Die sibirische Stadt Omsk mit der Himmelfahrts-Kathedrale gehörte zu den Etappen, die Jonas Deichmann auf seiner Weltrekord-Tour passierte.
Die sibirische Stadt Omsk mit der Himmelfahrts-Kathedrale gehörte zu den Etappen, die Jonas Deichmann auf seiner Weltrekord-Tour passierte. | Foto: Privat

14.331 Kilometer auf dem Rad

Pforzheimer Jonas Deichmann fuhr von Portugal nach Wladiwostok

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Squash, Handball, Langstreckenlauf – „beim Radfahren bin ich hängen geblieben“, erzählt Jonas Deichmann. Schon in seiner Kindheit hat er alle möglichen Sportarten betrieben und war dabei immer auch ein wenig „extrem“ unterwegs. Zuletzt wurde es allerdings sehr extrem. Im vergangenen Jahr hat Deichmann mit seiner „Eurasia Durchquerung“ zwei Weltrekorde aufgestellt.

„Die Schmerzen vergehen, die Erinnerung bleibt“

Am Mittwoch, 31. Januar, kehrt der heute 30-jährige in München lebende Extremsportler an die die Fritz-Erler-Schule zurück, wo er 2009 das Abi machte. Dort will er von seiner Tour erzählen, die manchmal auch zur Tortur wurde. „Die Schmerzen vergehen, aber die Erinnerung bleibt“, sagt Deichmann jedoch. Hinter der Bezeichnung „Eurasia Challenge“ stecken schwindelerregende Zahlen.

64 Tage nonstop auf dem Rad

64 Tage und 14.331 Kilometer hat Deichmann auf dem Sattel seines Rads gesessen, um vom portugiesischen Cabo da Roca bis nach Wladiwostok in Russland zu kommen. Sein tägliches Pensum betrug im Schnitt 250 Kilometer.

Tagesrekord waren 346 Kilometer

„Der Tagesrekord waren 346 Kilometer.“ Für Deichmann war es eine sportliche und eine körperliche Herausforderung. Gereizt haben ihn auch das Abenteuer und die Wildnis. Dass er bei diesem Wahnsinsritt, der ihn zeitweise durch menschenleere Landstriche führte, komplett auf sich alleine gestellt war, machte ihm keine Angst. „Ich kenne mich sehr gut aus mit den Gefahren der Natur.“ Als hilfreich hätten sich Erfahrungen aus Skitouren durch die Alpen bei Lawinengefahr erwiesen, sagt Deichmann. Bären und andere Tiere schreckten ihn nicht. Was ihm aber richtig Angst machte, war der Verkehr.

Rettender Sprung in den Graben

„Als Radfahrer ist man ganz unten in der Nahrungskette“, erklärt der Sportler, der diese Erfahrung in Westrussland mehrmals machen musste. Einmal wurde er von zwei Lasterfahrern förmlich in die Zange genommen. Einer überholte ihn links, der andere rechts – ganz dicht am Mann. Oft blieb nur der rettende Sprung in den Straßengraben.

Seine Fahrt durch zwei Kontinente startete Deichmann am 2. Juli. Nach gut 25 Tagen hatte er die schnellste Durchquerung Europas geschafft, von Cabo da Roca bis Ufa, der östlichsten Stadt Europas. Damit überflügelte er den Rekord des Briten James McLaren, der für die 6 400 Kilometer lange Strecke 29 Tage gebraucht hatte. Der Eurasien Rekord – bis zum Endziel Wladiwostok – war laut Deichmann eine Erstbefahrung.

Gefrühstückt wird auf dem Rad

Der Tag im Leben eines Mannes, der einen Weltrekord aufstellen möchte, beginnt vor Sonnenaufgang. Gefrühstückt wird auf dem Rad. „Ich muss 8.000 bis 9.000 Kalorien zu mir nehmen und esse während der Fahrt ununterbrochen.“ Zum Mittagessen geht er in ein Restaurant. Doch unterwegs auf russischen und sibirischen Schotterpisten, da gab es manchmal keines. „Auch keine Tankstelle, nicht mal ein Haus, da war rein gar nichts.“ So musste er sich mit Nahrung aus dem Trockensack versorgen. Einmal ging ihm das Essen aus. „In den Geschäften gab es nicht die Sportlernahrung, die ich brauche.“

Dann kam der Wintereinbruch

Richtig schlecht ging es dem Ausdauersportler auf den letzten 2.500 Kilometern. „Ich hatte schon 12.000 Kilometer in den Beinen, war krank und der Wintereinbruch kam.“ Deichmann hätte über GPS zwar ein Notsignal senden können. „Aber in Ostsibirien dauert es zwei Tage bis ein Rettungsdienst kommt.“
Von seinen Erfahrungen im Überlebenskampf und von seinen Strategien, sich für ein hoch gestecktes Ziel zu motivieren, wird der im IT-Vertrieb einer Firma arbeitende Sportler am Mittwoch, 19 Uhr, im Atrium der Schule erzählen.

90 Prozent sind Kopfsache

„90 Prozent sind Kopfsache“, erklärt er. Die Schwierigkeit sei nicht der Rekord gewesen. „Es waren die Wochen davor, als ich mein Ziel bekannt gab.“ Während der Freundeskreis ihn für verrückt erklärte und nicht glaubte, dass er es packen würde, redete seine fahrradbesessene Familie Deichmann zu, den Wahnsinsritt zu wagen. „Als ich losfuhr, habe ich keine Sekunde mehr daran gezweifelt, dass ich es schaffe.“