Funktioneller Analphabetismus ist keine Seltenheit. Laut Kultusministerium gibt es in Baden-Württemberg rund 800 000 Betroffene.
Funktioneller Analphabetismus ist keine Seltenheit. Laut Kultusministerium gibt es in Baden-Württemberg rund 800 000 Betroffene. | Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Kampf gegen Analphabetismus

Pforzheim wird zum Grundbildungszentrum

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Lese- und Rechtschreibschwäche sind auch bei Erwachsenen keine Seltenheit. In Pforzheim wurde der Internationale Bund vom Kultusministerium als eines von acht Grundbildungszentren ausgewählt. Hier soll zukünftig verstärkt gegen Analphabetismus vorgegangen werden.

„Schreib dich nicht ab – Lern lesen und schreiben!“. Mit dieser Kampagne, begleitet von einem eindrücklichen schwarz-weiß Werbespot, gelangte das Thema funktioneller Analphabetismus bei Erwachsenen in den 1990er-Jahren erstmals ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung. 2019 ist das Thema immer noch akut, weshalb das Kultusministerium acht neue Grundbildungszentren einrichtet, eines davon in Pforzheim. Ziel ist es, Erwachsene mit geringer Schreib- oder Lesekompetenz zu unterstützen und zu fördern.

Breites Angebotsspektrum geplant

„Wir sind sehr froh, dass es mit der Bewerbung geklappt hat“, freut sich Liane Bley vom Internationalen Bund Pforzheim (IB). Der IB erhält zwei Jahre lang jeweils 50 000 Euro vom Land, um Kurse, Förderprogramme und andere Maßnahmen gegen Analphabetismus zu initiieren. Konkret bedeutet das, dass ab Herbst verstärkt Aufklärung zu diesem Thema betrieben sowie Kurse zur Bekämpfung von Analphabetismus angeboten werden. Hierzu gehört auch ein Stammtisch für Betroffene und Angehörige. Auch eine Kooperation mit der Hochschule Pforzheim zur bessern Aufklärung ist geplant. Zuvor wird der IB ab Juli in den Sozialräumen in Pforzheim und im Enzkreis Aufklärungsarbeit leisten und lokale Netzwerkpartner suchen. Gerade für Pforzheim ist das Thema relevant. „Bisher wurde das hier noch nicht so angegangen, weil das Thema Analphabetismus häufig von anderen Themen überlagert wird“, so Bley.

Knapp 800 000 Betroffene in Baden-Württemberg

Funktionelle Analphabeten können laut Definition der Universität Hamburg zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, haben aber Probleme bei zusammenhängenden Texten. Sie haben also eine geringe Schreib- und Lesekompetenz. „Viele Betroffene gelangen ins Abseits. Man empfindet eine große Scham, wenn man eine Lese- oder Rechtschreibschwäche hat“, erläutert Bley. Dabei sind das keine Einzelschicksale. Allein in Baden-Württemberg leben laut Schätzungen des Kultusministeriums rund 800 000 funktionelle Analphabeten. Und: Mehr als 50 Prozent der funktionalen Analphabeten hat laut der Universität Hamburg Deutsch als Muttersprache gelernt.

„Sehr erfreulich“

„Es ist ein verstecktes Thema. Doch wir wollen eine Brücke in die Gesellschaft schlagen“, so Liane Bley mit Blick auf die kommenden zwei Jahre der Förderung.
Auch aus der Politik kommen positive Rückmeldungen auf die Wahl Pforzheims als Grundbildungszentrum. „Sehr erfreulich“, bezeichnet der Chef der FDP-Landesfraktion Hans-Ulrich Rülke die Wahl. „Gerade in Pforzheim ergibt so ein Angebot Sinn“, erklärt Rülke in einer Pressemitteilung.