Stefanies Streifzüge
Einer der wenigen Edelsteinhändler ist das Pforzheimer Familienunternehmen Schütt, das bescheiden in fünfter Generation arbeitet. Junior-Geschäftsführer David Fischer will modernisieren. | Foto: Stefanie Ender

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Nicht alles Gold, das glänzt – Besuch der Goldstadt Pforzheim

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Die gebürtige Oberlausitzerin Stefanie Ender kennt Göttingen, Dresden und Mailand. Dort hat sie studiert. Sie kennt Hamburg, wo sie zuletzt gearbeitet hat. Seit 1. August ist die junge Frau nun Volontärin der BNN. Damit sie auch Baden kennenlernt, haben wir sie auf eine Sommertour geschickt. Vom Kloster Waghäusel zum Karlsruher Grat. Dritte Etappe: Pforzheim.

 

Eigentlich sollte es eine Wanderung auf dem Westweg von Pforzheim bis zur Schwanner Warte werden. Kurze Zeit, nachdem ich Pforzheim den Rücken kehre, zieht mich die Stadt allerdings wieder in ihren Bann. Ich möchte wissen, ob Pforzheim seinem goldigen Image gerecht wird, kehre um und entdecke einen pulsierenden Ort voller Gegensätze.

Nicht gerade glänzend gähnen müde Fußgänger am Pforzheimer Hauptbahnhof. Eine Frau führt ihren kläffenden Köter aus, der an einem Papierkorb das Bein hebt. Viele Sprachen werden hier gesprochen. Im morgendlichen Trubel höre ich russisch, rumänisch, bulgarisch und polnisch. So manche Golduhr blitzt an Männerhandgelenken.

Wenige Meter entfernt, in den Hallen des Pforzheimer Schmuckmuseums im südlichen Teil der Stadt, geht es ruhiger zu. Leiterin Cornelie Holzach hat von den Stadtbewohnern ein ganz anderes Bild. „Der Pforzheimer trägt seinen Pelz nach innen“, wiederholt sie den im Volksgedächtnis bekannten Spruch.
„Viele Menschen hier sind Protestanten, die sehr früh der Reformation gefolgt sind. Das könnte etwas mit der teilweisen Bescheidenheit zu tun haben“, vermutet sie. Doch sie weiß, es gibt auch die anderen Pforzheimer: „Manch einer behängt sich mit dicken Goldketten. Es gibt auch unglaublich protzige, alte Häuser hier“, so Holzach.

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„Ist in der Goldstadt wirklich alles gold, das glänzt“, frage ich mich während meiner Erkundungstour durch Pforzheim. Foto: Stefanie Ender | Foto: Stefanie Ender

Ahnungslos rassele ich schon früh in den Bann der Gegensätze. Die Stadt, die mit der Großproduktion von Schmuck etwa um 1900 ihren Eintritt ins goldene Zeitalter feierte, in den 20ern etwa 70 Prozent des Weltschmucks produzierte, ihre fast komplette Zerstörung im Zweiten Weltkrieg überwand und bis in die 70er-Jahre aufblühte, kann heute auch anders. Viele Baustellen in der Fußgängerzone, herrenlos herum liegende Müllsäcke am Rande der Stadt, mitten auf der Straße spielende Kinder und Menschen, die in Mülleimern nach Pfandflaschen suchen, zeichnen ein anderes Bild. Eigentlich ein ganz normales, schnörkelloses Bild einer Großstadt.

In einer selbst ernannten Goldstadt hätte ich das nicht erwartet. Der Bann der Gegensätze hat mich fest im Griff, als ich den ersten Schritt auf dem Westweg mache. Nach etwa einer Stunde hat sich mein Kopf mit Fragen gefüllt: Ist das Leben hier wirklich so goldig? Dann müssten alle Pforzheimer dauerhaft glücklich sein, wie Gott in Frankreich speisen, wohlhabend sein und sich in strahlend kunstvollen Straßen bewegen – so zumindest meine Vorstellung. Meine Neugier zwingt mich zur Umkehr.

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In der Stadt der Gegensätze gibt es neben strahlenden Goldschildern auch schmuddelige Ecken, wie die vielen Baustellen in der Fußgängerzone. | Foto: Stefanie Ender

Schlendern erkunde ich die Stadt an der Enz. Eher schlicht sind die Menschen hier gekleidet. Männer scheinen Karohemden zu bevorzugen. Spuren der Schmuckherstellergeschichte muss der Besucher aufmerksam suchen. Geprahlt wird zwischen den für das Stadtbild typischen, schmucklosen 50er-Jahre Bauten wenig. Straßenkunst sehe ich nicht. „Noch Anfang der 80er-Jahre war es ein riesiges Problem, sich als Schmuckhersteller mit dem eigenen Namen zu profilieren“, erzählt Cornelie Holzach. So treffe ich nur durch ihre Empfehlung auf David Fischer, Junior-Geschäftsführer der Edelsteinfirma Schütt. Von außen ähnelt das Firmengebäude einem ganz normalen Wohnhaus.

„Wir sind eine der wenigen Edelsteinschleifer, die überlebt haben“, erzählt der 33-jährige angehende Unternehmer, der die Firma in sechster Generation übernehmen will. Statt als studierter Grafikdesigner Karriere zu machen oder im Zenkloster zu bleiben, in dem er eine Weile gelebt hat, will er das Erbe seiner Familie modernisieren. „Edelsteine haben eine enorme Anziehungskraft. Es ist wahnsinnig spannend, welche Farben und Formen wir tief unter der Erde finden“, sagt Fischer begeistert und zeigt einen grün leuchtenden Smaragd aus Kolumbien.

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Manche Edelsteine, wie diese hier, haben die Bombardierung Pforzheims im Zweiten Weltkrieg in einem Tresor überlebt, dabei aber ihre Farbe verloren und Risse bekommen. Foto: Stefanie Ender | Foto: Stefanie Ender

Dieser Stein ist teil der Ausstellung „Vom Rohstein zum Schmuckobjekt“, die er gemeinsam mit dem Schmuckmuseum organisiert hat. Nicht ohne Hintergedanken: „Ich fände es schön, wenn sich alle, die mit Schmuck und Edelsteinen in Pforzheim zu tun haben, besser vernetzen“, findet er. Damit wolle er der seit Jahrzehnten gewachsenen Eigenbrötlerkultur der Goldstadt entgegen wirken, sagt er. Bescheiden und entschieden wirken die Worte des gebürtigen Pforzheimers.