Familien wehren sich gegen Mangel an Kinderbetreuungsplätzen. Am Rande der jüngsten Gemeinderatssitzung protestieren diese Mitglieder der „Spielgruppe Nordstadt“ gegen Schließungen in ihrem Stadtteil. | Foto: Streib

Eltern im Kommunikationsloch

Mangel an Kinderbetreuung sorgt in Pforzheim für Unmut

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„Was passiert 2021?“ Mit dieser drängenden Frage, ausgesprochen von Elena Morscheck, Elternvertreterin der Kita an der Markusgemeinde, konfrontierten am Dienstag 60 bis 70 Eltern in der Bürgersprechstunde Gemeinderat und Verwaltung. „1 168 Krippen- und Kitaplätze fehlen“, stand auf Plakaten zu lesen.
Morscheck beschrieb die Unsicherheit nicht nur vieler Eltern, sondern auch des Kita-Personals. „Wir haben keine zufriedenstellenden Antworten der Evangelischen Kirche erhalten“, sagte sie im Hinblick auf die Kitas in deren Trägerschaft, die bis 2021 geschlossen werden sollen.

Evangelische Kirche schließt Kitas

Im Vorfeld hatte die Evangelische Kirche die Standorte Maximilianstraße, Kräheneckstraße, Huchenfelder Straße, Schlossberg und Fritz-Neuert-Straße genannt. Die Kitas Goldschmiedestraße und Schlossberg könnten in neuen Gebäuden zusammen gelegt werden, heißt es. Auch die Kita im Deichlerweg soll nur noch bis 2021 betrieben werden. Die Kirche will sich aber bis 2023 um die Trägerschaft neuer Kitas bewerben und Einrichtungen ausbauen.

Was bieten Sie mir an?

An die Adresse von Stadt und Kirche gerichtet, sagte Morscheck auch, es sei Zeit, mit gegenseitigen Schuldzuweisungen aufzuhören. Aus Unmut werde Frust und aus Frust Wut. All dies passe nicht zum Attribut einer familienfreundlichen Stadt, als die Pforzheim sich gerne darstellt.
Eine junge Mutter konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, als sie erklärte, ihren Job zu verlieren, wenn ihr Kind keinen Platz bekommt. „Was bieten Sie mir an?“ fragte sie Gemeinderat und Verwaltung. Oberbürgermeister Peter Boch antwortete ihr direkt: „Das bewegt uns alle. Hinter allen Zahlen stehen Familien.“ Man wolle für sie eine Lösung finden.

Tapir zur Überbrückung

Gemeinsam mit dem Rathauschef versuchte auch die vom Amt für Bildung und Sport zuständige Claudia Schlütter die Eltern zu beschwichtigen, indem sie fürs Modell „Tapir“ (Tagespflege in anderen geeigneten Räumlichkeiten) warb als Übergangslösung und um den Druck etwas herauszunehmen. Parallel baue man aktuell die Kitas Steubenstraße, Kronprinzenstraße und Baldung-Grien-Straße aus. „Es ist unser Anliegen, Ihnen einen Platz in Kita oder Krippe anzubieten“, sagte Boch zu den Eltern. Dass keine Gespräche mit der Evangelischen Kirche stattgefunden hätten beziehungsweise stattfänden, stimme nicht, versuchte der OB „Gerüchte“ auszuräumen, die auch in der Bürgerfragestunde zur Sprache kamen.

Eltern bekommen nichts mit

„Die Elternschaft bekommt nichts mit“, erwiderte darauf Kathrin Reinhardt vom Gesamtelternbeirat. „Gerüchte entstehen aus einem Kommunikationsloch, in dem Eltern und Erzieherinnen allein gelassen werden.“
„Wir sind in permanenten Gesprächen mit der Stadt“, bestätigte Jens Adam, stellvertretender Evangelischer Dekan, auf Anfrage des Pforzheimer Kurier die Aussagen des OB. Wie jener machte Adam aber deutlich, erst dann Eltern und Öffentlichkeit darüber zu informieren, „wenn wir etwas zu sagen haben, das belastbar ist“. Andernfalls fürchtet Adam falsche Hoffnungen zu wecken. Es seien vertrauliche und schwierige Sachverhalte, an denen viele Gremien beteiligt seien. Die Kirche sei sich des großen Zeitdrucks bewusst.
Claudia Schlütter sprach von 1 300 Absagen für angemeldete Kinder, die die Stadt an Eltern verschickt habe, doch hätten mittlerweile 160 ihre Anmeldungen zurückgezogen.