Genau hingeschaut: Marc Kunzmann inspiziert eine Goldkette im Pfandleihhaus „Pfandkredit Petschl“. Er prüft den Wert der Kette, um herauszufinden, wie viel Geld er dem Kunden, der das Schmuckstück als Pfand einlagert, geben kann. | Foto: Oest

Oft der letzte Ausweg

Zu Besuch im Pfandhaus in Pforzheim: „Man merkt, wenn es den Leuten schlecht geht“

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Für viele Menschen mit wenig Geld ist das Pfandleihhaus oftmals der letzte Ausweg. Das Pfandgeschäft hat eine lange Tradition. Die Kundschaft hat sich im Laufe der Jahre aber geändert. Ein Besuch im Pfandhaus in der Pforzheimer Innenstadt. 

Boris, Mitte 30, kommt sichtlich zufrieden aus dem kleinen Laden in der Kiehnlestraße. „Ich wollte 200 Euro, habe aber immerhin 170 Euro bekommen. Das ist schon okay“, sagt er. Boris (Name von der Redaktion geändert) hat gerade seine Goldkette verpfändet. „Es ist Monatsende, ich brauche Geld. Ich komme regelmäßig hierher“, verrät er.

„Man merkt, wenn es den Leuten schlecht geht“

So wie Boris geht es vielen, die ins Pfandhaus „Pfandkredit Petschl“ in der Pforzheimer Innenstadt kommen. „Anfangs kommen weniger Kunden, ab Mitte des Monats dann am laufenden Band. Man merkt, wenn es den Leuten schlecht geht“, sagt Marc Kunzmann, der als Angestellter im Pfandhaus arbeitet.

Durchschnittlich kommen etwa 30 Personen am Tag in das Geschäft – aus ganz unterschiedlichen Beweggründen. „Alle, die kurzfristig Geld benötigen, kommen zu uns“, erklärt der Inhaber des Pfandleihhauses und ergänzt: „Es geht hier unkompliziert, ohne Schufa.“

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Beliehen wird quasi alles – Schmuck, Uhren, Porzellan, Autos

Sein Vater hat das Geschäft in den 1970er Jahren übernommen. Eigentlich suchte er ein Ladengeschäft und fand dann das Pfandhaus, das seitdem im Familienbetrieb ist. Wer seine Ware im Pfandhaus beleiht, hat drei Monate Zeit, diese wieder auszulösen oder den Pfandvertrag zu verlängern. Insgesamt vier Prozent – ein Prozent Zinsen und drei Prozent Bearbeitungskosten – muss der Verpfänder dafür zahlen. Beliehen wird quasi alles – Schmuck, Uhren, Porzellan und neuere Autos. „Der Großteil ist aber Edelmetall“, sagt der Inhaber. Das sind Ketten, Ringe, Uhren und andere Dinge, die einen Materialwert haben. „Autos und Gemälde sind die Ausnahme.“

Die Leute kommen einfach, wenn es hart auf hart kommt.

Pfandleiher Marc Kunzmann

Die Tradition der Pfandleihhäuser reicht bis in die Antike zurück. Schon im alten Babylon existierte dieses Prinzip. Dass sich die Klientel verändert hat, merkt man auch beim Geschäft in der Kiehnlestraße: „Diese Oma, die am Ende des Monats den Schmuck verpfändet, weil die Rente nicht reicht, das ist nicht mehr so. Die Leute kommen einfach, wenn es hart auf hart kommt. Im Prinzip ist die Kundschaft ganz breit gefächert.“

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Jedes fünfte Objekt bleibt im Pfandhaus

Auch Ronald (Name von der Redaktion geändert) kommt regelmäßig ins Pfandhaus. „Meistens am Ende vom Monat. Und am Anfang des neuen Monats hole ich mein Pfand wieder ab. Ist schon fast eine Gewohnheit“, sagt der junge Mann schmunzelnd. So ein Verhalten haben viele der Kunden. „Circa 80 Prozent derer, die etwas verpfänden, holen ihr Pfand auch wieder ab oder verlängern es“, verrät der Pfandhaus-Inhaber. Genaue Statistiken erhebt er nicht. In der Vergangenheit wurde das mal gemacht, aber heute sei das für den Unternehmer „nicht mehr relevant“.

Heikle Situationen sind die Ausnahme

Etwa alle drei Monate kommt eine Auktionatorin aus Stuttgart und bringt die Dinge an den Mann oder die Frau, die nicht vom Verpfänder ausgelöst oder verlängert wurden. Circa 100 Objekte kommen so pro Versteigerung zusammen.

Da Kunden unter Umständen auch in Ausnahmesituationen sind, kann es schon mal zu heiklen Situationen kommen. „Es gab mal einen Vorfall, wo ich von einem Kunden bedroht wurde, weil er sich mehr Geld erhofft hatte“, erzählt Kunzmann. Aber das ist die absolute Ausnahme. „Wir haben auch viele Stammkunden, die einfach mal nur zum Reden kommen. Quasi wie eine Art Familie“, so Kunzmann.