Die Technik macht es möglich, dass Kirchengemeinden über Ostern ihre Mitglieder erreichen. Hier richten Gemeindediakon Sebastian Moog (links) und Yannick Schierling in Dillweißenstein die Technik für den Online-Gottesdienst der Jugendkirche „mylight“ ein. Den Livestream gibt es jeden Sonntag ab 18 Uhr auf YouTube und Facebook. Foto: Wacker

Pfarrer kommt per Fahrrad

Mit Briefen und Trompeten: Wie Pforzheimer Kirchen an Ostern Corona trotzen wollen

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Ostern ohne Kirche? Für viele ist das undenkbar. Die Kirchengemeinden in Pforzheim und Enzkreis gehen kreative Wege, um in der Karwoche und an Ostern die Gläubigen trotz Corona-Krise und Kontaktverbot zu erreichen.

Hausandachten, Videoübertragungen und Gottesdienste übers Internet – das praktizieren viele Kirchengemeinden in Pforzheim und dem Enzkreis seit ein paar Wochen. „Die Situation fordert uns schon heraus“, sagt Christiane Quincke, evangelische Dekanin im Kirchenbezirk Pforzheim-Stadt.

Sie spürt bei den Menschen Verunsicherung und Angst – weniger vor der Ansteckung mit dem Coronavirus, sondern mehr wegen der Frage, was die Pandemie mit der Wirtschaft und der Gesellschaft langfristig macht. Dazu trage auch die Ungewissheit bei, wie lange die Situation andauere.

Die unsichtbare Gefährdung macht den Menschen zu schaffen

Dekanin Christiane Quincke

„Die unsichtbare Gefährdung macht den Menschen zu schaffen“, so Quincke. Um die Angst zu vergessen, müsse man sich auf andere Dinge konzentrieren – etwa die Frage, wie man den Zusammenhalt gestalten und anderen helfen kann.

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Um die Gläubigen zu erreichen, bietet die evangelische Kirche Hausandachten mit dem Gemeindebrief in Papierform an. Diese können abgeholt oder zugeschickt werden. „Wir gehen stark auf die Gemeindemitglieder zu“, sagt die Dekanin. Gut angenommen werden auch Andachten per Telefon. Hier können unter einer bestimmten Nummer die eigenen Pfarrer von Band gehört werden.

Bläser wollen am Ostersonntag für Feststimmung sorgen

Am Ostersonntag wird es zwar keine Gottesdienste in der gewohnten Form geben, weil bei der offenen Kirche nur einzelne Personen in das Gotteshaus eingelassen werden. Für Feststimmung wollen aber Bläser sorgen, die ab 10.15 Uhr quer durch die Stadt verteilt vom Balkon oder auf der Straße Choräle spielen. Erwogen wird auch, einen Osterspaziergang mit Impulsen und Stationen in den Stadtteilen anzubieten.

Die Krise macht erfinderisch

Dekan und Pfarrer Christoph Glimpel

„Die Krise macht erfinderisch“, findet Christoph Glimpel, Pfarrer in Göbrichen und Dekan im evangelischen Kirchenbezirk Badischer Enzkreis, ehemals Pforzheim-Land. Die Dichte an Live-Übertragungen in den 16 Gemeinden im Kirchenbezirk sei hoch.

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Um Menschen geistig zu versorgen, die weder Computer noch Internet haben, fährt Glimpel mit dem Fahrrad aber auch zu den Gemeindemitgliedern und verteilt die gedruckten Andachtstexte. Das komplette Programm zu Gottesdienst-Videos und digitalen Tischgemeinschaften finden sich im Internet unter www.badischer-enzkreis.de.

Ostergruß vor Altenheim geplant

Um auch Menschen im Altenpflegeheim zu erreichen, plant Ute Biedenbach, Pfarrerin der Kirchengemeinde Birkenfeld, sich am Ostersonntag vor Pflegeheime in Engelsbrand und Birkenfeld zu stellen, um die Bewohner mit Ostergrüßen zu beglücken. Diese können vom Fenster aus zuhören.

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Ein Trompeter soll die Pfarrerin musikalisch begleiten. Außerdem beliefert der evangelische Kirchenbezirk Neuenbürg rund 80 Haushalte mit einer Sonderausgabe des Gemeindebriefes in Papierform, sagt Dekan Joachim Botzenhardt.

Der Pfarrer der Neuenbürger Stadtkirche hat auch festgestellt, dass viele in ihrem Bedürfnis nach Kontakt das Telefon wiederentdecken. „Die Gespräch verlaufen als anders als bisher. Die Menschen haben mehr Zeit und es tut einfach gut, eine vertraute Stimme zu hören“, so Botzenhardt.

Kirchen bleiben für Gläubige geöffnet

Von Virus und äußeren Umständen wollen sich auch die Pforzheimer Katholiken in der Heiligen Woche und Ostern nicht vom Feiern abhalten lassen, sagt der Pforzheimer Dekan Georg Lichtenberger. Die Kirchen seien von 9 bis 18 Uhr zum persönlichen Gebet geöffnet – allerdings dürfen sich nur wenige Menschen gleichzeitig in der Kirche aufhalten.

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Am Gründonnerstag bleiben die Dillweißensteiner Liebfrauenkirche und Buckenberger St. Elisabethkirche bis 22 Uhr geöffnet.

Von Beginn der Karwoche an stehen am Eingang beider Kirchen Kisten mit Holzscheiben. Die Gläubigen können ein Holzstück als Ausdruck ihrer Sorgen, Nöten und Ängste an das Kreuz vor dem Altar legen. Aus den Holzstücken wird dann in der Osternacht das Osterfeuer entzündet.