Bereit für den zweiten Klimastreik: Schüler aus Pforzheim und der Region wollen am Freitag am weltweiten Aktionstag „Fridays for Future“ teilnehmen. Dazu planen sie eine Demonstration auf dem Marktplatz und durch die City. Schon am 18. Januar gab es eine Klimademo in Pforzheim. | Foto: Ehmann

Schwänzen als letztes Mittel?

Schüler planen in Pforzheim die nächste Klimademo

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Die Erde erwärmt sich – und erhitzt damit die Gemüter. Am Freitag wollen in Pforzheim wieder Jugendliche für den Klimaschutz auf die Straße gehen. Dafür werden viele von ihnen die Schule schwänzen. Sie sagen, genau das sei nötig, um Aufmerksamkeit zu bekommen – und werden dafür kritisiert.

Schon einmal demonstrierten Schüler in Pforzheim fürs Klima. Am 18. Januar zogen rund 150 von ihnen durch die Fußgängerzone. Damals mit nur einer Woche Vorbereitung und eher spontanem Ablauf. Inzwischen ist die Ortsgruppe der weltweiten Aktion „Fridays for Future“ größer geworden – und organisierter. Mit rund 250 Teilnehmern rechnen die Initiatoren diesmal. Beginn ist am Freitag um 11 Uhr vor dem Rathaus, dann geht es zum Leopoldplatz, zu einer Zwischenkundgebung vor dem Kino in der Bahnhofstraße, weiter zum Bahnhof und über den Schlossberg zurück zum Marktplatz – alles während der Unterrichtszeit.

Fridays for Future
Klimaproteste nach dem Vorbild der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg sollen am kommenden Freitag in mehr als 1 000 Städten stattfinden. Bislang sind Kundgebungen in 1 057 Städten in 89 Ländern geplant, wie am Montag aus einer Liste des globalen Netzwerks #FridaysForFuture hervorging. Allein in Deutschland sind demnach rund 140 Proteste angesetzt – so viele wie in keinem anderen Land an diesem Freitag.
Die Organisatoren von #FridaysFor Future wollen am Freitag so umfassende internationale Schulstreiks fürs Klima auf die Beine stellen wie noch nie. Deshalb haben sie einen „Global Strike For Future“ ausgerufen. Die Protestaktionen orientieren sich am Schulstreik von Thunberg, die im August 2018 begonnen hatte, vor dem Parlament zu demonstrieren. dpa

Auch unter jungen Politikern ist das umstritten. So postet FDP-Europakandidat Roland Papesch auf Linie von Parteichef Christian Lindner, der am Wochenende für Debatten sorgte: „Innovationen retten das Weltklima, nicht Schulschwänzer“. Er finde es gut, dass sich junge Menschen für das Klima einsetzen. Allerdings sei es noch nie besonders clever gewesen, der Schule fernzubleiben, so Papesch: „Neue Technologien, Entwicklungen und Ideen sind uns näher als jedwede Verbote. Diese werden jedoch in den Klassenzimmern, Hörsälen und Laboren entwickelt, nicht freitagmittags auf der Straße.“

Wir machen das als letztes Mittel, weil wir das Gefühl haben, sonst in der Politik nichts bewegen zu können.

Ganz anders sehen das die demonstrierenden Schüler selbst: „Wir glauben, dass es wichtig ist, das in der Schulzeit zu machen“, sagt Co-Initiator Robin Schaletzki (16) aus Ersingen. Erst auf diese Weise bekomme man andere dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Er betont: „Wir machen das als letztes Mittel, weil wir das Gefühl haben, sonst in der Politik nichts bewegen zu können.“

Demonstrieren in den Ferien

In den Faschingsferien waren einige Mitglieder der Pforzheimer Ortsgruppe bei der Freitagsdemo in Stuttgart. Um gegen die Klimapolitik zu demonstrieren, aber nach eigener Aussage auch, um ein Zeichen in der Schulschwänzer-Diskussion zu setzen. Der Pforzheimer Jan Quincke (17) von den Organisatoren fand das ebenfalls ein gutes Signal: „Wenn wir das auch in den Ferien machen, zeigen wir: Es geht um so viel mehr als Schulschwänzen.“

