TOP-ADRESSE FÜR KAUFKRÄFTIGE KUNDSCHAFT: In den Chopard-Pavillon auf der Baselworld kommt nur, wer sich rechtzeitig einen Termin gesichert hat. Rund ein Drittel der Preziosen wurde bis zum Ausbrechen des Coronavirus an Chinesen verkauft. | Foto: Kopf

Jahresumsatz fehlt

Pforzheimer Schmuckindustrie: Coronavirus vertreibt die Lust am Luxus

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Eine Seite widmet der Bundesverband Schmuck und Uhren (BV) dem Chinageschäft im vierseitigen Lagebericht. Er schreibt ihn, als noch nicht von über 70.000 Menschen die Rede ist, die am Coronavirus leiden. Auch die Deutsche Post stellt den Lieferverkehr mit dem Reich der Mitte erst etwas später ein. Der Druck aus „China und Hongkong, den Sorgenkindern des Exports“ wächst für die Pforzheimer Traditionsindustrie.

„Der Konsum ist abgebrochen“, bilanziert Peter Pfäffle. Der Prokurist der Karl Scheufele GmbH & Co KG und BV-Vizepräsident ist besonders betroffen vom Einbruch des Asienmarkts infolge des Coronavirus. „Jeder dritte Luxuskauf wird von einem Chinesen getätigt“, sagt er. Aber die Chopard-Filialen in Hongkong, Shanghai und Macau sind zu seit Ausbruch der Krankheit, die Lust am Luxus ist vergangen, rund 230 Beschäftigte haben nichts zu tun.
Es sind nicht die einzigen: Der Einbruch treffe fast jeden, der international unterwegs ist. Pfäffle sieht Umsatzrückgänge von locker bis zu 50 Prozent im Luxussegment. Auch Firmen, die eher in Europa unterwegs sind, bleiben nicht verschont.

Die großen Linien fliegen nicht

Peter Pfäffle, Prokurist der Karl Scheufele GmbH & Co KG

Das hängt allein schon damit zusammen, dass das Virus draußen bleiben muss: Es fehlt die chinesische Kundschaft auf den Kös (Düsseldorf), Zeils (Frankfurt) und Maximilianstraßen (München) dieser Welt. Das gilt bis mindestens Ende April. „Die großen Linien fliegen nicht“, kolportiert Pfäffle.

Branche bangt, die Hannovermesse könnte kippen

Das Ausbleiben der Reisegruppen korrespondiert mit dem Verlust von Messegeschäften. Seitdem die MWC, die Mobilfunkmesse in Barcelona, abgesagt ist, bangen Leute wie Roland Kaulfuß, dass auch die Hannovermesse kippen könnte, weil keiner mehr kommt aus dem asiatischen Raum. Der Geschäftsführer der Kraemer GmbH ist für Juweliergeschäfte wie Pletzsch, Kraemer, Friedo Frier und Deiter verantwortlich. Wenn dort liegen bleibt, was sonst gut weggeht in den Messestädten der Republik, fehlt viel Umsatz im Raum Pforzheim.

 

Uhrbänder aus Metall fertigt BV-Präsident Uwe Staib. Bei der Produktion kooperiert er mit einer Chinesischen Firma. | Foto: Kopf

Über die Lieferkette importierte Virus-Schwäche für die Pforzheimer Traditionsindustrie

Auch die Lieferkette importiert die Virus-Schwäche in die Region. BV-Präsident Uwe Staib zum Beispiel ist auf Metallbänder für Uhren spezialisiert. Draht und Milanesegeflecht aus Pforzheim müssen poliert, veredelt und beschichtet werden, bevor sie an die Uhr kommen. Staib hat dafür seit der schweren Zeit in der Pforzheimer Uhrenindustrie einen Partnerbetrieb in Dongguan.
„Die Kooperation hat uns damals das Leben gerettet“, erläutert der Pforzheimer Fabrikant. Jetzt werde das Unternehmen in der Sieben-Millionen-Stadt nahe Hongkong mit derzeit rund 300 Mitarbeitern in der zweiten Generation geführt. Es ist eine Verbindung mit Handschlagqualität für Staib: fair, korrekt und exklusiv. Ware gibt es dennoch nicht dieser Tage. Es seien zwar 50 Prozent der Mitarbeiter wieder am Arbeitsplatz, aber die Hälfte davon sei in Quarantäne, die anderen desinfizierten den Betrieb.

GESCHAFFT: Zwei Firmen aus dem chinesischen Shenzheng konnten bei der Inhorgenta in München ihre Angebote präsentieren. | Foto: Kopf

Rund die Hälfte der 190 Mitarbeiter in Guangzhou sei wieder im Betrieb, heißt es auch bei der Trauringfirma Rauschmayer. Auf das Importgeschäft nach Pforzheim habe der Ausfall in China ohnehin keine größeren Auswirkungen. Eher umgekehrt, erläutert Geschäftsführer Chris Rauschmayer weiter. „Wir haben kistenweise Mundschutz aus Deutschland nach Guangzhou geschickt, weil es keinen mehr gab.“ Die Ware dort sei aber größtenteils für den Chinesischen Markt.

