Christoph Mährlein (SPD) | Foto: Helbig/Archiv

Bruderschaft möchte abwarten

Männer-Vereine und Gemeinnützigkeit: Vorsitzender der Löblichen Singer Pforzheim kritisiert Olaf Scholz

Anzeige

Olaf Scholz (SPD) will reinen Männer-Vereinen die Gemeinnützigkeit entziehen. Wer Frauen ausschließe, soll künftig keine Steuervorteile mehr erhalten, findet der SPD-Spitzenpolitiker. Wenig glücklich darüber ist ein Parteifreund aus Pforzheim: Christoph Mährlein, der stellvertretende SPD-Kreischef, findet: „Der Vorstoß von Olaf Scholz ist ein bisschen zu hart“.

Schließlich hätten es die Ehrenamtlichen ohnehin schon nicht leicht mit der zunehmenden Bürokratie im Vereinswesen. Mährlein kennt die Probleme aus der Praxis. Der Rechtsanwalt steht Pforzheims ältester Vereinsinstitution vor: den Löblichen Singern – vor mehr als 500 Jahren als Bruderschaft gegründet.

Frauen sind als Mitglieder nicht zugelassen, auch wenn es immer mal wieder erwogen wurde. Zuletzt stand das Thema Frauen bei der Jahreshauptversammlung 2018 an – inklusive Wortgefechte zwischen Traditionalisten und Progressiven. Auch Mährlein hatte sich damals für weibliche Singer ausgesprochen

Eilig hat es der Verein nicht

Doch auch nach dem Scholz-Vorstoß und den damit drohenden finanziellen Einbußen hat man es mit einer Abstimmung über die Frage nicht besonders eilig. Auf der nächsten Jahreshauptversammlung am 6. Januar soll das Thema jedenfalls nicht auf der Tagesordnung stehen. Mährlein zufolge soll dabei die Nachfolge seines im Juli überraschend verstorbenen Obermeister-Kollegen Claus Kuge im Mittelpunkt stehen. „Eine Abstimmung über die Aufnahme von Frauen könnte dann ein Jahr später erfolgen“, sagte Mährlein auf Anfrage dieser Redaktion.

Der Vorstoß von Olaf Scholz ist ein bisschen zu hart.

Löbliche-Singer-Vorsitzender Christoph Mährlein

Wichtig sei bei solch einer Grundsatzfrage, dass sie möglichst einvernehmlich getroffen werde. In Pforzheim gelte es wie auf Bundesebene, „gegen die geschlechtsspezifische Benachteiligung wirksame, aber auch sensible Lösungen“ zu finden.

Mehr zum Thema: Dürfen bald Frauen in uralten Männerbund?

Mährlein weist darauf hin, dass die Singergesellschaft zwar als gemeinnützig gilt, aber formal gar kein „eingetragener Verein“ ist – einfach deshalb, weil die „Singer“ viel älter sind als das deutsche Vereinsrecht. Dieser juristische Umstand, so hofft der Singer-Obermeister, könnte sich womöglich noch günstig auswirken.

Die „Löbliche Singergesellschaft von 1501 Pforzheim“ entstand während einer Pestepedemie. Die Mitglieder sorgten für ein menschenwürdiges Begräbnis der Pesttoten und sangen an ihren Gräbern. Tätigkeitsfeld und Satzung haben sich seither mehrfach geändert. Heute ist man „an humanitären, sozialen, karitativen, stadtgeschichtlichen und heimatpflegerischen Zielen orientiert“. Laut derzeit gültiger Satzung müssen alle „Singer“ volljährige, männliche Bürger Pforzheims sein oder „Männer, die sich der Stadt Pforzheim verbunden fühlen“.