Mehr als 2000 Kilometer trennen Remchingen und San Biagio Platani. Ob nach der Festnahme Santo Sabellas (Zweiter von rechts) Bürgermeister Luca Wilhelm Prayon (rechts) seinen Amtskollegen noch einmal treffen wird, ist ungewiss. | Foto: zac

Verhaftungen in Sizilien

Mafia-Verstrickungen machen Remchinger mit italienischen Wurzeln wütend

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Luca Wilhelm Prayon ist bekannt für seine Eloquenz und Schlagfertigkeit, doch am Telefon fehlen ihm für wenige Sekunden die Worte. Der Remchinger Bürgermeister erfährt im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier von der Verhaftung seines Amtskollegen Santo Sabella (53), Bürgermeister der Remchinger Partnergemeinde San Biagio Platani. Laut italienischen Medien wurde Sabella bei einer weiteren Verhaftungswelle gegen die Mafia festgenommen.

Das ist schon schockierend

„Das ist schon schockierend“, ringt Prayon um Fassung. „Wir müssen jetzt aber erst mal schauen, was genau dahinter steckt und was ihm vorgeworfen wird.“ San Biagio Platani ist eine kleine Stadt auf Sizilien und liegt gut 2 000 Kilometer von Remchingen entfernt. Die Städtepartnerschaft wurde 1986 besiegelt. Die Gemeinden pflegen enge Verbindungen, die über mehrere Jahrzehnte zwischen den Menschen entstanden und gewachsen sind. Mehr als 300 aus San Biagio stammende Bürger wohnen in Remchingen. „Die Drähte werden heißglühen. Jeder wird die Verwandtschaft anrufen“, glaubt das Remchinger Ortsoberhaupt.

Wie ein Schlag ins Gesicht

Nach Bekanntwerden der Verhaftung wird in Remchingen über kaum etwas anderes geredet. „Wir sind alle aus den Wolken gefallen“, sagt Eugenio Monaco. „Die Nachricht ist für uns wie ein Schlag ins Gesicht.“ Der Wilferdinger wurde 1956 in San Biagio geboren und kam 1970 nach Remchingen. Seit vielen Jahren setzt er sich für die Partnerschaft ein, fährt regelmäßig in seine alte Heimat. Monacos Mutter und Bruder leben dort. Die Schlagzeilen machen ihn wütend, sagt der 61-Jährige. Weil er glaubt, dass die Leute Sizilien mit der Mafia gleichsetzen. „Die Leute in San Biagio sind anständig“, ist er überzeugt. Es gebe aber eben leider auch „faule Äpfel in der Kiste“.

Fröhliche Mienen gab es noch im Juni 2015 beim Partnerschaftsbesuch der Delegation aus San Biagio Platani mit Bürgermeister Luca Wilhelm Prayon, Amtskollege Santo Sabella, Hauptamtsleiterin Carmen Kramer und Rudi Dennig (ab Zweiter von links). | Foto: zac

Behörden haben wohl schon länger ermittelt

Monaco verfolgt die Nachrichtenlage auf den Online-Portalen der italienischen Medien, er liest auch die Artikel von „Agrigento Notizie“, einer Seite, die über die Provinz Agrigent, zu der San Biagio gehört, berichtet. Dabei habe er erfahren, dass die Behörden seit zwei Jahren gegen den Bürgermeister von San Biagio ermitteln. Eugenio Monaco habe Sabella im Zuge des Gemeindeaustauschs getroffen. Da sei es immer herzlich zugegangen, erinnert er sich.