Die Uhrenindustrie ist quasi gefangen in Dongguan

BV-Präsident Uwe Staib

China ist für Trauringe ein bedeutender Absatzmarkt, sagt auch Wolfgang Fischer. „Europäisches Design ist dort gefragt.“ Die Verflechtung mit dem durch den Krankheitserreger lahmgelegten Riesenreich betrifft aber auch bei Trauringen die Lieferkette. So fehle es inzwischen an Fräswerkzeug, wird in Pforzheim kolportiert. „Die besten Qualitäten zu besten Preisen kommen aus China“, beschreibt Pfäffle, was gerade wegfällt im Zulieferbereich. Einfach ersetzen lasse sich das nicht. Es gehe um über Jahre gewachsene Lieferketten.
„Die Uhrenindustrie ist quasi gefangen in Dongguan“, erläutert BV-Präsident Uwe Staib zur fortgesetzten Krise. Schließlich hat über die Jahre schon die Abfolge von neuen Steuergesetzen in China sowie Taifun und Dauerproteste in Hongkong das Fernostgeschäft mit Metallarmbändern, Gehäusen und Uhrgläsern geschwächt. Die ganze Infrastruktur sitze in der Metropole in der Provinz Guangdong.

Schmuckindustrie kann weiter ziehen

„Die können nicht abwandern“, zieht Staib einen Vergleich mit der Schmuckindustrie. Auch dort kommt bei manchem Produzenten manches aus China. Geschliffene Diamanten zum Beispiel, oder Farbsteine, wenn nicht gleich der ganze Schmuck werden importiert. Aber da bei den Steinen vor einiger Zeit die Preise anzogen, seien bereits einige nach Vietnam und Thailand weiter gezogen.

Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Bleiben die Aufträge aus, folgt Arbeitslosigkeit. In China derzeit aber eher als in der Region. Für Pfäffle ist zwar keine „Entwarnung in Sicht“, die Produktion in Birkenfeld sei aber dank neuer Kollektion ausgelastet. „Es gibt noch keine Lücken, die an Kurzarbeit denken lassen.“ Die neue Kollektion werde jetzt bei sogenannten Roadshows vorgestellt. Der geplante große Aufschlag bei der Baselworld sei dann wohl schon schwierig. Pfäffle geht davon aus, dass er und seine Kollegen auch vom 30. April bis 5. Mai noch wenig Publikum aus dem asiatischen Raum sehen werden. Dafür gäben die arabischen Märkte und die USA noch genug zu tun.
Die Krise durch den Coronavirus werde nicht existenziell, aber viele müssen „eine Delle aushalten, die sich gewaschen hat“, sagt der Chopard-Mann weiter. Die Umsatzeinbuße liege im Luxusbereich bei einem Drittel, bestätigt er. Selbst wenn schnell ein Impfstoff gefunden wird, dauere es mindestens ein halbes Jahr, bis alles bereit liegt. Außerdem werde in der Regel zu Jahresanfang geordert. Das Coronavirus ist da mächtig dazwischengefahren: „Für viele ist das Jahr schon gelaufen.“

Uhren und Schmuck
In der Uhren- und Schmuckindustrie im Nordschwarzwald arbeiten rund 1.600 Männer und Frauen. Davon produzieren bei Karl Scheufele in Birkenfeld 330 Schmuck für Chopard. Hinzu kommen 60 Personen bei der Schwesterfirma Kienhöfer. Das ist allein von der Größe her unerreicht in Pforzheim.
Die gesamte Uhrenindustrie in Deutschland macht laut Bundesverband Schmuck und Uhren einen Exportumsatz von 1,38 Milliarden Euro, 8,7 Prozent weniger als 2018. Im Schmuck wurden 2019 Waren im Wert von 2,155 Milliarden Euro ins Ausland verkauft. Das sind 9,2 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Der BV veröffentlicht auch Umsatzzahlen. Diese bilden nicht ab, was in Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern läuft. Das trifft auf das Gros der Betriebe in der Region zu. Sie sind deshalb wenig aussagekräftig.
Insgesamt sind im Nordschwarzwald nach Einschätzung der IG Metall etwa 7.000 Menschen im Edelmetallbereich beschäftigt. Sie arbeiten außer bei Uhren- und Schmuckfirmen bei Scheideanstalten, Halbzeugherstellern wie G. Rau, Medizintechnikfirmen, Oberflächenveredlern und Firmen der Präzisionsindustrie.