Gekämpft und verloren: Vor allem Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler hatte sich für die Kulturhauptstadt-Bewerbung Pforzheims eingesetzt. Doch auch OB Peter Boch zeigte sich am Dienstag im Rat enttäuscht über den Sitzungsverlauf.
Gekämpft und verloren: Vor allem Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler hatte sich für die Kulturhauptstadt-Bewerbung Pforzheims eingesetzt. Doch auch OB Peter Boch zeigte sich am Dienstag im Rat enttäuscht über den Sitzungsverlauf. (Archivbild) | Foto: str

Aus für Kulturhauptstadt

Pforzheimer Oberbürgermeister Peter Boch in der Kritik

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Ulrich Fuchs ist Vorsitzender der Jury zur Auswahl Europäischer Kulturhauptstädte. In seiner Karriere war er Kulturmanager in Bremen, Professor in Avignon und Projektentwickler für die Kulturhauptstadt Linz 2009. Derzeit lebt er in Marseille, wo er Co-Intendant der Kulturhauptstadt Marseille-Provence 2013 war.

Fuchs ist also recht erfahren. Doch etwas hat ihn unlängst ziemlich überrascht: Pforzheim. „Normalerweise reagiert die Wirtschaft zurückhaltend auf Bewerbungspläne aus der Politik. In Pforzheim ist es eher andersherum“, sagte Fuchs nach einem Besuch in der Stadt. Im noblen Parkhotel hatte er auf Einladung tatendurstiger Unternehmer über Chancen und Risiken einer Bewerbung gesprochen.

Der ebenfalls anwesende Oberbürgermeister Peter Boch (CDU) nahm vor allem eine Erkenntnis mit: Die Siegerstadt darf sich nicht alle Kosten von Sponsoren bezahlen lassen, sie muss auch selbst investieren. Doch genau das war der Plan, nur unter dieser Prämisse hatten sich Boch und viele Räte zu einem zaghaften Ja erst hinreißen lassen. Im Licht der neuen Erkenntnisse war dies jedoch vom Rat am Dienstag eilig rückgängig gemacht worden (bnn.de berichtete).

Fassungslosigkeit über die „vertane Chance“

Einige Tage später herrscht in der Unternehmerschaft immer noch Fassungslosigkeit über die „vertane Chance“ der Politik, die mit der Bewerbung auch private Zuwendungen in Millionenhöhe ablehnt. Die Entscheidung lässt sich womöglich besser psychologisch als rational erklären. Kulturhauptstadt Pforzheim? Eine von Strukturwandel und Migration herausgeforderte Stadt, die kaum ihren alten Titel „Goldstadt“ verteidigen, ihre Schulen nicht sanieren und Bäder nicht erhalten kann?

Im Gegensatz zu Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler (Grüne) war der 2017 ins Amt gelangte Boch nie von der Idee überzeugt, hatte sich zunächst bemüht, die ambitionierten Pläne seiner Dezernentin auszusitzen. Allein das öffentliche Vollkasko-Versprechen der Unternehmer unter Führung des bestens beleumundeten Investors Wolfgang Scheidtweiler („Gasometer“, „Hatz-Moninger“) hinderte Boch daran, das leidige Thema ein für alle Mal zu beerdigen. Kulturhauptstadt zum Nulltarif?

FDP-Politiker Rülke fand schon Nachdenken über Bewerbung „absurd“

Gegen dieses Argument kam nicht einmal Hans-Ulrich Rülke an, der die Liberalen nicht nur im Landtag, sondern auch in Pforzheim anführt und dort für gewöhnlich vor allem eine Vision propagiert: sparen. Für Rülke war selbst das Nachdenken über eine Bewerbung „absurd“. Der Bürgermeisterin Schüssler empfahl Rülke bissig, sie möge sich zwecks Synergien auch gleich um die Olympischen Winterspiele bemühen.

Die Grüne warb indes weiter mit guten Argumenten und hatte dabei schnell die eigentlich als FDP-nahe geltende Wirtschaft auf ihrer Seite. Für Schüssler wäre die Bewerbung, am besten gemeinsam mit dem Nordschwarzwald, ein Infrastrukturprogramm gewesen, das weitere Privatinvestitionen ausgelöst hätte. Keine Kultur-Duselei, sondern „knallharte Standortpolitik“, wie sie es bis zuletzt verteidigte.

Kulturhauptstadt 2019 hat 60.000 Einwohner

Schaut man sich die Kulturhauptstädte der vergangenen Jahre an, wäre eine Bewerbung wohl nicht ganz so absurd gewesen. Kommendes Jahr trägt Matera den Titel. Mit 60.000 Einwohnern ist das Städtchen im strukturschwachen Süditalien knapp halb so groß wie Pforzheim. Und so waren die Kosten aus Sicht der Befürworter ein vorgeschobenes Argument. Vielmehr habe eine Mischung aus Kalkül und Furcht vor kurzfristiger Wählerwut zur Ablehnung geführt. Herbeigeführt durch eine illustre Koalition – von AfD über Teile von CDU und SPD bis hin zur Linken. Immerhin sei schon im Mai Kommunalwahl.

Für Befürworter Axel Baumbusch (Grüne Liste) ist der Oberbürgermeister der Hauptverantwortliche für die Verzagtheit: „Boch hat keine Vision und keinen Plan.“ Und nun? Pforzheim wird nicht Kulturhauptstadt, würde Spöttern zufolge aber durchaus als Kapitale der Kümmernis durchgehen.