Kalt und regungslos: So hat ein Polizeibeamter den Tatverdächtigen nach dessen Verhaftung in Ravensburg erlebt.
Kalt und regungslos: So hat ein Polizeibeamter den Tatverdächtigen nach dessen Verhaftung in Ravensburg erlebt. | Foto: Ochs

Dreistündige Autofahrt

Polizist beschreibt Angeklagten im Mordprozess um Pforzheimer Schmuckhändler als emotionslos

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Kalt, regungslos und oberflächlich: So hat ein Polizeibeamter der Pforzheimer Kriminalpolizei den Edelsteinhändler erlebt, dem vorgeworfen wird, einen Pforzheimer Schmuckhändler am 21. Juni 2019 umgebracht zu haben.

Dreieinhalb Stunden lang ist der Polizist mit dem Tatverdächtigen nach dessen Verhaftung in Ravensburg nach Pforzheim gefahren. Dabei habe er den Beschuldigten als „sehr in sich vertieft“ erlebt. „Man hat aber gemerkt, dass es in ihm brodelt“, sagte der Polizeibeamte am Donnerstag vor dem Schwurgericht am Karlsruher Landgericht aus.

Man hat gemerkt, dass es in ihm brodelt.

Polizeibeamter bei Zeugenaussage vor Gericht

Eine Woche nach dem Todestag des Schmuckhändlers war der 36-jährige Edelsteinhändler aus dem Landkreis Calw auf dem Parkplatz des Ravensburger Spielelands festgenommen worden. Ihm wird wie berichtet vorgeworfen, den Schmuckhändler bei einem Geschäftstermin getötet zu haben. Über die Tat habe der Angeklagte nicht reden wollen, sagte der Polizeibeamte vor Gericht aus.

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Verdächtiger schwieg während dreistündiger Autofahrt zur Tat

Die Fahrt sei „nicht unangenehm“ gewesen und der Festgenommene habe einen sehr ruhigen und insgesamt starren Eindruck gemacht. Dennoch sei er gesprächsbereit gewesen und berichtete „blumig“, wenn es um unwichtige Dinge ging. Wenn er aber auf die Tat zu sprechen kam, habe er sich komplett verschlossen, beschrieb der Polizist den Angeklagten.

Auch über dessen Zeit in einem amerikanischen Gefängnis sei gesprochen worden. Wie berichtet, hat der 36-Jährige in den USA und in Deutschland eine Haftstrafe wegen Besitzes und Verbreitung von kinderpornografischem Material verbüßt.

Dass er zu unrecht im Gefängnis saß, hat der Angeklagte während des Prozesses mehrfach wiederholt und auch bei der Fahrt nach Pforzheim gegenüber dem Polizeibeamten betont, dass der Vorwurf, er sei der Kopf einer internationalen Kinderporno-Bande, nicht stimme.

Die „üblen Haftbedingungen“ in den USA haben den Angeklagten beeindruckt, sagte der Polizeibeamte aus. Keine Emotionen gegenüber Fremden zu zeigen – das habe er während seiner Haft in den USA gelernt, ergänzte der Tatverdächtige vor dem Schwurgericht.

Angeklagter beschreibt Schmuckprojekt als „sein Kind“

Stolz habe im Gespräch während der Fahrt nach Pforzheim angeklungen, wenn es um das geplante Schmuckprojekt des Edelsteinhändlers ging: dem Ring-Konfigurator, der am 1. Juli 2019 online gehen sollte. Das Projekt sei „sein Kind“, habe der Angeklagte gesagt. Dabei ging es auch darum, synthetische Diamanten zu verwenden, die nichts mit Kinderarbeit zu tun haben – „das lag ihm am Herzen“, sagte der Polizeibeamte.

Seine Recherche zu Ring-Konfiguratoren habe ergeben, dass dieses Computerprogramm, mit dem ein Produkt gestaltet und bestellt werden kann, nichts Neues sei und eine Firma in Pforzheim schon jahrelang einen Konfigurator für den Endverbraucher betreibe, sagte der Polizeibeamte aus.

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Getöteter Schmuckhändler sollte bei Projekt nur zuliefern

Wer bei dem geplanten Projekt welche Rolle spielen sollte, stellte der Angeklagte auf Frage des Polizisten ebenfalls klar: Er, der Edelsteinhändler, wollte den Konfigurator mit zwei Geschäftspartnern, einem Brüder-Duo, betreiben. Der Schmuckhändler sollte nur zuliefern. Dass dieser ebenfalls an einem Konfigurator gearbeitet hatte, habe er erst nach dessen Tod erfahren, so der Angeklagte.

Ein Einzelhändler aus Zirndorf bei Nürnberg, der sowohl mit dem Opfer als auch dem vermeintlichen Täter in einer Geschäftsbeziehung stand, berichtete von einem Telefonat mit dem Angeklagten vier Tage nach dem Tod des Schmuckhändlers. Dieser habe sich wohl nach Thailand abgesetzt und ihn sitzenlassen, echauffierte sich der Angeklagte bei dem Anruf. Nun könne er nicht wie geplant mit seiner Kollektion und dem Konfigurator online gehen. Das sei eine „Katastrophe“.