Jochen Benzinger guillochiert bei der Messe Inhorgenta in München ein Metallblatt, das für die Borduhr im neuen Rolls-Royce Phantom gedacht ist. | Foto: PK

Niemand sicherte Grundlagen

Pforzheim ist eine Größe in der Uhrenindustrie – andere sind eine Marke für teure Uhren

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Die Uhr aus einer Hand ist ein Mythos. Zeiger, Zifferblatt, Werk, Krone, Glas, Gehäuse, Armband oder Kette – jedes Teil ist eine Fabrik für sich, wie man in der Region Pforzheim sehr gut weiß.

Ob beim preisgekrönten Quereinsteiger Jörg Schauer in Engelsbrand – er bekam mehrfach die Goldene Unruh verliehen – oder bei einer internationalen Prestigemarke, der Begriff „Made in …“, wo auch immer, ist fast nicht möglich. Der Geschäftsführer des Bundesverbands Schmuck und Uhren (BVSU), Guido Grohmann – selbst über die Firma Nivrel in Saarbrücken von Uhren geprägt –, kennt international nur ein einziges großes Uhrenunternehmen, „das alles außer der Holzbox im eigenen Haus herstellt, und das ist Rolex“.

Ballungsraum für Uhren

„Made in Pforzheim“ gab und gibt es dennoch. Warum hat die Stadt dann nicht den Klang, den Genf oder Glashütte entfalten, auf den selbst einheimische Uhrenproduzenten aus dem Nordschwarzwald setzen. „Pforzheim könnte deutlich an Bekanntheit gewinnen, wenn ein spezifisches Produkt oder ein Produktionsverfahren eindeutig der Stadt zugeordnet werden könnte“, erläutert zum Beispiel der Direktor von Wirtschaft und Stadtmarketing, Oliver Reitz.
An Uhren glaubt da eher niemand in der Branche, obwohl sie eine bedeutende Rolle spielen. „Wenn Deutschland, und das heißt vor allem Pforzheim, absagt beim Europäischen Uhrenverband, dann wird die Veranstaltung abgeblasen und verlegt“, unterstreicht Grohmann, dass die Goldstadt bis heute von Gewicht ist. „Pforzheim ist ein echter Ballungsraum, hat aber nicht unbedingt Top-Marken.“

Taschenuhren aus der Goldstaft: Die Firma Habmann ist eine Adresse für dieses Segment. | Foto: PK

Glashütte hat Schweizer Wurzeln

Anders sieht es in der winzigen Erzgebirgsgemeinde Glashütte aus. Deren Ruf indes hat Schweizer Wurzeln und einen Namen: Swatch-Gründer Nicolas G. Hayek verstand es (wie zuvor schon in der Schweiz bei der Quarzkrise), aus dem, was noch war als die DDR verschwand, einen einzigartigen Uhren-Klang zu formen. Wie schon vor dem großen Geld, das auch aus anderen Quellen in die sächsische Bergidylle unweit der Grenze zu Tschechien floss, war Pforzheim mit dabei, als dort dann Unternehmensabläufe perfektioniert und Marken kreiert wurden. Bis heute stammen zum Beispiel die Zifferblätter für Glashütte Original aus der Goldstadt, den Nimbus von Glashütte hat Pforzheim allerdings nicht.
Knackpunkt dabei ist das aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbare Aus für mechanische Uhren und der erfolglose Kampf gegen die Billigquarzuhr aus Fernost, lernen Pforzheimer Kinder bis heute, so sie aus einer alteingesessenen Familie kommen. Das beantwortet allerdings nicht, weshalb sich diese Geschichte nicht umdrehen lässt wie in Glashütte oder der Schweiz. Schließlich gibt es doch alles, was es für ein „Made in …“ braucht: Know-how, Ruhm und Unternehmergeist sowie die Ausbildung sowohl in der Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule als auch in der Nicolas G. Hayek Watchmaking School.

Auf Masse gesetzt

„Glashütte hat schon immer hochwertige Uhren gebaut, während Pforzheim wie beim Schmuck auf Masse gesetzt hat“, sagt Jochen Benzinger. Der Uhrenbauer, wie er sich nennt, setzt seit 1985 auf hochwertigste Einzelstücke. Rund 100 Uhren verlassen seinen Betrieb in Pforzheim pro Jahr. Die meisten davon haben ein in Einzelfunktionen zerlegtes, guillochiertes Zifferblatt. Mit dieser in Pforzheim einst gelehrten Technik ist Benzinger selbst eine Art Unikat. Wer ein Zifferblatt mit echter Metallgravur will und nicht nur ein geprägtes, muss heute lange nach einem Hersteller suchen.

Auch Zulieferindustrie schrumpft

„Es gab leider niemanden, der die Dinge in Pforzheim zusammengehalten oder mit Partnern neu entwickelt hätte“, sagt Jörg Schauer. Der gelernte Goldschmied begann 1990 mit seinem Relaunch mechanischer Uhr, auch unter dem Traditionsnamen Stowa. „Ich baue Uhren nach Kundenwunsch“, hieß sein Konzept. Es überzeugte bei Uhrenbörsen und Sammlern, wie der Geschäftsverlauf eindrücklich belegt.
Schauer setzte auf Pforzheim bei seinem Start. Er suchte nach alten Uhrwerken von Durowe oder PUW – 1983 das „letzte noch produzierende Rohwerkeunternehmen in Pforzheim“, das 1988 zusammen mit Rodi & Wienenberger in Schweizer Besitz ging, wie Ralf J.F. Kieselbach im Jubiläumsbuch „Zeit und Präzision“ weiter ausführt. Auch ansonsten fehle es inzwischen an vielem, das Pforzheim zu neuem Uhren-Ruhm führen könnte, sagt Schauer. „Wir machen fast gar nichts mehr – keine Kronen, keine Zeiger, kein Glas – und, wenn wir noch ein paar Jahre warten, noch weniger.“

Uhrenglas kommt heute aus China

„Bei Uhrbändern gibt es noch eine Handvoll Hersteller“, aber bei hochwertigen Zeigern in großer Stückzahl hergestellt und Kronen sei nicht mehr viel, bestätigt der Präsident des BVSU, Uwe Staib. Uhrenglas und Gehäuse seien im Zuge des Wertverfalls und dem Weg zu immer billiger bei den Quarzuhrwerken ohnehin in Dongguan in der chinesischen Provinz Guangdong groß geworden. Heute folge dem die Produktion von Mobiltelefonen, merkt Staib an. Technisch sei da nicht viel Unterschied.

Europäische Zulieferer wieder gefragt

Dennoch – so es um hochwertige Uhren geht, gibt es einen Trend zurück zu den Einzelteilen aus Europa, beobachtet Staib, der selbst mit Metallarmbändern aus Milanaisegeflecht international im Geschäft ist. Pforzheim dürfte sich allein schon deshalb halten als Uhrenstadt mit rund 20 ausgewiesenen Firmen: Denn zum einen gibt es viel Produktion, über die niemand gerne spricht – die so genannten Privat-Label-Uhren, die unter anderem Namen verkauft werden. Zum anderen haben die meisten Unternehmen, egal ob Schmuck oder Uhren, mehr als ein Standbein. Sie setzen auf den eigenen Auftritt und daneben auf das kleine, eher im Verschwiegenen produzierte Werkteil, das ein anderer braucht für seine Uhr oder auch seinen Schmuck. Im Qualitätsbereich geht das mit dem Label „Made in Germany“ einher. Pforzheim dagegen, so sagt Staib, „war nie ’ne Marke“ wie Genf, Paris oder eben heute auch Glashütte.