Elektrolurch Mani Neumeier trat in Pforzheim nicht nur als gelenker Schlagzeuger, sondern auch als Klamauk-Kopf der Krautrock-Legende "Guru Guru" auf. | Foto: Wacker

Live: Guru Guru & Arthur Brown

Mani(scher) Trommler und „God of Hellfire“

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Die Bühne ist für ihn wie ein großes Spielzimmer-Paradies. Mani Neumeier, schlohweiß behaarter Kopf der Krautrock-Band Guru Guru, sitzt nicht nur stoisch klöppelnd hinter seinem Schlagzeug. In dem bald 77-Jährigen steckt noch immer die Neugier eines Kindes und die Lust am Herumalbern. So hat der Mann im Lauf der Jahrzehnte allerhand Krimskrams gesammelt, dem er selten gehörte Töne entlockt und dabei tranceartige Rhythmen formt.
Da fliegt dir doch das Blech weg: Ein normales Schlagzeug reicht Mani Neumeier nicht. | Foto: Wacker

Mani sitzt der Schalk im Nacken

In einem Alter, in dem andere sich von Silbereisens Dilettantenstadl einlullen lassen, sitzt dem gebürtigen Münchner noch immer der Schalk im Nacken. Neumeier rezitiert japanische Verse mit rotpunktiertem Staubsaugerbeutel auf dem Kopf. Er leert einen Sack voller Blechschüsseln und einer Sauciere, setzt sich im Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld auf den Boden und kreiert mit wenigen Mitteln ein faszinierend klingendes Percussion-Orchester.
Mani Neumeier war mit seiner Band mehrfach auf Japan-Tournee. In Pforzheim rezitiert er japanische Verse. | Foto: Wacker

Rocklegenden seit über 50 Jahren unterwegs

Sah sich die 1968 als „The Guru Guru Groove“ gegründete Band in ihren ersten Jahren eher im kulturellen Untergrund – wild, subversiv, anarchisch –, machen die drei Begleitmusiker Roland Schaeffer, Peter Kühmstedt und Jan Lindqvist heute einen eher gesetzten Eindruck. Einzig Schaeffer tanzt neben Neumeier etwas aus der Reihe und beschwört das Publikum im Kulturhaus Osterfeld mit seiner Nadaswaram, einer Kegeloboe. Doch die „Schlange“ will nicht so recht aus dem Korb, auch dann nicht, wenn der Musiker gleichzeitig in Saxofon und Nadaswaram bläst.
Mani „Elektrolurch“ Neumeier im Zusammenspiel mit Gitarrist Roland Schaeffer. | Foto: Wacker

Psychedelische Sound-Collage

Beim Kult-Stück „Der Elektrolurch“, einer psychedelischen, mit skurrilem Text garnierten Sound-Collage, kommt das Publikum am Ende doch noch aus dem Quark und jubelt dem Bewohner der Lüsterklemme zu. Der Schlagzeuger trägt eine bizarre Kopfbedeckung mit zwei blinkenden Fühlern und schießt fiepende Töne aus einer Spielzeugpistole ins Mikrofon. Das kommt an: Einer der besten deutschen Schlagzeuger, dem in Japan eine Wachsfigur gleich neben Jimi Hendrix gewidmet wurde, nimmt sich selbst nicht allzu ernst.

Krautiges Kuriositäten-Kabinett

Zum krautigen Kuriositäten-Kabinett des mani(schen) Trommlers passt das Musik-Theater von Arthur Brown und seiner „Crazy World“ wie die Faust aufs Auge. 1968 landete der britische Wirbelwind-Derwisch mit „Fire“ in seiner Heimat einen Nummer-Eins-Hit, bei Auftritten brannte er seine Kopfbedeckung ab, trat im erzkatholischen Italien nackt auf und wurde verhaftet. Das alles ist lange her, beeinflusste aber Schockrocker Alice Cooper und die Glam-Diven von Kiss nachhaltig.

Browns Stimme umfasst mehrere Oktaven

Die Falten des 75-Jährigen zeichnen sich im bemalten Gesicht ab. Seine Bewegungen sind kantig-hölzern. Die Band wirkt da wie ein Jungbrunnen, an dem sich der Rock-Dino, der 1994 bei einem Auftritt einen Schlaganfall erlitt, labt. Trotz aller Theatralik, Pose und Vokal-Akrobatik gönnt Brown seinen drei Musikern und einer Musikerin das Rampenlicht. Kurze, rasant gespielte Interludien verschaffen dem Sänger und Shouter Verschnaufpausen, in denen er sich neu gewandet.

Tragik eines Clowns

Dabei hat Brown etwas von der Tragik eines Clowns, dem es gerade noch gelingt, nicht in peinliche Belanglosigkeit abzudriften. Das verhindert vor allem seine mehrere Oktaven umfassende Stimme, die nach wie vor beeindruckt. Den großen Reibach hat der Voodoo-Zauberer („I Put A Spell On You“) nicht gemacht. Man fragt sich: Muss er oder möchte er das – mit 75 vor gut 150 Besuchern den „God of Hellfire“ mimen, während dem ein Jahr jüngeren Mick Jagger Zehntausende zujubeln und für ein Ticket an ihr Erspartes gehen. Arthur Brown fegt jeden Zweifel hinweg: Er will mit jungen und ihn jung haltenden Musikern touren, sich unter das Publikum mischen, mit ihm tanzen, singen, lachen und es verzaubern. „I Put A Spell On You, Because You’re Mine“, singt Arthur Brown und meint dabei jeden Einzelnen im Saal.