"Ein gigantischer Aufwand" sei das Jubiläumsfestival für das Team, dessen Kopf Festival-Koordinator Gerhard Baral ist. Mit der Zwischenbilanz zu den Feierlichkeiten ist er sehr zufrieden, erklärte er im Interview. | Foto: aw

Jubiläum „Goldstadt 250“

Pforzheims Festival-Koordinator Gerhard Baral zieht im Interview eine Zwischenbilanz

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Seit fast sechs Monaten feiert Pforzheim nun das Jubiläum „250 Jahre Goldstadt“. Bei Jubiläums-Koordinator Gerhard Baral hakte Redakteurin Carolin Freytag im Interview nach, wie die Zwischenbilanz ausfällt und welchen Themen und Herausforderungen sich das Goldstadt-Team bisher stellen musste.

Bald ist die erste Jahreshälfte vorbei und damit auch Halbzeit beim Jubiläum Goldstadt 250. Wie ist es bisher gelaufen?

Baral: Wir sind mittlerweile bei knapp der Hälfte der über 300 Veranstaltungen angekommen. Rund 75 000 Besucher und Nutzer hatte das Schmuckjubiläum bereits bisher. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Dass wir 80 Sponsoren zusammenbekommen haben, die 2,4 Millionen Euro beisteuern, ist wirklich außergewöhnlich.

Dabei sagen einige Pforzheimer, bei ihnen komme vom Jubiläum gar nichts an – wie etwa eine Zuhörerin bei einem Vortrag im Kulturverein vergangene Woche. Wie erklären Sie sich das?

Baral: Ich weiß nicht, wie manche Menschen durch die Stadt gehen, dass sie nichts mitbekommen. Das Jubiläum findet an über 70 Orten in Pforzheim statt: Im Kommunalen Kino, in den Museen, im EMMA, mit Skulpturen im öffentlichen Raum. Und ab jetzt gehen die Aktionen auch mehr nach draußen. Im Stadtgarten findet im Juli die Konzertreihe „Goldenen Momente“ statt. Ende Juli zieht das Theater Titanick mit dem „Goldrausch“ durch die Stadt und vieles andere mehr. Wir haben aber auch nicht den Anspruch, 99 Prozent der Leute glücklich zu machen. Es gibt eben immer Menschen, die nörgeln. Leider erreicht uns die Kritik selten direkt, das würden wir uns aber wünschen. Die kann ja schließlich auch nützlich sein.

Das Jubiläum ist also vor allem eine Feierlichkeit für die Bürger?

Baral: Unser Ziel war es von Anfang an, so viele Menschen wie möglich mitzunehmen. Die Bevölkerung besteht mittlerweile zu 85 Prozent aus Neu-Pforzheimern. Die Stadtgeschichte ist vielen kaum noch bekannt. Die muss man neu erzählen. Deshalb haben wir zum Beispiel zusammen mit dem Kulturamt Projekte organisiert. Wir haben Lehrern und Erziehern gezeigt, wie sie Kindern die Stadtgeschichte näher bringen. Das gab tolle Rückmeldungen. Mit diesem Angebot kommen wir über die Kinder auch an die Eltern.

Nun ist Pforzheim ja eine Stadt mit hohem Migranten-Anteil und vielen Sprachbarrieren. Klappt es auch bei diesen Menschen, sie ins Jubiläum einzubinden?

Baral: Das hat leider nicht so geklappt, wie wir es uns gewünscht hätten, und das ist bedauerlich. Wir wären dafür auf Unterstützer angewiesen gewesen und sind frühzeitig auf Leute zugegangen, haben Einladungen in zahlreichen Sprachen verschickt. Aber geklappt hat es nicht. Oft war der Grund einfach die fehlende Zeit. Wir hätten gern eine Ausstellung organisiert, in der Flüchtlinge ihre Lieblingsstücke zeigen, das sie auf ihrer Flucht begleitet hat. Diese Idee ist ja aber nicht zeitlich gebunden. Beim „Goldrausch“ mit dem Theater Titanick sind allerdings einige Migranten beteiligt.