Protest während der regulären Schulzeit ist Gesprächsanlass

Dennoch müssen sich die Schulleiter positionieren. Wie viele Augen werden am Freitag in Pforzheim zugedrückt? „Wenn ein Schüler um eine Unterrichtsbefreiung bittet, kann ich das vom Schulrecht her nicht erlauben“, sagt Hilda-Schulleiterin Edith Drescher, die auch geschäftsführende Leiterin der allgemeinbildenden Gymnasien in Pforzheim ist. In diesem Punkt widerspreche die Schulpflicht dem Recht auf freie Meinung. Sollten ihre Schüler sich dennoch entscheiden, während der regulären Schulzeit zu demonstrieren, sieht Drescher „auf jeden Fall einen Gesprächsanlass“. Man müsse aber nicht gleich den ganzen Sanktionskatalog ausschöpfen.

Wenn die Kinder nicht während der Schulzeit demonstrieren würden, würde es keinen interessieren

Gleich mehrere Perspektiven auf das kontroverse Thema hat Joachim Eichhorn aus dem Kreisvorstand der Bildungsgewerkschaft GEW. „Als Gewerkschafter muss ich sagen: Wer Aufmerksamkeit will, muss auch zu unkonventionellen Mitteln greifen. Wenn die Kinder nicht während der Schulzeit demonstrieren würden, würde es keinen interessieren“, so gibt Eichhorn zu bedenken. Als Privatperson freut es ihn, dass die junge Generation mobil macht. „Ich hatte bisher den Eindruck, dass Handys und DSDS wichtiger sind als die echten Probleme.“ Sollten Schüler seiner Grund- und Werkrealschule in Niefern am Freitag nach Pforzheim wollen, würde er wohl ein Auge zudrücken.

Thema im Unterricht aufgreifen

Viel interessanter findet Eichhorn aber andere Fragen: „Wie lange halten sie durch? Das Problem wird so bald ja nicht gelöst sein. Dann müsste man eigentlich jeden Freitag demonstrieren.“ Es sei jetzt an der Zeit, das Thema im Unterricht aufzugreifen.

Zeit, das Thema auf die kleine Perspektive herunterzubrechen

Ein paar mögliche Widersprüche fallen ihm schon auf: „Wenn nach der großen Pause mindestens vier Pappbecher auf dem Schulhof liegen, die Schüler dann aber nach Pforzheim zur Demo wollen, ist es Zeit, das Thema auf die kleine Perspektive herunterzubrechen.“

Kommentar: Nerv getroffen
Schulpflicht gegen Schwänzen für den guten Zweck: Im Spannungsfeld der Klimademonstrationen von Schülern tut sich auch in Pforzheim ein spannender Konflikt mit ebenso interessanten Einlassungen von allen Seiten auf. Und irgendwie haben ja alle recht: Schule schwänzen ist nicht gut. Wer eine gute Zukunft haben will, sollte in den Unterricht gehen. Andererseits: Für die gute Sache ist es vielleicht doch nicht so schlimm, mal die fünfte und sechste Stunde sausenzulassen. Es ist im Verständnis der jungen Schwänzer sogar Notwehr: Sonst hört uns ja keiner zu. Dass nun alle über Demos und Schwänzen diskutieren, zeigt, dass die Schüler einen Nerv treffen. Die Bundeskanzlerin lobt das Engagement der jungen Menschen, FDP-Chef Lindner spricht sich gegen die Demonstrationen während der Unterrichtszeit aus. Auch in Pforzheim äußern sich die Vertreter von Grün bis Gelb. Um die Klimapolitik an sich geht es dabei aber nur am Rande. Bewegung in den großen politischen Fragen zeichnet sich nicht ab. Wie also soll es nach Freitag weitergehen? Mehr Demos, mehr Schwänzen, und dadurch mehr Druck? Oder liefe sich die Bewegung dadurch tot? Wichtig wäre ein zweites Standbein neben der Straße. Die Schüler sollten sich in die politischen Prozesse vor ihrer Haustür einbringen. Auch da kann man etwas fürs Klima tun – und für die eigene Glaubwürdigkeit. René Ronge