Der frühere Bürgermeister von San Biagio Platani, Carmelo Alba (vorne, Dritter von links), hier bei einer Begegnung in Remchingen im Jahr 2011, hat Angst um den Ruf seiner sizilianischen Heimat. | Foto: PK/Archiv

Post aus Sizilien an die BNN

Partnergemeinde von Remchingen in den Fängen der Mafia?

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„Articolo pubblicato sul Pforzheimer Kurier del 23/01/2018“ – zu deutsch: „veröffentlichter Artikel im Pforzheimer Kurier am 23. Januar 2018“ – steht in der Betreffzeile der E-Mail von Carmelo Alba (siehe untenstehendes Original mit Übersetzung). Der frühere Bürgermeister von San Biagio Platani reagiert in dem Schreiben, das er an die Redaktion geschickt hat, auf die BNN-Berichterstattung zu den Verhaftungen in seiner sizilianischen Heimatgemeinde.

Ex-Bürgermeister fürchtet um den Ruf seiner Heimat

Wie berichtet, ist Santo Sabella, Bürgermeister von Remchingens Partnergemeinde, zusammen mit 55 anderen Personen aus Sizilien verhaftet worden, weil die ermittelnden Behörden sie mit den führenden Köpfen der Mafia in Verbindung bringen. „Ich teile voll und ganz die Gemütsverfassung der Sanbiageser, die in Remchingen leben“, schreibt Alba, der von Juni 2006 bis Mai 2011 Bürgermeister des kleinen Dorfs war. Er spielt damit auf die Wut und Enttäuschung vieler Remchinger an, die aus San Biagio stammen.

„Jeder echte Sizlianer empfindet Verachtung“

„Die Nachricht ist für uns wie ein Schlag ins Gesicht“, hatte Eugenio Monaco, der 1970 aus San Biagio nach Remchingen kam, im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier gesagt. Er selbst bezeichne sich mittlerweile als Wilferdinger, dennoch tue ihm diese Nachricht weh, sagte der 61-jährige Monaco. Auch Remchingens Bürgermeister Luca Wilhelm Prayon wurde von den Schlagzeilen überrascht.
Der verhaftete Bürgermeister von San Biagio Platani, Santo Sabella, war zuletzt 2015 in Remchingen. | Foto: zac

Alba: Sizilien nicht gleich Mafia

Als Carmelo Alba von den Festnahmen in seiner Heimat erfuhr, habe er „Verachtung“ gespürt, die aus seiner Sicht „jeder ehrliche Sizilianer jedes Mal empfindet, wenn Taten der Mafia vorfallen“. Er wolle mit seinem Brief in Erinnerung rufen, dass Sizilien eine Region sei, die nicht nur von der Mafia regiert werde, sondern es auch Menschen gebe, die gegen die Organisation kämpften und dabei ihr Leben verloren. Diese Menschen ließen sich von den Prinzipien „Ehrlichkeit, Korrektheit und friedliches Zusammenleben“ leiten, so Alba weiter. „Das ist das Sizilien, auf das man stolz sein muss. Das ist unser Sizilien.“

Vier Festnahmen in San Biagio Platani

Carmelo Alba folgte als Bürgermeister im Juni 2006 auf Santo Sabella, der von November 2000 bis Juni 2006 schon einmal als Chef im Rathaus saß. Das sizilianische Nachrichten-Portal „MeridioNews“ berichtet indes von insgesamt vier festgenommenen Männern, die aus San Biagio Platani stammen sollen, darunter Santo Sabella. Der Kopf des San-Biagio-Clans soll italienischen Medienberichten zufolge Giuseppe Nugara sein. Inzwischen soll laut „MeridioNews“ die Präfektur, die Vertretung der Zentralregierung in der Provinz Agrigento, den 53-jährigen Sabella seines Amtes enthoben haben.
E-Mail aus Sizilien (25.01.2018)
   Ing. Carmelo ALBA
   Via Palmento Emanuele 7
   92020 San Biagio Platani

Caro Tassilo, sono Carmelo Alba, Sindaco di San Biagio Platani dal 2006 e 2011 oltre che membro dell’Associazione per il Gemellaggio con Remchingen. Ho letto con attenzione il Tuo articolo pubblicato sul Pforzheimer Kurier del 23/01/2018 e condivido pienamente lo stato d’animo dei Sanbiagesi che vivono a Remchingen. Ho apprezzato tantissimo che Tu li definisci „Remchinger“ e/o „Wilferdingher“ evidenziando così che sono ormai parte integrante della comunità in cui vivono e, per la stessa ragione, a me piace chiamarli Sanbiagesi sentendoli parte attiva anche della mia comunità.

