Schaufensterpuppen der Galeria Kaufhof Pforzheim in jüngster Halloween-Mode.
Schaufensterpuppen der Galeria Kaufhof Pforzheim in jüngster Halloween-Mode. | Foto: pf

Tanzverbot an Allerheiligen

Pforzheim zwischen Andacht zu Allerheiligen und Halloween-Kult

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Kostüme und Konsum oder Stille und Besinnung? In der Nacht zum 1. November scheiden sich auch in Pforzheim die Geister. Während die Kirche zu Allerheiligen den Toten gedenkt, laden Halloween-Partys zum feucht-fröhlichen Feiern ein. Hat sich zum traditionellen Feiertag das Verhältnis zu den Verstorbenen insgesamt gewandelt?

Gestorben wird immer. Bestattet wird aber zunehmend alternativ, wie Friedhofsamtsleiter Markus Pudschun auf Nachfrage bestätigt. „Die Feuerbestattung nimmt stetig zu. Aus diesem Grund bietet die Stadt seit Jahren Grabstätten in einer gemeinschaftlichen Anlage für Erd- und Urnenbestattungen an.“

In Büchenbronn ist auch eine Waldbestattung möglich, „außerdem entsteht dort gerade ein naturnahes Grabfeld“, so Pudschun. Jahrzehnte alte Gräber werden mehr und mehr aufgelöst, weil es oftmals keine Hinterbliebenen mehr gibt, die sich darum kümmern. „Das Generationengrab verliert insofern zunehmend an Bedeutung. Ein Trend, der bundesweit seit langem erkennbar ist“, weiß Pudschun. Dennoch übernehmen viele die Grabpflege weiterhin selbst, „das gehört zur Trauerverarbeitung dazu“, so der Friedhofsamtsleiter.

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Winterbepflanzung zu Allerheiligen

„Wir haben trotzdem noch viele Russlanddeutsche in Pforzheim, die sich traditionell für eine Erdbestattung entscheiden“, erklärt Thilo Maier, Geschäftsführer des Pforzheimer Bestattungshauses. Die Grenze zum Grünen verschwimmt aber zunehmend. Friedhofsgärtner wie Horst Weilacher, der zu Allerheiligen die Winterbepflanzung fertigstellt, arbeiten bei der Gestaltung immer naturnaher und „künstlerischer“. Dabei entstehen modellierte Grablandschaften, auf denen sich Gräser, Stauden und Kleingehölze finden. Diese werden zudem immer persönlicher, wie Bestatter Maier bestätigt: „Enzian, weil der Vater gerne wandern ging oder mediterrane Pflanzen, die an die beim Verstorbenen beliebten Italienreisen erinnern. Alles, was sich im Bauch der Hinterbliebenen richtig anfühlt.“ Eine Veränderung bemerkt Maier bei den Trauerfeiern: „Trauernde versammeln sich öfter um die Urne, nicht mehr um den offenen Sarg.“

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Segnung der Ruhestätten mit Weihwasser

Zu Allerseelen, dem Tag nach Allerheiligen, besucht auch Pfarrer und stellvertretender Dekan Georg Lichtenberger in Würm mit der Gemeinde die Gräber. Nach einem Gottesdienst, bei dem allen Verstorbenen des vergangenen Jahres mit einer Kerze gedacht wird, segnet er die Ruhestätten mit Weihwasser. Hinterbliebene besuchen dabei die Gräber von Verwandten.

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Als Religionslehrer ist es Georg Lichtenberger wichtig, seine Schüler über die Herkunft des Fests aufzuklären, das viele von ihnen feiern: Halloween. Die beiden Feste sind sich näher als ihre ungleiche Inszenierung vermuten lässt, schließlich leitet sich auch der Name „Halloween“ von „All Hallows Eve“, dem Abend vor Allerheiligen, ab. Wie Lichtenberger erklärt, verbindet sich darin aber auch der irisch-keltische Brauch der Geistervertreibung mit der mittelalterlichen Tradition, dass Kinder von Tür zu Tür ziehen und gegen einen kleinen Obolus ein Gebet für Verstorbene sprechen. Daraus sei dann „trick or treat“, geworden, was hierzulande „Süßes oder Saures“ heißt.

Tanzverbot an Allerheiligen ab 3 Uhr

„Ich halte überhaupt nichts davon, das zu verteufeln“, stellt Lichtenberger klar. „Man sollte es nur wissen. Dann kann jeder entscheiden, wie er feiern will. Ich persönlich feiere kein Halloween, fühle mich durch solche Feiern aber auch nicht gestört. An Allerheiligen ist das in Ordnung, am Karfreitag muss es nicht sein.“ Damit kommt Lichtenberger auf ein Thema zu sprechen, das die beiden Feste zum Ende des Oktobers in Konflikt miteinander bringt: Laut Paragraf 10 des baden-württembergischen Sonn- und Feiertagsgesetzes ist Tanzen, wie es auch bei einigen Pforzheimer Halloween-Partys sicher nicht ausbleiben wird, an Allerheiligen von 3 Uhr früh bis 24 Uhr untersagt. Drei Veranstaltungen in Pforzheim gehen offiziell bis 5 Uhr morgens.<

Wie die Stadt auf Nachfrage mitteilt, greift die Polizei aber nur ein, wenn sich Anwohner beschweren. Dann wird die Party sofort beendet und je nach Einsichtigkeit der Veranstalter auch ein Bußgeld fällig. Das letzte Mal, als die Polizei einschritt, war aber 2018, und seitdem gab es keine Beschwerden.