Raus aus dem klimatisierten Bus und auf den heißen Bussteig: Die Fahrt von Karlsruhe aus gestaltete sich vergleichsweise komfortabel. | Foto: bba

Sternfahrt nach Pforzheim

Schienenersatzverkehr zum ZOB offenbart noch Mängel

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Von René Ronge,
Britta Baier und Bettina Gebhard

Seit der Nacht auf Montag ist Pforzheim die inoffizielle Hauptstadt des Schienenersatzverkehrs. Wer mit der Bahn nach Karlsruhe, Remchingen oder Bad Wildbad will, muss während der Sommerferien auf Ersatzbusse umsteigen. Nicht an jeder Stelle läuft das System schon rund, wie ein Test auf allen drei Strecken nach Pforzheim zeigt.

Von Karlsruhe aus

Vergleichsweise komfortabel gestaltet sich die Anreise nach Pforzheim vom Karlsruher Hauptbahnhof aus. Vorausgesetzt, man findet den Abfahrtsplatz – was den Reisenden schon ein gutes Maß detektivisches Talent abverlangt. Das Bahnpersonal gibt unterschiedliche Informationen: „Der Bus nach Pforzheim fährt hinten am Busbahnhof“, meint der eine. Ein anderer winkt ab: „Der fährt mal direkt vorm Südausgang, dann am Busbahnhof – das ist unterschiedlich.“ Der erste Tippgeber stellt sich als der kompetentere Helfer heraus. Doch auch am Busbahnhof selbst bleibt es spannend. „Wieso stehen denn hier nirgends ordentliche Schilder?“, ärgert sich ein älterer Herr. Tatsächlich: Zunächst einmal suchen die meisten Pforzheim-Reisenden auf der Straßenseite der Flix- und Fernreisebusse, ehe sie das kleine Schild „Ersatzverkehr“ erspähen. „Ganz schön chaotisch“, stöhnt eine blonde Frau in schicker weißer Bluse. Als der Bus eintrifft, entsteht ein kurzer Schreckmoment: Natürlich hält er nicht auf der Seite von Halteschild und Wartenden, sondern auf der gegenüber liegenden. Beim überstürzten Queren der Straße wird die kleine Gruppe noch schier von einem Fernreisebus auf dem Weg Richtung Osteuropa überrollt.
Im Bus selbst sind dann aber alle Sorgen vergessen: Ausreichend Sitzplätze, eine funktionierende Klimaanlage. „Das ist mein Lieblingsplatz, hier bleib’ ich“, tönt es von einem älteren Senior auf dem vordersten Platz durch den Bus. Da ist die leichte Verspätung von zehn Minuten bei Ankunft am Pforzheimer ZOB nur ein kleiner Wermutstropfen.

Von Remchingen aus

Christine Greulich benutzt zum ersten Mal den SEV. Sie muss geschäftlich nach Pforzheim. Zum Bahnhof Wilferdingen-Singen kommt sie per S-Bahn aus Karlsruhe. Doch der Ersatzbus für die S 5 nach Pforzheim hat Verspätung. Um 9.28 sollte er abfahren. 13 Minuten später kommt ein Bus, auf dem Schienenersatzverkehr steht. Gut 20 Passagiere stellen sich parat. Vor dem Einsteigen fragt ein Mann: „Ist das der Bus nach Pforzheim?“ Der Busfahrer verneint. „Wann kommt der denn?“, will der Mann noch wissen. „Kann ich nicht sagen“, bedauert der Busfahrer. Auch in der Bahn-App steht dazu nichts. Sonderverkehre könne man derzeit noch nicht einbinden, erklärt die Bahn. Man arbeite aber daran. Erst mit 27 Minuten Verspätung fährt dann der Ersatzbus nach Pforzheim. Christine Greulich hat da ihre Schlüsse längst gezogen. Für sie wird es in nächster Zeit wohl aufs Auto hinauslaufen.
Immerhin: Im klimatisierten Bus finden alle einen Platz. An jeder Haltestelle steigt mindestens eine Person ein. Und am Wegesrand sehen die Passagiere, dass die Bahn die Gelegenheit für Arbeiten an der Strecke nutzt. Am Bahnhof Ispringen wird gerade der Asphalt aufgebaggert. Und kurz vor dem Pforzheimer Tunnel arbeiten Männer an der Oberleitung.

Von Bad Wildbad aus

Auch auf der Kulturbahnstrecke setzt die Bahn auf Schienenersatzverkehr. Bestens informiert hat sich Susanne Kuhn aus Neuenbürg vor ihrer Fahrt und erspart sich so einige Probleme. Dass man in Neuenbürg ohne Ampel oder Zebrastreifen die B 294 queren müsse, findet sie aber recht abenteuerlich. Die Busse auf der Strecke Bad Wildbad-Pforzheim haben meist eine funktionierende Klimaanlage und sind auch nicht übervoll.

…und in die andere Richtung?

Am Hauptbahnhof und am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Pforzheim sind Mitarbeiter der Karlsruher Verkehrsbetriebe (KVV) unterwegs, um Passagieren zu helfen, den richtigen Bussteig zu finden.
Wer aus der Stadt zum ZOB läuft oder über die Unterführung kommt, wird indes automatisch zu Steig 10 gelenkt, der aber nur für Fahrten nach Dillweißenstein ist. Von dort aus kann man dann mit der Kulturbahn nach Nagold fahren. Steig 6 ist für Fahrten nach Bad Wildbad, Birkenfeld, Höfen, Calmbach und Neuenbürg vorgesehen, der entsprechende Fahrplan hängt aber an Steig 9. Von dort aus geht es in Richtung Karlsruhe.

Bahn will reagieren

Nach dem ersten Tag Schienenersatzverkehr auf den genannten Strecken analysiert die Bahn Probleme und sammelt Reaktionen. „Da sehr viele Partner an einem so umfangreichen SEV beteiligt sind, gibt es am ersten Tag immer kleinere Startprobleme“, sagt eine Bahnsprecherin auf Kurier-Anfrage. Auch diesmal habe man kleinere Probleme erkannt. „Natürlich justieren wir ständig nach“, betont die Sprecherin. Schon am Mittwoch werde der SEV eingespielter ablaufen, versichert sie.