Neue Notunterkünfte sichert sich die Stadt Pforzheim auch, indem sie Vermietern für so genannte Belegungsrechte entschädigt. Die Wohnungen sind im Gegensatz zu früher über die ganze Stadt verteilt. Hintergrund ist hier auch, dass eine Konzentration von Bedürftigen wie im Eutinger Tal mittelfristig verschwinden soll. | Foto: Wacker

Wohnen wird zum Luxusgut

Pforzheim: 22 neue Wohnungslose nach Brand bringen Notunterkünfte an ihre Grenzen

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Totalschäden wie jetzt in der Gymnasiumstraße bringen Pforzheim an Grenzen. Durch den Hausbrand am Pfingstmontag wurden bis zu 22 Menschen wohnungslos. Ganz genau lässt sich die Zahl derzeit noch nicht feststellen.

Nicht jeder der Betroffenen ist ein Klient bei der Fachstelle für Wohnungssicherung, erläutert der Leiter des Jugend- und Sozialamts, Rüdiger Staib. Aber es zeichne sich ab, dass zu den 15 Männern und Frauen, die bis zu diesem Dienstag im Eutinger Tal eingezogen sind, wohl die zwei Männer kommen, die noch in Kliniken behandelt werden, sowie bis zu fünf weitere Brandopfer.

Opfer stehen ohne Hilfe im Freien

Die Leute stehen vor dem Nichts. Es gibt keine Verwandten und Freunde, die einspringen oder Platz anbieten. Eine Hausratversicherung ist selten bei ohnehin schmalem Geldbeutel. Und die Chance, dass der Vermieter den Mietvertrag für die Gymnasiumstraße erfüllt, geht angesichts des von der Feuerwehr festgestellten Schadens gegen Null.

Ohne kommunale Hilfe stünden die Opfer im Freien. Sie teilen dieses Schicksal derzeit mit rund 335 Personen. Gleich diesen leben sie jetzt in einigen von 210 Wohneinheiten, die über die Stadt verteilt an 14 Standorten eingerichtet sind. Sie werden sich womöglich richtig einrichten dort. Denn „die Marktlage ist nicht einfach“, umschreibt Staib, dass es schlicht kaum mehr Angebote gibt für Menschen, die zu wenig Geld haben für das zum Luxusgut mutierende Wohnen.

Zu wenig geförderte Wohnungen

Bislang stand Pforzheim hier nicht schlecht da verglichen mit Universitätsstädten oder Boomregionen wie Stuttgart. Es gab schon mal 18 000 geförderte Wohnungen, rechnet Mathias Bohm vor. Heute sind es 1 000, auf die der Leiter der Wohnungssicherung zurückgreifen kann: Zu wenig für einen Markt, der schon Bezieher durchschnittlicher Einkommen an ihre Grenzen bringt.

Über ein relativ eng geknüpftes Netz versucht die Sozialbehörde zu verhindern, dass diese zu Stolperfallen werden. Die Stadt hat das ursprünglich rein ordnungsrechtlich angelegte Obdachlosenwesen „ziemlich modern“ mit dem Leistungsrecht verknüpft, erläutert Abteilungsleiter Jan Gutjahr. Konkret heißt das, dass bei Bohm auf einer Büroetage zwei Mitarbeiter aus dem Jobcenter neben zwei Fachkräften für die Grundsicherung sowie den je zwei Leuten für die Unterbringung und die Formalitäten sitzen. Das erlaube nicht nur Hilfe, die quasi aus einer Hand kommt. Hinzu kommt, dass dem ganzen eine Art Präventionsfaden eingeflochten ist. Dieser zeigt auch, wie schwierig es für viele Menschen mittlerweile ist, sich zumindest die Wohnsituation zu erhalten. So seien allein 2018 bis zu 30 Mietdarlehen gewährt worden, um Obdachlosigkeit zu verhindern.

Statistiken fehlen

Ist diese Schwelle einmal überschritten, wird es schwierig. Die Verweildauer in einer Notwohnung lag laut Bohm bereits vor zwei Jahren bei 3,7 Jahren. Das ist viel – besonders vor dem Hintergrund schnell steigender Mieten und immer leerer werdendem Wohnungsmarkt – auch weil die Stadt Pforzheim binnen weniger Jahre um 10 000 Einwohner größer wurde, wie Staib deutlich macht. „Das sind über 4 000 Wohneinheiten.“ Bohm würde gerne wissen, wo die Stadt diesbezüglich einzuordnen ist. Vergleiche indes sind schwierig. Es fehlt an Statistiken zu Obdachlosigkeit und zum Erfolg den die kommunalen Konzepte dagegen haben.