Geschockt vom Terror in Halle zeigte sich auch Pfarrerin Heike Reisner-Baral in ihrer Ansprache auf dem Platz der Synagoge. In Gedenken an die Opfer legten rund 300 Menschen bei der Mahnwache eine Schweigeminute ein.
Geschockt vom Terror in Halle zeigte sich auch Pfarrerin Heike Reisner-Baral in ihrer Ansprache auf dem Platz der Synagoge. In Gedenken an die Opfer legten rund 300 Menschen bei der Mahnwache eine Schweigeminute ein. | Foto: eh

Rat der Religionen Pforzheim

Mahnwache in Pforzheim für Opfer des Synagogen-Anschlags in Halle

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Der Rat der Religionen Pforzheim hat anlässlich des Terror-Anschlags auf eine jüdische Synagoge in Halle zu einer Mahnwache aufgerufen. Auf dem Platz der alten Synagoge haben rund 300 Menschen, darunter viele Schüler, gemeinsam der Opfer gedacht.

Ein Schweigen, das die belebte Kulisse an der Zerrennerstraße übertönt. Zur Mahnwache, die der Rat der Religionen Pforzheim auf dem Platz der Synagoge abhält, sind viele gekommen. Von den etwa 300 Menschen, die sich hier versammelt haben, sind die meisten Schüler. Heike Reisner-Baral, Pfarrerin der Schloßkirche, greift zum Mikrofon. „Wir stehen hier, damit so etwas wie in Halle nie mehr passiert“, fasst sie den traurigen Anlass der Begegnung zusammen.

Erinnerung an „dunkelste Zeit“

„Ausgerechnet am Versöhnungstag“, beginnt Reisner-Baral ihre Ansprache mit Blick auf den Feiertag Jom Kippur, den die jüdische Gemeinde am Tag der Schreckensnachricht aus Halle zu feiern gedachte, „müssen sich Menschen in unserem Land fürchten, nur weil sie Juden sind. Das erinnert an die dunkelste Zeit unserer Geschichte. ,Nie wieder‘, haben die Deutschen geschworen, wird jemand in Deutschland wegen seiner Religion verfolgt werden.“

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Klare Adressaten

Reisner-Baral findet klare Adressaten für ihre politische Forderung nach einem friedlichen Miteinander: „Politiker, die den Holocaust als ,Vogelschiss‘ und das Berliner Mahnmal als ,Denkmal der Schande‘ bezeichnen, sind Wegbereiter solcher Taten und legitimieren sie.“ In Gedenken an die Opfer der jüngsten und aller vergleichbaren Verbrechen schweigt die Menge für zehn Minuten. Schüler unter anderem des Hilda- und Theodor-Heuss-Gymnasiums legen Rosen auf den Boden vor dem Mahnmal der Alten Synagoge.

Gesichert: Vor der Pforzheimer Synagoge patrouillieren Polizeibeamte am Donnerstagnachmittag.
Gesichert: Vor der Pforzheimer Synagoge patrouillieren Polizeibeamte am Donnerstagnachmittag. | Foto: str

Zeichen gegen Antisemitismus in Pforzheim

Der Rat der Religionen ist ein von der Evangelischen und Katholischen Kirche Pforzheim initiiertes Bündnis, das eine Zusammenarbeit aller in Pforzheim vertretenen Religionsgemeinschaften anstrebt. Diese Zusammenarbeit hat sich seit den Vorfällen am 18. Mai verdichtet, als ein Wagen der Partei „Die Rechte“ über Megafon juden- und ausländerfeindliche Beleidigungen vor der Pforzheimer Synagoge skandierte. Durch den Terroranschlag in Halle sehen sich die Mitglieder veranlasst, ein umso deutlicheres Zeichen gegen Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit in Pforzheim zu setzen.

Anteilnahme der Politik

Neben Reisner-Baral sind mit den FDP-Landtagsabgeordneten Hans-Ulrich Rülke und Erik Schweickert, Sozialbürgermeister Frank Fillbrunn und SPD-Stadtrat Uwe Hück namhafte Vertreter aus der Politik erschienen. Auch andere Mitglieder des Bündnisses „Pforzheim Nazifrei“, der „Initiative gegen Rechts“ und des Stadtjugendrings finden sich in der Menge. Oberbürgermeister Peter Boch, der den Anschlag in einer öffentlichen Stellungnahme als „widerwärtig“ bezeichnete, und Bundestagsabgeordnete Katja Mast waren beide wegen Dienstreisen verhindert, versicherten aber den Opfer und den Gedenkenden ihre Anteilnahme.

„Identität darf nicht versteckt werden“

Auf die Frage, ob jüdische Gemeindemitglieder in Pforzheim angesichts der antisemitischen Anschläge besondere Angst verspüren, sagt der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden und der Jüdischen Gemeinde in Pforzheim, Rami Suliman: „Ich habe auch Leute in der Gemeinde, die mich bitten, keine Post mehr zu senden, wegen der jüdischen Symbole auf den Umschlägen. Andere schicken ihre Kinder aus Angst nicht mehr zum jüdischen Religionsunterricht. Es kann nicht sein, dass ich meine jüdische Identität verstecken muss.“

Ängste ernst nehmen

Aus Angst sei am Tag der Anschläge auch rund die Hälfte der Gemeinde den Feierlichkeiten ferngeblieben. „Wir müssen auf beiden Seiten klarmachen, dass etwas passiert“, sagt Suliman. „Was wirklich Angst macht, ist, wenn Politik und Justiz nicht eingreifen, wenn Organisationen offen und genehmigt rassistische Parolen verbreiten.“

Keine Sicherheitsbedenken in Pforzheim

Zur Sicherheitslage vor Ort zeigt sich Suliman einigermaßen beruhigt: „Unsere Synagoge ist als ehemalige Bank sicherer als viele andere. Hier waren auch genug Beamte im Einsatz. Wir werden sie auch künftig in die Synagoge bitten, um zu zeigen, dass die Sorgen der Gemeinde ernst genommen werden“, so der Gemeindevorsitzende.