Ein ganzes Jahr feiert die Stadt Pforzheim das Jubiläum der Schmuck- und Uhrenindustrie. Pläne und Potenzial stellen Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager und Gerhard Baral, Gesamtkoordinator des Projekts, bei den Badischen Neuesten Nachrichten vor. | Foto: Hora

OB Hager im BNN-Gespräch

Pforzheim will zum Jubiläum glänzen

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Zum Auftakt des Jubiläumsjahrs spricht OB Hager über Chancen

Die Goldstadt Pforzheim rückt 2017 die Branche in den Vordergrund, der sie ihren mondänen Beinamen verdankt: Sie feiert mit dem Jubiläumsfestival „250 Jahre Goldstadt“ die Schmuck- und Uhrenindustrie – und erhält dafür schon im Vorklang international Aufmerksamkeit. Bei allem Enthusiasmus steht das schillernde Jubiläum aber auch in einem krassen Kontrast zu den Problemen, mit denen die gebeutelte Großstadt kämpft – und die auch Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager (SPD) gar nicht erst von der Hand weisen will. Das bedeute jedoch nicht, dass er nicht wüsste, wie man das Feierjahr nutzen könnte, betont der OB beim Besuch im Haupthaus der Badischen Neuesten Nachrichten in Karlsruhe: Es geht ihm um nicht weniger als eine neue Identifikation der Pforzheimer mit ihrer Heimat sowie einem Imagewandel der Stadt weltweit, sagt Hager im Gespräch mit Verleger und Chefredakteur Klaus Michael Baur und Redakteuren der BNN. „Ein Ruck soll mit dem Jubiläum durch die Region gehen.“

Pforzheim ist nicht mehr bloß die Werkbank

„Pforzheim ist nicht mehr bloß die Werkbank aller Schmuckmarken dieser Welt, wir sind die Marke selbst“, unterstreicht auch Gerhard Baral. Der Gesamtkoordinator des Jubiläumsfestivals hat den Oberbürgermeister nach Karlsruhe begleitet. Und während letzterer kurzerhand Leporellos mit den Höhepunkten von „250 Jahre Goldstadt“ im Konferenzraum der Badischen Neusten Nachrichten verteilt, erzählt Baral von einer traditionsreichen Branche, „die im freien Fall war“, aber nun so modern und kreativ sei wie nie.

Marke „Goldstadt“ soll weiterentwickelt werden

Nach wie vor sind Baral zufolge 70 Prozent der Schmuckindustrie Deutschlands in Pforzheim angesiedelt. Die Stadt ist Hochburg der Trauringmanufakturen. Während die Branche zu Hochzeiten jedoch über 23 000 Arbeiter beschäftigte, gibt es dort heute noch rund 2 000 Arbeitsplätze. Und die gilt es langfristig zu verankern, sagt Hager. „Um die Marke ,Goldstadt‘ beneiden uns andere Städte sicherlich. Aber wir müssen sie für die Zukunft auch mit weiteren, nachhaltigen Inhalten füllen. Allein mit Schmuck und Uhren kommen wir nicht weiter.“ Dazu nennt Hager drei Stichworte: „präzise Technik, präzise Arbeit und Design“.

Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager will das Potenzial seiner Stadt in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Im Mai stellt sich der OB erneut zur Wahl.
Pforzheims Oberbürgermeister Gert Hager will das Potenzial seiner Stadt in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Im Mai stellt sich der OB erneut zur Wahl. | Foto: Hora

Pforzheim will sein Image verbessern

Mit dem Jubiläum will die Stadt also auch in ihren Ruf investieren. Pforzheim war bis in die 70er Jahre eine der reichsten Städte Baden-Württembergs, heute ist sie schwer verschuldet. Aktuell steht die Goldstadt ohne Haushalt da, den der Gemeinderat jüngst mit knapper Mehrheit ablehnte. Ebenso wie Mannheim machte die Stadt im vergangenen Jahr nach der Landtagswahl Schlagzeilen, weil dort ein Kandidat der Alternative für Deutschland (AfD) das Direktmandat holte. Die Großstadt hat prozentual die größte Zuwanderungsrate des Landes. „Nur noch 15 Prozent sind Ureinwohner“, sagt Hager, aber das bietet auch ein riesiges Potenzial und Chancen, sagt der Oberbürgermeister: „Pforzheim ist die am stärksten wachsende Stadt des Landes und es ist eine junge Stadt. Und darin liegt die Chance.“
Mit 4,6 Millionen Euro hat Pforzheim beim Jubiläum ein gutes Budget für die Investition in sein Image – allein Sponsoren investieren 2,4 Millionen Euro. Mindestens 150 000 Besucher haben sich die Organisatoren als Ziel gesetzt. Ein Wettrennen um Besucher und Wirkung mit anderen Städten der Region – etwa mit Karlsruhe, das seinen 300. Geburtstag 2015 feierte – gebe es nicht, sagt Hager und schmunzelt. Im Gegenteil: Langfristig müsse sich natürlich auch Pforzheim regional noch besser vernetzen. Nach dem in Pforzheim recht unkontrolliert verlaufenen Strukturwandel, liege der Fokus derzeit aber auf der Identifikation der Bürgerschaft mit ihrer Stadt.