Für mich kommt das völlig überraschend

Seit 51 Jahren lebt Angelo Di Franco in Remchingen. Im italienischen Fernsehen habe er betroffen die Bilder von der Polizeirazzia und den Festnahmen gesehen. „Für mich kommt das völlig überraschend“, sagt Di Franco gegenüber dem Pforzheimer Kurier. Seine Eltern leben in San Biagio, er selbst sei dort geboren. „In dem kleinen Ort kennt jeder jeden“, sagt Di Franco. Die Mafia bringe man eher mit Palermo oder Catania in Verbindung, aber mit San Biagio? Di Franco betont, dass er die Hintergründe zwar nicht kenne, es für ihn aber unbegreiflich sei, dass San Biagio in den Mafia-Sumpf verwickelt sein könnte. „Ich dachte immer, dass dort alle zufrieden sind.“

Santo Sabella war zuletzt 2015 in Remchingen. | Foto: zac

Partnerschaft soll trotzdem weiter gepflegt werden

2016 war Antje Hill als Teil einer Remchinger Delegation das letzte Mal zu Besuch in dem sizilianischen Bergdorf. Die SPD-Fraktionsvorsitzende im Remchinger Gemeinderat pflegt den Kontakt zu einer jungen Frau, bei der sie während des Besuchs in San Biagio unterkam. Hill wolle sich bald bei der „politisch engagierten“ Frau melden und versuchen, ob sie über die Bekannte das eine oder andere erfahren kann. „Ich werde ihr schreiben“, so Hill, die aber erst abwarten möchte. „Ich denke, sie muss das auch erst mal verdauen.“ Die 72-Jährige ist kurz nach der Gründung im Jahr 2000 dem Verein zur Pflege internationaler Beziehungen beigetreten. Sie kenne die Verhältnisse in Italien nicht gut genug. Dass aber das Netzwerk der Mafia bis in einen so kleinen Ort wie San Biagio, weit weg von Palermo, reiche, das erstaune sie schon. Hill glaubt nicht, dass die Vorwürfe gegen Sabella die Beziehungen zur Partnergemeinde stören könnten. „Es geht schließlich um die Menschen. Die Partnerschaft lebt trotzdem weiter“, ist sie überzeugt.

Müssen das jetzt erst mal verdauen

„Ungläubig, entsetzt und schockiert“, so beschreibt Carmen Kramer, Hauptamtsleiterin in Remchingen, ihre Gefühlslage. „Ich kenne die Menschen und hoffe, dass das nicht stimmt“, sagt die Geschäftsführerin des Vereins zur Pflege internationaler Beziehungen. Der Verein hat etwa 140 Mitglieder. „Wir müssen das jetzt erst mal verdauen, aber wir stellen die Partnerschaft nicht in Frage“, betont Kramer. Schließlich sei die Verbindung eine „Herzensangelegenheit“, es gehe um Menschen, die die Remchinger immer herzlich und freundlich empfingen. Kramer selbst war schon dreimal zu Besuch in San Biagio. Zuletzt an Ostern 2016, als die „Piazza Remchingen“ mit einer Namenstafel eingeweiht wurde.

Rudi Dennig warnt vor Vorverurteilung

Rudi Dennig aus Singen ist Mitbegründer der Städtepartnerschaft. Ihn trifft die Verhaftung von Santo Sabella, den er als „netten Kerl“ kennengelernt habe, ins Mark. „Ich hätte meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass San Biagio nichts mit der Mafia zu tun hat“, sagt das Gründungsmitglied des Partnerschaftsvereins. Er habe von italienischen Freunden in einer Whatsapp-Gruppe von der Verhaftung erfahren. Einige von ihnen hätten ihm schon geschrieben, es sei die Rede von „Scham“ und „Enttäuschung“. Weil er es genau wissen wollte, hat Dennig mit einem Bekannten italienisches Fernsehen geschaut, über die Hintergründe der Verhaftung wisse er aber nichts Konkretes. Deshalb möchte der frühere Hauptamtsleiter von Remchingen auch kein vorschnelles Urteil abgeben.

Ist Sabella beim nächsten Besuch in Remchingen dabei?

2019 stehen zwei große Feste in Remchingen an: Die Eröffnung des neuen Rathauses und das Ortsjubiläum 1250 Jahre Singen. Zu beiden Anlässen werde auch eine Delegation aus Italien eingeladen. „Jetzt muss man natürlich schauen, ob Sabella dabei sein wird“, sagt Prayon, der nun die Verwaltung und den Gemeinderat informieren möchte.