MR. ELEKTRONIK: Ohne Thomas Rudel und seine weltweit 1 650 Mitarbeiter würden viele Smartphones, Haushaltsgeräte, Autos und Roboter nicht funktionieren. Von seinen Lagern will er dieses Jahr 125 Milliarden Elektronikkomponenten ausliefern. | Foto: Fabry

Top-Unternehmen aus Ispringen

Rutronik – von einer Garagenfirma zu einem Global Player

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Was für eine Unternehmens-Story: Da entscheidet sich 1973 der Prokurist Helmut Rudel aus Landshut, sich selbstständig zu machen. Er greift zu einem Zirkel. Auf einer Deutschlandkarte zeichnet er damit einen Kreis um die Region, wo er 70 Prozent des Industriebedarfs für Elektro-Bauelemente vermutet – und landete in Ispringen im Enzkreis. Im Forlenweg 29 bezieht er mit seiner Familie eine Wohnung. In zwei Zimmern sind die Büros, dazu kommen noch zwei Garagen. „Das war unser Lager“, sagt sein Sohn Thomas, der heutige Chef der Rutronik-Gruppe. „Ich war das typische Beispiel für Kinderarbeit“, scherzt er – denn auch in den Schulferien packte er mit an. Später, nach dem BWL-Studium, durchlief er alle Abteilungen der Firma.

Die wuchs rasant über Baden-Württemberg hinaus. Heute ist Rutronik nach Rudels Angaben unter den international tätigen Großhändlern elektronischer Bauelemente („Broadliner-Distributoren“) die Nummer fünf. Weltweit gibt es noch eine Handvoll größerer Wettbewerber aus Asien, aber die sind nur dort tätig. Die globale Bedeutung der Ispringer kennt kaum ein Laie, die Fachleute sehr wohl. „In der Automobilindustrie liefern wir an alle großen Zulieferer“, sagt Rudel im BNN-Gespräch. „Alles, was irgendwie mit Strom funktioniert, ist unser Markt.“

Der ist jetzt schon gigantisch groß – der Rutronik-Chef nennt eine Billion US-Dollar. Und er wächst enorm, weil die Welt nach Produkten mit Elektronik-Bestandteilen ruft. So stecken in einem Smartphone beispielsweise 1 200 Kondensatoren und 1 000 Widerstände. „Wir wollen in den nächsten sieben Jahren Umsatz und Gewinn verdoppeln und in den nächsten 14 Jahren vervierfachen“, sagt der Unternehmer. „Aus eigenen Finanzmitteln“, betont er. Die Eigenkapitalquote des Familienunternehmens, das vor allem mit börsennotierten nordamerikanischen Aktiengesellschaften konkurriert, liege bei über 60 Prozent.

HIGH TECH FÜR DIE WELT: Die Ispringer Rutronik-Gruppe vertreibt über 70 Niederlassungen in der Welt solche Komponenten | Foto: Fabry

Das Produktportfolio der Ispringer ist riesig. Die Kunden wollten heutzutage für ihre Werke in aller Welt wenige Lieferanten, die ihnen verlässlich alles liefern. Hier punktet Rutronik laut Rudel. Er betont zudem die technische Beratung – Rutronik-Ingenieure liefern also nicht nur Bauteile, sondern entwickeln neue Produkte aktiv mit. Besonders spannend ist dies aus Sicht des Unternehmers beim autonomen Fahren, bei Batterie-Managementsystemen und in der Medizintechnik. Ausgefeilt sei die Logistik mit Lagern in Eisingen, in Asien und in den USA. „Industrie 4.0 machen wir schon seit Jahrzehnten“, sagt Rudel verschmitzt. 70 Prozent der Geschäfte meistere man per automatischer Auftragsverwaltung und -belieferung. Kundenbedürfnisse änderten sich so schnell, dass man gar nicht mehr manuell in die Prozesse eingreifen könne.

Rutronik will in diesem Jahr über eine Milliarde Euro umsetzen

Rutronik hat, wie erwähnt, weltweit 30 000 Kunden. So liefern die Ispringer beispielsweise Komponenten, die der Apple-Auftragsfertiger Foxconn für die iPhones benötigt. In der Region sind beispielsweise Bosch, Harman-Becker, Heidelberger Druck oder SEW-Eurodrive Abnehmer. Insgesamt werde man in diesem Jahr voraussichtlich 125 Milliarden Elektronikkomponenten liefern. Zum Vergleich: 2016 waren es „nur“ 77 Milliarden Stück.

Herausforderungen bleiben: Rudel nennt die Suche nach weiteren Fachkräften. „Wir müssen noch flexibler werden“, betont er. Finde man beispielsweise in Spanien einen geeigneten Ingenieur, dann könne dieser auch von seinem Heimatland aus weltweit für Rutronik arbeiten. Man sei ohnehin in Jahren der Auslandsexpansion gut damit gefahren, auf bewährte lokale Mitarbeiter und Manager zu setzen. Rudel: „Wir haben gelernt, aus verschiedenen Kulturen gemeinsam eine Rutronik-Kultur zu erarbeiten und zu leben.“

Eine Herausforderung sei auch, dass die Halbleiterhersteller zunehmend konsolidieren. „Die teuersten Komponenten kommen aus amerikanischer Hand.“ Russland und China steuerten als Hersteller von elektronischen Komponenten Oligopolen entgegen. Rutronik wolle weitere Lieferanten-Beziehungen aufbauen. Für die Kunden wiederum werde man beispielsweise das Dienstleistungsangebot ausbauen.

Wichtig sei, die finanzielle Unabhängigkeit von Rutronik und die Expertise in zahlreichen Ländern mit ihren teils sehr unterschiedlichen Märkten. Mittlerweile hat Rutronik über 70 Niederlassungen in Europa, Asien und in Amerika – da kann man es sich kaum vorstellen, dass die Erfolgsgeschichte einst mit Büros in einem Wohnhaus, mit einem Lager in zwei Garagen und mit einem Renault 4 als Lieferwagen begann.

Firmen-Visitenkarte

• Rutronik-Gruppe (Ispringen)
• Gründungsjahr: 1973
• Produkte: Weltweit aktiver Distributor für elektronische Bauelemente
• Vorsitzender der Geschäftsführung: Thomas Rudel
• Umsatz: 950 (2016: 872) Millionen Euro. Für dieses Jahr werden Erlöse in Höhe von über einer Milliarde Euro erwartet.
• Jahresüberschuss: k. A.
• Auslandsanteil: 55 Prozent
• Mitarbeiterzahl: aktuell 1 650 (2017: 1 550). Rund 400 davon arbeiten in Ispringen, weitere 360 im Logistikzentrum in Eisingen.
• Homepage: www.rutronik.com