Wortgewandt und visionär: Der 15-jährige Leon Meyer möchte seine Altersgenossen über das Klimadebatte hinaus auch für die Kommunalpolitik begeistern. | Foto: ron

Mit Kommunal- und Klimapolitik

15-jähriger Pforzheimer im Jugendgemeinderat: „Die Politikverdrossenheit in meiner Generation ist erschreckend“

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Leon Jonas Meyer ist das jüngste Mitglied des Pforzheimer Jugendgemeinderats. Für die BNN hat der 15-Jährige seinen Weg ins Gremium nachgezeichnet, einen Einblick in die politische Gesinnung seiner Altersgenossen gegeben und aufgezeigt, was die amtierenden Alten vom jungen Nachwuchs lernen können.

Pünktlich um 15.30 Uhr erscheint der junge Gast in der Redaktion. Nachdem er am Konferenztisch Platz genommen hat, zieht er zwei Unterlagen aus seinem Rucksack. Seine handschriftlichen Notizen hat er in Klarsichtfolie verpackt, daneben legt er die Einverständniserklärung seiner Eltern. Leon Meyer ist nicht nervös, er ist vorbereitet. „Ich rede gerne vor Menschen“, sagt das jüngste Mitglied des Pforzheimer Jugendgemeinderats.

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Nicht unbedingt typisch für einen 15-Jährigen. Während die anderen in ihrer Freizeit am Computer spielen oder Serien schauen, liest Leon Meyer morgens gerne Zeitung und freut sich abends auf die Tagesschau. „Ich bin da etwas altmodisch“, sagt er.

Bürgernähe war Trumpf in der Puzzlestadt

Bevor Leon Meyer Ende 2018 Mitglied im Jugendgemeinderat und beratendes Mitglied im Bau- und Liegenschafts- sowie im Umlegungsausschuss wurde, war er Bürgermeister. Und zwar in Puzzleheim, der Pforzheimer Kinderspielstadt. „Ich hatte andere Ideen, und habe vorher mit den Kindern gesprochen“, erklärt er seinen Erfolg. „Bürgernähe, das kommt heute auch zu kurz“, weiß der Jungpolitiker.

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Nicht nur im Gemeinderat engagiert

Meyer spricht sicher, mit großem Wortschatz, hat wie die Großen auf alles eine Antwort. Nicht umsonst ist er wohl auch stellvertretender Schulsprecher. Und bei Reden wie der vor 700 Schülern in der Turnhalle verliert man auch jede Scheu. „Da ging es um das schulübergreifende Sportturnier, das auch im Jugendgemeinderat Thema war. Und da ist es schön, wenn man in beidem engagiert ist“, sagt er. Engagiert ist der Sohn zweier Bankangestellter auch in der Schulband, er singt und spielt Ukulele.

Die Politikverdrossenheit in meiner Generation ist erschreckend. Viele denken, sie können nicht genug bewegen

Klima begeistert, Kommunalpolitik weniger

Viel Engagement. Aber auch viele Gleichgesinnte? „Das Klima ist jetzt das Thema überhaupt“, sagt Meyer. „Wenn ich in meiner Klasse erzähle, dass wir im Jugendgemeinderat den Klimanotstand ausgerufen haben, interessiert das schon viele.“

„Sobald es aber um Politik auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene geht, ist es mit dem Interesse vorbei. Die Politikverdrossenheit in meiner Generation ist erschreckend“, urteilt der Jugendliche. „Das hat auch viel mit Angst zu tun“, vermutet er. „Viele denken, sie können nicht genug bewegen. Und die Politiker stellen die Dinge oft zu kompliziert dar“.

Jugendbürgerfeier soll Erstwähler wieder begeistern

Politik sollte ansprechender sein, findet Meyer, „jugendlicher und cooler“. Wie er herausgefunden hat, kommen nur 20 von etwa 1 000 Wahlberechtigten zum Neujahrsempfang. Deshalb will er die Jugendbürgerfeier als politische Party wiederbeleben – eines seiner „Herzensanliegen“, das andere ist die Ertüchtigung des Skateplatzes.

Ein guter Politiker hat innovative Ideen und bringt seine eigenen Erfahrungen in eine Organisation ein

Frischer Wind statt stures Denken

Ein guter Politiker ist für Meyer „jemand, der innovative Ideen hat und die Zeit und die Energie aufbringt, sie in eine Organisation einzubringen. Gleichzeitig sollte er seine eigenen Erfahrungen anwenden“. Erfahrene alte Politiker seien aber nicht per se besser, sondern „oft zu stur, in dem, was sie denken. Sie bringen keinen frischen Wind mehr rein.“

Wahlversprechen wichtiger als Partei-Treue

Der 15-Jährige ist parteilos. „Das macht im Jugendgemeinderat auch wenig Sinn“, findet er. Manche Politiker, so Meyer, könnten sich daran ein Beispiel nehmen: „Nicht das Parteibuch zählt, sondern das, was ich meinen Wählern versprochen habe“.

Ich denke, die Menschen wählen rechtspopulistisch aus Wut und Unsicherheit. Das werfe ich aber niemandem vor. Wenn man Parteien verbietet, ist es keine Demokratie mehr

Meyer würde bedacht wählen, und nie radikal

Wenn Leon Meyer wählen könnte, würde er in der Klima-Frage zwar zu den Grünen tendieren, andererseits müsse man auch an die Arbeitsplätze denken, dem ist sich Meyer bewusst.

Extrem wählen kommt für ihn nicht in Frage, extrem rechts schon gar nicht. „Ich denke, das ist Wut, Unsicherheit, sind Gefahren die man einschränken will. Das werfe ich aber auch niemandem vor“, zeigt sich der 15-Jährige tolerant, „wenn man Parteien verbietet, ist es keine Demokratie mehr“.

Bei der Politik geht es um die Kommunikation mit Menschen. Vielleicht ist die manchmal sogar wichtiger als gute Pläne

Politiker ist nicht Meyers Traumberuf

Was ein wenig verwundert: Jonas Meyer will kein Politiker werden. Sondern Journalist. „Bei der Politik geht es um die Kommunikation mit Menschen. Ich denke, es gibt mehr Menschen, die neue Pläne haben, als welche, die Politik weitergeben und präsentieren. Und vielleicht ist das manchmal sogar wichtiger.“