FÜR DAS GRUNDGESETZ: Auf dem Marktplatz in Pforzheim demonstrieren am Samstagnachmittag Hunderte Menschen gegen die Einschränkung von Grundrechten im Zusammenhang mit der Corona-Krise.

Aufruf von „Humanisten“

Vorbild „Hygiene-Demos“: Hunderte protestieren in Pforzheim gegen Corona-Regeln

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Rund 200 Menschen haben in Pforzheim gegen die Corona-Beschränkungen demonstriert. Die Bundesregierung nutze das Virus als Vorwand, um vom Grundgesetz garantierte Freiheitsrechte abzuschaffen, glauben die Veranstalter. Auf dem Marktplatz in Pforzheim sprachen die Aktivisten am Samstag bei der zweiten Demo dieser Art zu einer bunten Mischung an Teilnehmern – darunter Gelbwesten, QAnon-Anhänger und AfD-Stadträte.

Gleich zu Beginn muss Vera Lenz bei der Veranstaltung in Pforzheim ihren Unmut über die Medien äußern. Die Frau aus Niefern-Öschelbronn  ist Mitveranstalterin, hat die Demonstration bei den Behörden angemeldet.

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Nach der ersten Demo vor einer Woche hatten die Zeitungen geschrieben, sie sei mal bei der Partei „Die Linke“ gewesen. Doch um links oder rechts gehe es doch gar nicht, sagt Vera Lenz. Es gehe um Humanismus. Und um das Grundgesetz, das derzeit von den Regierenden missachtet werde. „Die wollen uns für dumm verkaufen. Wir fordern die Rückkehr zum Grundgesetz“, ruft sie und die rund 200 Teilnehmer klatschen.

Vorbild „Hygiene-Demos“ in Berlin

Michael Schreyer pflichtet seiner Mitstreiterin bei. Der 81-jährige Diplom-Kaufmann war Anmelder der ersten Pforzheimer Demo eine Woche zuvor. Auch ihm ist es wichtig, nicht parteipolitisch einsortiert zu werden.

Gemeinsam haben sie eine Erklärung verfasst. Darin bekennen sie sich zur „Tradition der Nicht-ohne-uns-Bewegung, die ihren Ursprung in Berlin mit den sogenannten Hygiene-Demos fand“.

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Man habe tief verankerte humanistische Ideale und sehe sich vom Umgang der Politik mit dem Coronavirus dazu genötigt, die Einhaltung des Grundgesetzes einzufordern.

Wie bei den Demos in Berlin,  ist die Demonstrantenschar in Pforzheim eine illustre. Neben den überparteilichen Humanisten an den Mikrofonen sind durchaus auch Teilnehmer dabei, die sich politisch klar verorten lassen: die beiden Pforzheimer AfD-Stadträte Bernd Grimmer und Alfred Bamberger zum Beispiel.

„G5-Apokalypse“ und „Verschwörungsfakten“

Bekleidungswahl und gezeigte Plakate legen zudem nahe: Unter den Pforzheimer Demonstranten auf dem Marktplatz sind auch Mitglieder der Gelbwesten-Bewegung sowie Impfgegner und Propheten einer „5G-Apokalypse“, die das neue Virus mit dem neuen Mobilfunkstandard in Verbindung bringen.

Schließlich gebe es „an 5G-Standorten die meisten Corona-Toten“,  wird etwa behauptet.

Und es gibt einen bekennenden Anhänger der im Fahrwasser von Corona immer beliebteren QAnon-Verschwörungstheorie: Yll Schubert aus Ispringen trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Wir sind Q“. Wenn man ihn anspricht, stellt er freundlich klar: „Es geht um Verschwörungsfakten und nicht um Verschwörungstheorien. Deshalb wächst unsere Bewegung ja auch stetig.“

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Der 39-Jährige wollte sich eigentlich mit veganer Küche selbständig machen. Corona hat ihm vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt filmt Schubert die Demo, interviewt Teilnehmer und teilt seine Botschaften auf YouTube und Telegram.

Grob gesagt geht es bei der verzwickten Verschwörung darum, dass US-Präsident Donald Trump praktisch der einzige auf der Welt ist, der wirklich den Durchblick hat. In Deutschland gilt derzeit der umstrittene Musiker Xavier Naidoo als prominentester Sympathisant der These.

Humanisten rezitieren in Pforzheim das Grundgesetz

Bei den Humanisten der Versammlungsleitung werden an diesem Nachmittag aber andere Schwerpunkte gesetzt: In einer Art Performance rezitieren Lenz und ihre Mitstreiter einen Grundgesetz-Artikel nach dem anderen und erklären in Bezug auf Corona, warum die Verfassung ziemlich miserabel dastehe.

Zur musikalischen Begleitung spielt eine ältere Dame Volkslieder auf der Gitarre – immer zwei Melodien abwechselnd: „Die Gedanken sind frei“ und „Auf der schwäbschen Eisenbahn“. Dazu wird gesungen, aber bei letzerem Lied ist der Text abgewandelt: Trulla, trulla, trulla la / Freiheit ist für alle da / Wir stehn weder links noch rechts / Für uns gilt das Grundgesetz“.

Was das Mitsingen anbelangt, sind viele Demonstranten noch etwas zögerlich. Besser klappt die Beteiligung beim Schlachtruf, den die Veranstalter skandieren: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Rechte klaut“.

Ein Satz, der sich irgendwie selbst geklaut anhört.

Das Recht auf Versammlungsfreiheit wird derweil staatlicherseits von einigen Polizeibeamten gewährleistet. Einschreiten müssen die Polizisten mit ihren Mundschutzen kaum einmal: Der Mindestabstand von 1,5 Metern wird von den Teilnehmern weitestgehend eingehalten.