A loro ed a tutti i Siciliani che vivono lontano dalla Sicilia è andato il mio pensiero quando ho appreso la notizia degli arresti per mafia che hanno coinvolto anche persone di San Biagio Platani ed al disagio che ogni Siciliano onesto prova ogni volta che si verificano fatti di mafia.

 

A loro ed a quanti avranno l’opportunità di leggere queste mie parole voglio ricordare che la Sicilia, spesso nota per tristi fatti di mafia, è soprattutto la terra di Giovanni Falcone, di Paolo Borsellino, di Don Pino Puglisi, di Pio La Torre, di Piersanti Mattarella, di Rosario Livatino, di Peppino Impastato, di Libero Grassi, di Rocco Chinnici, di Boris Giuliano, di Giancarlo Guazzelli, di Calogero Zucchetto, di Pippo Fava, di Ninni Cassarà, di Giuseppe Montana, di Emanuele Basile, di Gaetano Costa, di Cesare Terranova e di tantissimi altri Siciliani che hanno perso la vita per liberare la Sicilia dalla mafia e di tantissimi altri siciliani che ripudiano la mafia ispirando la propria esistenza ai principi di onestà, correttezza e pacifica convivenza. Questa è la Sicilia di cui bisogna essere orgogliosi. Questa è la nostra Sicilia.

Spero che tu possa tradurre e/o pubblicare (anche in lingua italiana) queste mie parole di solidarietà e vicinanza verso tutti i Siciliani onesti, ed in particolare verso tutti i Sanbiagesi/ „Remchinger“.

San Biagio Platani 25/01/2018
Saluti
C.Alba

Übersetzung

Lieber Tassilo, ich bin Carmelo Alba, Bürgermeister von San Biagio Platani von 2006 bis 2011, darüber hinaus Mitglied des Vereins für die Städtepartnerschaft mit Remchingen. Ich habe sehr aufmerksam Deinen Artikel gelesen, der im Pforzheimer Kurier vom 23.01.2018 veröffentlicht wurde, und teile voll und ganz die Gemütsverfassung der Sanbiageser, die in Remchingen leben.Ich finde es sehr gut*, dass Du sie als „Remchinger“ und/oder „Wilferdinger“ bezeichnest und damit deutlich machst, dass sie jetzt ein integrierender Teil der Gemeinschaft sind, in der sie leben; aus dem gleichen Grund möchte ich sie gerne Sanbiageser nennen, weil ich sie auch als aktiven Teil meiner Gemeinschaft empfinde.

Auf sie und all die anderen Sizilianer, die fern von Sizilien leben, richteten sich meine Gedanken, als ich von den Festnahmen im Zusammenhang mit der Mafia erfuhr, in die auch Personen aus San Biagio Platani verwickelt waren; meine Gedanken galten zudem der Verachtung, die jeder ehrliche Sizilianer jedes Mal empfindet, wenn Taten der Mafia vorfallen.

Bei ihnen möchte ich – soweit sie die Gelegenheit haben, diese meine Zeilen zu lesen – in Erinnerung rufen, dass Sizilien, das so oft für die traurigen Taten der Mafia bekannt ist, vor allem das Land ist von Menschen wie Giovanni Falcone, Paolo Borsellino, Don Pino Puglisi, Pio La Torre, Piersanti Mattarella, Rosario Livatino, Peppino Impastato, Libero Grassi, Rocco Chinnici, Boris Giuliano, Giancarlo Guazzelli, Calogero Zucchetto, Pippo Fava, di Ninni Cassarà, Giuseppe Montana, Emanuele Basile, Gaetano Costa, Cesare Terranova und von so vielen anderen Sizilianern, die ihr Leben gegeben haben, um Sizilien von der Mafia zu befreien, und für so viele andere Sizilianer, die die Mafia ablehnen** und die sich in ihrem Dasein von den Prinzipien Ehrlichkeit, Korrektheit und friedliches Zusammenleben leiten lassen. Das ist das Sizilien, auf das man stolz sein muss. Das ist unser Sizilien.

Ich hoffe, Du kannst diese meine Sätze übersetzen und/oder veröffentlichen (gerne auch auf Italienisch), mit denen ich gegenüber allen ehrlichen Sizilianern, besonders aber allen Sanbiagesern/„Remchingern“ meine Solidarität und Verbundenheit bekunden möchte.

* wörtlich: schätze es sehr ** wörtlich: der Mafia abschwören