Sie brennen darauf, auf der Bühne zu stehen: Vor allem junge Flüchtlinge aus der Alfons-Kern-Schule stehen im Fokus eines Theaterprojekts zu Schillers „Die Räuber“, das im Juni aufgeführt wird. Unser Bild zeigt Schauspielerin und Theaterpädagogin Antonia Schirmeister (Mitte) bei einem Workshop. | Foto: Theater Pforzheim

Theater mit Flüchtlingen

Lern- und Kulturort unter einem Dach

„Sie sind so motiviert und würden am liebsten sofort wieder spielen“, erklärt Jutta Schamel von der Alfons-Kern-schule (AKS). Für einige der Jugendlichen, die im vergangenen Jahr bei einem integrativen Theaterprojekt mitgemacht haben, wird der Traum in Erfüllung gehen. Anfang Juni dürfen sie wieder auf der Bühne im Großen Haus des Pforzheimer Theaters stehen – bei einer Aufführung von Schillers „Die Räuber“.
Auch diesmal werden die jungen Laiendarsteller größtenteils Flüchtlinge aus Kriegsländern wie dem Irak oder Syrien sein, die in der Alfons-Kern-Schule in Sprachklassen sind oder waren beziehungsweise vor dem Hauptschulabschluss stehen. „Einige sind schon ausgewählt“, sagt Schamel, Abteilungsleiterin für berufliche Qualifikation. Im Dezember gab es vorab einen Workshop unter Anleitung der Theaterpädaoginnen Antonia Schirmeister und Anja Noël. „Es sollten aber nur schwache Schüler sein, bei denen die Gefahr besteht, dass sie den Abschluss nicht schaffen oder solche mit anerkanntem Abschluss“, erklärt Schamel.

Schillers „Räuber“ als Vorlage

Im vergangenen Jahr hatten Schirmeister und ihr Schauspielkollege Raphaèl Nybl in in einer viermonatigen „Tour de Force“ zusammen mit den Jugendlichen das Stück „Newcomer“ entwickelt, das auf einer Romanvorlage von Ödön von Horváth fußt. Es wurde im April im Großen Haus aufgeführt und war ein großer Erfolg.
Schillers „Räuber“ werden nun von den Theaterpädagoginnen umgeschrieben. Das Stück bringt eine stattliche Anzahl von Schauspielern auf die Bühne. Neben 23 jungen Männern der Alfons-Kern-Schule werden nach Angaben von Theaterpädagogin Schirmeister etwa 15 junge Frauen dabei sei, die nur teilweise von der Schule kommen, und außerdem in kleinen Rollen vier Kinder aus dem theaterinternen Spielclub. „Im Fokus stehen aber junge Männer mit Fluchthintergrund.“

Schüler fühlen sich hier Zuhause

Aus dem Innovationsfonds des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gibt es Spenden. Der Erlös aus dem Verkauf von Bastelarbeiten bei einem Adventsmarkt an der Schule fließt ebenfalls in das integrative Theaterprojekt. „Es soll professionell ablaufen“, betont Schamel. Im Gegensatz zum Vorjahr wird die Schule stärker mit eingebunden. „Hier fühlen sich die Schüler zuhause“, sagt Schamel. Damit sind Lern- und Kulturort unter einem Dach.

Proben sind in der Schule

Im AKS und nicht im Theater sollen die Ende Januar beginnenden Proben deshalb stattfinden. Im Vorjahr habe es an der Kommunikation gemangelt zwischen den Projektteilnehmern der AKS und den Klassen, meint Schamel. Das soll nun anders werden. Nach den Faschingsferien werden Schillers „Räuber“ vor allem in den Migrantenklassen behandelt. Das Drama dient zum einen der Erarbeitung des Wortschatzes. Zum anderen sollen die Klassen herausarbeiten, was sie sich unter dem Thema Räuber vorstellen. „Sie bauen in einem Schuhkarton die Kulisse für das Theaterstück“, nennt AKS-Lehrerin Irene Horn ein weiteres Projekt, das das Theaterspiel unmittelbar mit der Schularbeit verbindet. Schließlich ist ein Film über die Entstehung des Theaterstücks geplant. An der AKS werden auch Bühnenbild und Kostüme für „Die Räuber“ gefertigt. Und weil die AKS-Laientheatergruppe mit Probenbeginn einen guten Teil der Freizeit an der Schule verbringen wird, kann sie sich dort auch verpflegen. „Wir kochen für sie“, sagen die Lehrerinnen. Die Cafeteria, für die es noch keinen neuen Pächter gibt, bietet auch die Möglichkeit, dass sich die AKS-Schauspieler mit den Klassenkameraden über das Projekt austauschen können. „Es geht uns nicht nur um Abschlüsse“, erklärt Horn.

Großes Projekt mit immenser Außenwirkung

Schamel erinnert an die Entwicklung, die die Schauspieler nach dem letztjährigen Theaterstück durchlaufen haben. „Sie haben sich in Körperhaltung, Mimik, Gestik so stark verändert, dass sie viel präsenter waren. Sie haben gemerkt, dass man sie wahrnimmt und dass sie etwas erreichen können“, beschreibt die Lehrerin wichtige und zentrale Erfahrungen fürs Leben, die sie durch bloßes Vokabeln und Grammatiklernen nicht gemacht hätten. „Es war ein großes Projekt mit ungeheurer Außenwirkung“, zieht Schamel Bilanz aus dem Projekt vom Vorjahr.
Der Premiere der „Räuber“, am 1. Juni, 19 Uhr, im Großen Haus werden weitere Aufführungen folgen.