÜR AUTOHAUSBESITZERIN Melanie Leins ist ein zinsgünstiger Kredit keine Option, um durch die Corona-Krise zu kommen. Bei ihrem Betrieb fahren dieser Tage nur wenige Autos vor, auch nicht zum Tanken. Sie hat deshalb Kurzarbeit angemeldet und ist selber nahezu Tag und Nacht im Einsatz. Foto: Ehmann

Kurzarbeit wegen Coronavirus

Kleinbetriebe im Raum Pforzheim: Existenzen wackeln und Tränen fließen

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Wer will schon Sommerreifen, wenn eh nichts geht auf der Straße? Tendenziell niemand. Melanie Leins spürt das deutlich. Die 50-Jährige betreibt ein Autohaus mit Tankstelle eingangs des Birkenfelder Ortsteils Gräfenhausen. Sie gehört zu den schier unzähligen Kleinunternehmern, die sich wegen des Coronavirus mit Kurzarbeitergeld beschäftigen müssen.

Eine Folge der Corona-Krise sind vielerorts Sonderschichten und Umstrukturierungen in bislang nicht bekanntem Ausmaß bei der Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim.

Dem „explosionsartigen Ansturm“ ging ein nicht minder fremder Stillstand voraus. Während Veranstalter die Stühle hochklappten, begannen die Arbeitsvermittler die Feuer zu löschen, beschreibt es Pressesprecher Stefan Gauss.

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Wo bislang sechs Leute für die Bewilligung von Kurzarbeit, Insolvenzgeld und Altersteilzeit zuständig waren, wird gerade über 100 Leute gesprochen, die für die Antragsbearbeitung fit gemacht werden sollen, erläutert der Leiter des Arbeitgeberservice, Werner Hess. In die Hotline für den Ansturm der Anfragen zu Kurzarbeit könnten sich inzwischen bis zu 60 Mitarbeiter einloggen. „Es rufen pro Tag so viele Unternehmen an wie früher in einem Jahr“, addiert Gauss.

Dauertelefonieren ist für Hayat Allouss angesagt, seit die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Arbeitsagentur zum Kurzarbeitteam gehört. Foto: PK

Existenzen stehen auf dem Spiel bei den Gesprächen. Es geht um geschätzte Mitarbeiter, Tränen fließen. Im Nordschwarzwald, dem Bezirk der Arbeitsagentur, gibt es 220.000 reguläre Beschäftigte. Sie arbeiten in  15.000 Betriebe. 9.800 dieser Firmen davon haben bis zu fünf Angestellte, 1.800 unter zehn, insgesamt rund 90 Prozent haben weniger als 50 Leute angestellt.

Man erlebt hautnah, wie eine Volkswirtschaft in die Knie geht

Werner Hess, Teamleiter Arbeitgeberservice bei der Agentur für Arbeit Nordschwarzwald

„Gefühlt meldet fast jeder Betrieb Kurzarbeit an“, beschreibt Hess. Erfahrung haben die wenigsten mit dem Instrument, das helfen soll, Firmen am Leben zu halten, wenn es eine Umsatzdelle gibt. Entsprechend groß sei die Unsicherheit und die Dankbarkeit, wenn Schritt für Schritt klarer wird, wie mit den Anträgen für das Geld umzugehen ist.

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Kaum noch Spezialisten für Kurzarbeit

„Man erlebt hautnah mit, wie eine Volkswirtschaft in die Knie geht und das ist erschütternd.“ Hess beschreibt mit diesem Satz auch die Herausforderung, die er mit seinem Team bewältigen will. Die Arbeitsagentur sei ein Teil des staatlichen Handelns, um zu helfen, das Überleben von Kleinbetrieben und Soloselbstständigen zu sichern. „Wir versuchen Mut zu machen und die Situation zu erklären.“

Um trotz Arbeitsmangel die Betriebe zu halten, sind in der Arbeitsagentur Überstunden und vor allem Fortbildungen angesagt. „Mit Kurzarbeit hat sich hier in den letzten zehn Jahren keiner beschäftigt“, sagt Hess. Seit Herbst zeichnet sich eine Wende ab. Eine konjunkturelle Abkühlung erfasste vor allem die Automobilindustrie und den Maschinenbau. Ende Februar hatten in Pforzheim 27 Firmen Kurzarbeit angemeldet, im Enzkreis 86 und im gesamten Agenturbezirk 145.

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„Das sagt nichts darüber aus, ob tatsächlich kurzgearbeitet wird“, hatte Agenturchefin Martina Lehmann damals erläutert und sich im Übrigen zuversichtlich gezeigt, was die Zukunft anbelangt. Wichtig sei nur, dass die Anzeige der Kurzarbeit schnell vorliegt. Ob es dann tatsächlich dazu kommt, sei nicht entscheidend, hören die vielen Betroffenen auch jetzt, wenn sie in der Agentur anrufen.

„Es muss schnell gehen, aber man kann auch Dinge nachreichen“, erläutert Gauss das Prozedere. Er hat vergangenen Mittwoch seinen Urlaub abgebrochen, um für die Hotline zur Verfügung zu stehen. Jetzt sagt er den Anruferinnen und Anrufern „lieber bis Dezember eintragen, wenn’s früher ohne geht, ist das kein Problem“.

Kleinbetrieben fehlt in Corona-Zeiten Umsatz und Personal

Sätze wie diesen hat auch Melanie Leins gehört, als sie für ihre beiden festangestellten Mechaniker Kurzarbeit anzeigte. Auf die zwei Aushilfen, die sie bis vor kurzem an der Tankstelle einsetzte, muss sie ganz verzichten. Das hat zur Folge, dass sie neben dem Umsatzeinbruch mit Personalmangel zu kämpfen hat. Es halten zwar nur wenige an den Zapfsäulen, seitdem in Deutschland zu Hause bleiben angesagt ist. Sie habe deshalb und wegen der unsicheren Preisentwicklung jetzt nur ein halbes Tankfahrzeug Nachschub statt eines ganzen bestellt.

Billiges Geld gibt es auch bei der Bank

Melanie Leins, Chefin eines Autohauses in Birkenfeld-Gräfenhausen

Aber die Tankstelle am Ortseingang von Gräfenhausen ist offen wie bisher. Die Chefin sitzt alleine dort und wartet auf Kundschaft. Die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten günstigen Kredite sind nicht interessant für sie. „Billiges Geld gibt es auch bei der Bank.“ Einen Zuschuss dagegen kann Melanie Leins schon gebrauchen. Die Coronakrise „trifft sie sehr hart“.

Anträge für Kurzarbeitergeld können online über www.arbeitsagentur.de gestellt werden. Beratung gibt es über Telefon (08 00) 4 55 55 20.