Das Jubiläum zu organisieren, hört sich wie eine ordentliche Herausforderung an …

Baral: Wir sind ein Team von vier Leuten und der Aufwand ist gigantisch, denn mit allen Projekten haben wir Anfang vergangenen Jahres praktisch bei null begonnen. Ich bemühe mich, überall mal vorbeizuschauen. Wir wollen ja mit den Machern und Besuchern ins Gespräch kommen. Zudem sind wir Dienstleister für jeden, der eine Veranstaltung zum Jubiläum anbieten will und bemühen uns, bei aufkommenden Fragen zu helfen.

Kann denn jeder unter dem Titel „250 Jahre Goldstadt“ einfach etwas auf die Beine stellen?

Baral: Das läuft zunächst einmal über uns. Wir bemühen uns, dass es bei den einzelnen Events möglichst keine Terminüberschneidungen gibt. Außerdem sollte jede Veranstaltung schon einen Bezug zur Goldstadt und den drei Leitthemen Design, Architektur und Stadtentwicklung haben. Wir haben teilweise verrückte Vorschläge bekommen, die überhaupt nicht zum Thema passen. Aber dass noch weitere Veranstaltungen hinzukommen, ist nicht ausgeschlossen und wir merken dies auch an diversen Ergänzungen und Wiederholungen aufgrund des großen Publikumsinteresses.

„Die Goldstadt ist keine Nostalgie“ sagt Gerhard Baral. | Foto: aw

Apropos Goldstadt: Der ehemalige Pforzheimer Hochschulprofessor Helmut Wienert sagte vor einigen Wochen beim Studium Generale, die Goldstadt sei Geschichte, Pforzheim klammere sich an die Vergangenheit. Hat er Unrecht?

Baral: Ich widerspreche ungern einem deutschen Professor, aber ich glaube, dass Herr Wienert ein paar Sachen nicht erkannt hat oder zu weit weg ist. Pforzheim hat die Goldgeschichte noch komplett, und zwar als Wirtschaftskreislauf – von der Scheideanstalt über Halbwerkzeuge bis hin zum Schmuck. Aus der Geschichte hat sich unsere ganze Medizin- und Präzisionstechnik entwickelt. Gold ist außerdem als Begriff sehr positiv besetzt. Wir schauen nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorn. Die These, die Goldstadt sei Nostalgie, ist einfach falsch.

Mit dem Bild der Goldstadt wollen Sie durch das Jubiläum auch Pforzheims Außenwirkung verbessern. Klappt das?

Baral: Das ist natürlich auch ein Ziel. Aber es ist ein langer Prozess, für den das Jubiläum der Anfang ist. Daran muss man nachhaltig arbeiten. Pforzheim war bisher schon Thema in sieben Fernsehproduktionen. Das Jubiläum findet in Hörfunk und Presseberichten statt, zum Beispiel in der FAZ, aber auch in Österreich. Um Leute zu erreichen, schreiben wir auch regelmäßig Reisebüros an, die Tagestouren oder Busreisen anbieten. Pforzheim wird Geduld brauchen. Bei der Documenta in Kassel hat es auch sehr lange gedauert, bis sie bekannt und angenommen wurde. Uns geht es vorläufig um eine sehr gute Innenwirkung und eine maximale Außenwirkung.

Sie sagen, das erste halbe Jubiläumsjahr war erfolgreich. Wird es das zweite auch?

Baral: Mal schauen, ob sich die Energie bei allen bis zum Ende hält und die Bevölkerung mitmacht. 145 000 Besucher sind das Ziel. Ich weiß auch, dass es Leute gibt, die das Wort Jubiläum nicht mehr hören können. Aber viele freuen sich wie kleine Kinder auf die Veranstaltungen. Von einer Gruppe Senioren aus Mannheim weiß ich zum Beispiel, dass sie einen Ausflug zum „Goldrausch“ organisiert. Es soll auf jeden Fall kein Fest um des Festes Willen sein, sondern ein nachhaltiges Konzept. Das wollen auch die Sponsoren. Es ist ein Auftakt, der mit der Ornamenta 2022 fortgeführt werden soll, wie es der Gemeinderat in seinem Grundbeschluss erklärt hat.