Leere Plätze: Beim Online-Konzert des Südwestdeutschen an diesem Sonntag ist Oliver Schnyder als Pianist zu erleben. Zuschauer dürfen zwar nicht Platz nehmen im CCP. Aber das Konzert wird live über Facebook und YouTube gesendet. | Foto: Marco Borggreve

Lichtblicke nach dem Lockdown

„Kultur in der Krise“ Teil 1: Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim muss bislang 31 ausgefallene Konzerte verkraften

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Abgesagt, verschoben und dann ebenfalls abgesagt. Wie ein Keulenschlag trifft die Corona-Pandemie den Kulturbetrieb. Drei ausgefallene Abonnementkonzerte und 28 weitere Veranstaltungen, die dem Lockdown zum Opfer gefallen sind, stehen beim Südwestdeutschen Kammerorchester (SWDKO) bislang gewissermaßen der Habenseite gegenüber. Wie hoch die Einbußen am Ende dieses Coronajahres sein werden, vermag Geschäftsführer Andreas Herrmann nicht abzuschätzen.

Er hofft auf den Nothilfe-Fonds des Landes und das Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung. Fließt etwas davon nach Pforzheim, sieht es besser aus bei dem Kulturträger, der im 70. Jahr seines Bestehens zu den Leuchttürmen in der Goldstadt gehört.

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Die „Italienische Reise“ kommt per Live-Stream aus dem CCP

Die gute Nachricht: Das sechste Abonnementkonzert kann stattfinden – wie geplant an diesem Sonntag, 19 Uhr, im Congresscentrum. Aber es gibt einen Wermutstropfen. Während sonst etwa 900 Abonnenten im Großen Saal des CCP Platz nehmen durften, wird die „Italienische Reise“, zu der Chefdirigent Douglas Bostock und seine 14 Musiker einladen, diesmal aus dem Haus als Live-Stream präsentiert. Als Solist wirkt der Schweizer Pianist Oliver Schnyder mit.

„Wir haben in digitaler Hinsicht sehr aufgeholt“, sagt Herrmann im Gespräch mit dieser Redaktion. So kann das Ensemble nach dreimonatiger Zwangspause endlich wieder loslegen. Am vergangenen Mittwoch traf man sich erstmals zur Probe.

Das Orchester musste sich auch klanglich wieder finden.

Andreas Herrmann, Geschäftsführer des Südwestdeutschen Kammerorchesters

Weil Stunden zuvor der Gemeinderat im CCP getagt hatte, mussten Tische und Stühle weggeräumt werden. „Unter Abstandsbedingungen musste sich das Orchester auch klanglich erst wieder finden“, lässt Herrmann eine ungewohnte akustischen Leere erahnen. Diese auszusteuern war Aufgabe eines eigens engagierten Tonmeisters.

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Kammerorchester im Land sind Erfolgsgeschichten

Das 1950 von Friedrich Tilegant ins Leben gerufene Kammerorchester der Stadt Pforzheim finanziert sich zu je einem Drittel von der Stadt, vom Land und aus eigenen Mitteln. Herrmann, selbst schon seit 20 Jahren mit dabei, bezeichnet die Kammerorchester im Ländle als Erfolgsgeschichte.

Die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine richtige Gründerzeit für Kammerorchester gewesen, die neben Stuttgarter und Heilbronner eben auch das Pforzheimer Ensemble hervorbrachte. Heute beschäftigt das SWDKO 14 Musiker und vier Verwaltungsangestellte.

Seit Mitte März gab es keine Auftritte, entfielen sämtliche Gastspiele. Das SWDKO nutzte die Zeit zum Einspielen von CD-Produktionen. „Wir haben auch Einsparungen“, räumt Geschäftsführer Herrmann mit Blick auf Solisten ein, die nicht bezahlt werden mussten, weil Konzerte ausfielen. Krankheitsvertretungen waren ebenso wenig erforderlich.

Unter dem Strich bleibt ein großes Defizit.

Andreas Herrmann, Geschäftsführer des Südwestdeutschen Kammerorchesters

„Aber unter dem Strich bleibt ein großes Defizit.“ Denn abgesagt sind auch kommende Veranstaltungen wie die „Insel-Klassik auf der Reichenau“, ein Auftritt in Hagnau, das Stadtteilkonzert in Eutingen, die Musikfestspiele Weilburger Schlosskonzerte und weitere Highlights, teilweise bis September. Für Ende Juli tut sich ein weiterer Lichtblick auf: Herrmann und Chefdirigent Bostock setzen auf ein Open-Air-Konzert mit Publikum. „Es ist noch nicht spruchreif.“

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Hermann hofft, einen Fördertopf vom Land (Kultursommer 2020) anzapfen zu können. Stattfinden könnte auch der geplante Auftritt am 12. September in der Bagno-Kontertgalerie Steinfurt. „Wir messen gerade die Bühne nach“, sagt Herrmann.

Im Zweifel würde man auf die vier Gastbläser verzichten und anstelle eines längeren Konzerts zwei mal für einen knappe Stunde spielen und so den Corona-Vorgaben entsprechen. „Die große Stärke des Kammerorchesters ist seine Flexibilität.“

Bereit für ihr sechstes Abonnementkonzert: Die Musikerinnen und Musiker unter Leitung von Dirigent Douglas Bostock spielen am Sonntag im Pforzheimer Congresscentrum. | Foto: Regine Landauer

Die braucht es auch in der kommenden Spielzeit, an die der runde Geburtstag geknüpft ist. Wenn Herrmann und Bostock demnächst die Konzertsaison 2020/2021 vorstellen, wird Corona weiterhin Mitspracherecht fordern. „Wenn im Großen Saal von knapp 2.000 Plätzen nur 244 besetzt werden dürfen, macht das wirtschaftlich keinen Sinn“, sagt Herrmann. Ein Konzert müsste dann vier mal gespielt werden.

Beim Abonnementkonzert am Sonntag sind Beethovens Prometheus-Ouvertüre, Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 und Mendelssohn Bartholdys Italienische Sinfonie“ zu hören. Gesendet wird es über Youtube und die Facebook-Seite des SWDKO in Zusammenarbeit mit Bildregisseur Markus Hein, Tonmeister Olaf Mielke und Kulturhaus Osterfeld.