Im Mai stellt sich Hager erneut zur Wahl

Abgesehen vom Schmuckjubiläum muss sich Hager vor der OB-Wahl in Pforzheim im Mai auch um den Wahlkampf kümmern:  Er will auf dem Chefsessel bleiben, muss sich dafür aber auch Themen stellen, die ihm weniger angenehm sein dürften. Wie etwa der Tatsache, dass Pforzheim seit der Landtagswahl als eine Hochburg der AfD gehandelt wird. Im Wahlkampf muss er sich seinen Gegenkandidaten für den OB-Posten, Dimitrij Walter und Andreas Fabrizius, stellen. Aufklärung, Demokratie und Freiheit seien kostbare Schätze, die es nun zu verteidigen gelte, sagte Hager: „Wir müssen ran an die Menschen und das tue ich auch. Die Bürger wollen wissen, wie es mit ihrer Stadt weitergeht.“  Das sei auch eine Stärke, mit der er in den Wahlkampf gehen will. „Ich sage offen, dass die Stadt Probleme hat, und viele schätzen das. Wir müssen die Fakten auf den Tisch legen.“ So komme man auch an der AfD vorbei. Zuversichtlich sei er jedenfalls, betonte Hager.

Hager wünscht sich mehr Unterstützung vom Land

„Wirtschaftlich ist die Stadt auf einem erfolgreichen Weg“, so der OB. „Die Zahl der Arbeitsplätze ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.“ Er bemühe sich seit seinem Amtsantritt außerdem um „den lange vernachlässigten Ausbau der Gewerbeflächen“. Die Schulabbrecherquote habe man innerhalb von acht Jahren von elf auf fünf Prozent gesenkt. Bildung sei der Schlüssel, um Pforzheim voranzubringen und es attraktiv für Unternehmen zu machen. Sie ist aber auch Voraussetzung dafür, so Hager, dass aus der starken Zuwanderung eine Chance für die Stadt wird. Bei den steigenden Sozialkosten wünscht sich der OB mehr Unterstützung von Bund und Land – gerade wegen der angespannten städtischen Finanzlage. Die ist in der kommenden Woche das große Thema, wenn die nächste Abstimmung über den Haushalt ansteht.
„Wenn der Haushalt wieder nicht genehmigt würde, wäre das wirklich ein großer Schaden für die Stadt“, sagte Hager. Diese schwierige Situation sei außerdem der Grund, warum er derzeit nicht daran denkt, das Finanzressort abzugeben. „Wir sind aktuell auf schwerer See unterwegs, da kann der Kapitän nicht einfach von Bord gehen und sich vor der Verantwortung drücken“, erklärte Hager. „Ich könnte mir aber vorstellen, dass man sich das Thema in den kommenden Jahren anschaut.“ Der anstehenden OB-Wahl sieht er jedenfalls optimistisch entgegen. Geht sie für Hager erfolgreich aus, will er unter anderem seinen Einsatz für neue Gewerbegebiete fortführen. „Wir brauchen neue Flächen und die Entwicklungen werden an den Autobahnen stattfinden.“

Weniger grüne Wiese, mehr Innenstadt“

Entwickeln soll sich auch die Innenstadt. „Hier hat sich seit 30 Jahren nichts getan. Wir müssen jetzt investieren, denn die Innenstadt prägt das Image.“ Außerdem möchte Hager, dass in der Stadtmitte wieder mehr Menschen wohnen. Nur noch rund 1 700 seien es derzeit. Die Kaufkraft soll in Pforzheims Zentrum gelockt werden.
„Das ist auch ein Grund dafür, warum wir zusätzlichen Gewerbeflächen, etwa auf der Wilferdinger Höhe, kritisch gegenüberstehen“, sagte Hager. „Weniger grüne Wiese, mehr Innenstadt“ heißt die Richtung.