Ein kräftiger Vertrauensvorschuss hat Peter Boch ins Pforzheimer Rathaus gespült. | Foto: Ehmann

Stadt erwartet Neustart

Pforzheims neuer OB Peter Boch zum Antrittsbesuch in der Kurier-Redaktion

Anzeige

Ein frischer Wind weht durch die Goldstadt. Zugegeben, so frühlingshaft wie man dies vom neuen Oberbürgermeister erwartet hätte, war der Wind gestern noch nicht. Aber das kann auch am Schlafdefizit des überraschend klar gewählten Peter Boch gelegen haben, von dem nicht mehr und nicht weniger erwartet wird, als der erfolgreiche Neustart einer hadernden Großstadt. Gestern war Boch zu seinem Antrittsbesuch in der Redaktion des Pforzheimer Kurier.

 

Hager war nicht ohne Erfolge

Bei aller Begeisterung für den Neuen:  Der abgewählte Amtsinhaber Gert Hager war auf vielen Baustellen aktiv und nicht ohne Erfolge. Die Westtangente – eine Stadtumgehung aus den Schwarzwaldtälern hin zur Autobahn – ist nach über 40-jähriger Planung im Bau. Die von Hagers Amtsvorgängerin verzockten Derivate-Millionen sind zu großen Teilen wieder im Stadtsäckel. Ein aufsehenerregender Masterplan-Prozess hat die Bevölkerung erstmals in die Planung ihrer Stadt mit einbezogen.

Gründerzentrum und Schmuckjubiläum

Im alten Emma-Jaeger-Bad sorgt ein Gründerzentrum für Design-Nachwuchs und ein strahlendes Schmuckjubiläum bringt Pforzheim landesweit ins Gespräch.
Doch bei allem Willen zur positiven Gestaltung blieb Hager oft nichts übrig, als die Versäumnisse der Vergangenheit zu verwalten. Die Renovierung vernachlässigter Schulen ging den Bürgern zu langsam, der Karlsruher Finanzaufsicht aber gerne auch mal zu schnell.

Gemeinderat ließ ihn am langen Arm verhungern

Die Liquidation der Busgesellschaft hing dem langjährigen Gewerkschaftsmitglied wie ein Klotz am Bein. In der Bädermisere stieg Hager das Wasser bis zum Hals. Die Integration überdurchschnittlich vieler Migranten sah Hager bis zuletzt als große Chance einer wachsenden Stadt. Doch viele Wähler sahen diese Chance nicht und sorgten sich statt dessen um Sicherheit und Identität. Und letztlich ließ bei der Reorganisation des Straßenverkehrs ein ängstlicher Gemeinderat sein Oberhaupt am langen Arm verhungern.

An den Rostkübeln gescheitert

Der Pforzheimer Volksmund machte verkehrsberuhigende Blumentröge aus anspruchsvollem Cortenstahl flugs zu „Rostkübeln“, die letztlich beitrugen zur Korrosion einer erfolgreich gestarteten OB-Karriere. Beim ehrgeizigen Plan, eine in den siebziger Jahren stecken gebliebene Innenstadt komplett umzugestalten, fühlten sich viele außen vor. Hager unterschätzte im Wahlkampf den erlittenen Vertrauensverlust.

Auch Boch muss dicke Bretter bohren

Ein Gemenge aus ererbter Not, zu langsamer Erholung und defensiver Wahlkampftaktik beendete die Ära eines Oberbürgermeisters, den die Geschichte sicher positiver bewerten wird als seine Zeitgenossen.
Peter Boch wird mit dem selben Gemeinderat die selben dicken Bretter bohren müssen. Aber er hat verstanden, dass nicht nur die Richtung stimmen muss, sondern dass eine erfolgreiche Kommunalpolitik auch von der Begeisterung ihrer Akteure lebt.

Begeisterung ist mit Händen zu greifen

Auf Pforzheims Straßen ist die Begeisterung für den neuen jungen Oberbürgermeister mit Händen zu greifen. Es ist, als hätte die Goldstadt jetzt einen Trainer, der „die Mannschaft wieder erreicht“. Und das mit dem Wetter kriegt er dann auch noch hin.