Singer pforzheim
Die Löblichen Singer sind ein faszinierender Verein: Der heute noch existierende Männerbund entstand vor 500 Jahren in Pforzheim als "Bürgerinitiative" gegen die grassierende Pest. Das Bild zeigt die "Pestmaske" eines Arztes aus dem 16. Jahrhundert (Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim). | Foto: dpa

Löbliche Singergesellschaft

Pforzheim: Dürfen bald Frauen in uralten Männerbund?

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Die Geschichte der „Löblichen Singergesellschaft von 1501 Pforzheim“ ist spektakulär und einzigartig. Bislang war es die Geschichte eines exklusiven Zirkels nur für Männer. Doch das könnte sich womöglich ändern. Dürfen bald Frauen in den uralten Männerbund? 

In jenem Pestjahr 1501 gründeten die Ur-Singer in Pforzheim die wohl erste Bürgerinitiative Deutschlands. Sie sorgten für etwas Menschlichkeit in einer vom Schwarzen Tod entmenschlichten Stadt. Trotz der hohen Ansteckungsgefahr sorgten sie für ein menschenwürdiges Begräbnis der Pesttoten. Und – daher der altehrwürdige Name – sie sangen an ihren Gräbern.

Männerbund überdauert Jahrhunderte

Faszinierend: Die Löblichen Singer haben die Jahrhunderte überdauert. Die derzeit rund 500 Mitglieder begraben keine Seuchenopfer mehr, aber sie bringen sich in vielfältiger Weise sozial, karitativ und kulturell in die Stadtgemeinschaft ein, wie Obermeister Claus Kuge in seinem Rückblick auf 2018 vielfach belegen konnte und in dem er die „christliche Nächstenliebe und Solidarität mit den Mitmenschen“ als nicht ersetzbare geistige Wurzeln der Singer charakterisierte.

Pforzheim: Viele Singer sind skeptisch

Doch weder diese weisen Worte noch der inspirierende Ausblick auf das angelaufene Singerjahr von Obermeister Christoph Mährlein haben diese Hauptversammlung so geprägt wie ein späterer Tagesordnungspunkt. Das gelang selbst dem Bundestagsabgeordneten Gunther Krichbaum nicht mit seinem Hauptvortrag, einem leidenschaftlichen und faktenreichen Plädoyer für Europa. Prägend in dieser Versammlung war die seit Monaten intern geführte Debatte darüber, ob die Löblichen Singer sich für Frauen öffnen sollten. Nach einer ersten schriftlichen Umfrage zeichnet sich in dieser Frage zwar ein Ja ab, doch viele Singer sind offenbar skeptisch.

Gleichberechtigung als Zeitgeist?

Stellvertretend für beide Lager sprachen Caritas-Vorsitzender Frank-Johannes Lemke (eindeutig pro) und Ex-Hochschulrektor Martin Erhardt. Letzterer sah sich nach seinem Hohelied auf die Tradition und ergo gegen weibliche Singer-Mitglieder durchaus mit einigen latent empörten Gegenreden konfrontiert. Erhardt hatte beispielsweise damit argumentiert, dass gerade die Singer mit ihrer einzigartigen Geschichte sich nicht jedem Zeitgeist anpassen dürften. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau eine vorübergehende Erscheinung? Da musste sich Erhardt von seinen Mitsingern unter anderem fragen lassen, ob denn die Tradition des kostenlosen Begräbnisses immer noch existiere.

Politiker für Öffnung der Singer

Auch Singer mit unterschiedlichem politischem Hintergrund hielten Widerrede: CDU-Kreisgeschäftsführer Markus Bechtle erinnerte Erhardt an den Gleichheitsgrundsatz in der Verfassung. Der vom FDP-Dreikönigstreffen aus Stuttgart herbeigeeilte Hans-Ulrich Rülke nannte Erhardts Argumente „spitzfindig“. Und Ralf Fuhrmann (SPD) beschied, eine große Tradition könne nur eine Zukunft haben, wenn sie sich weiterentwickele.

Und wie entwickelt sich die Singer-Tradition nun weiter? Entschieden wurde auf der Versammlung noch nichts. Der Vorstand will über weitere Schritte beraten.

Pforzheim
EiN HALBES JAHRTAUSEND NUR FÜR MÄNNER: Seit dem Pestjahr 1501 gibt es in Pforzheim die Löbliche Singergesellschaft. Mitglieder dürfen seither nur volljährige Männer sein. Jetzt bahnt sich womöglich eine Revolution an. Links: Singer-Obermeister Claus Kuge eröffnet die Hauptversammlung 2019 am Sonntagnachmittag im Congresscentrum. | Foto: eh

www.loebliche-singer-pforzheim.de