Pforzheim
SEX ALS THERAPIE? Ein Arzt aus Pforzheim muss sich vor Gericht verantworten. | Foto: dpa

Verhandlung am Schöffengericht

Sex als Therapie? Arzt aus Pforzheim angeklagt

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Eine Intim-Massage nach Vorbild der DVD „Tantrische Reise zum weiblichen Orgasmus“ als einzig erfolgreiche Therapie gegen Panikattacken? Ein Psychotherapeut aus Pforzheim soll eine Patientin über Jahre hinweg mit Sex „behandelt“ haben und muss sich jetzt wegen sexuellen Missbrauchs vor dem Schöffengericht verantworten.

Die Frau, die am 25. Juli 2012 erstmals die Praxis des mittlerweile 67-jährigen Arztes in Pforzheim aufsuchte und die Behandlung am 14. April 2015 abbrach, hat laut Anklage mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und rezidivierenden Depressionen zu kämpfen. Ihre Behandlung beim Angeklagten soll ab Februar 2013 sich steigernde sexuelle Handlungen umfasst haben, an 40 Tagen soll es zum Geschlechtsverkehr gekommen sein, so der Vorwurf von Oberstaatsanwältin Gabriele Gugau, strafbar als sexueller Missbrauch unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses. Einen Antrag auf Einstellung des Verfahrens lehnte die Staatsanwaltschaft im Vorfeld des Prozesses ab.

Arzt aus Pforzheim sieht sich unschuldig

Eine Stunde Zeit nahm sich beim Prozessauftakt am Dienstag der angeklagte Psychotherapeut, um zu erklären, warum er in jeder Hinsicht unschuldig sei. Beginnend bei der Antibabypille, welche die sexuelle Freizügigkeit der 60er Jahre befeuerte, streifte er den sexuellen Teil der Lehren von Freud, Schopenhauer und Nietzsche, die ihn zum Studium der Psychologie inspirierten, um schließlich in die indische Kultur des Tantra zu reisen. „Es gibt Meditationen, die führt man im Koitus aus. Wir würden vielleicht sagen, um Gott zu erfahren“, erklärte der Psychotherapeut.

Initiative zu Bonding und Tantra von der Frau?

Die Initiative zu Bonding und tantrischer Körpertherapie sei von der Frau ausgegangen. „Ich habe versucht, sie zu bremsen. Ich habe mich aber breitschlagen lassen.“ Angeblich aus Hilfsbereitschaft: „Andere Behandlungen hat sie sabotiert.“ Dabei sei seine Therapie von Erfolg gekrönt gewesen: „Die Frau hat 30 Kilo abgenommen. Sie litt unter Depressionen, Bauchschmerzen, Panikattacken – alles verschwunden.“
Der Hausarzt der Frau bewertet den Erfolg anders: „Sie hat große Angst, sie ist einsam. Es ist alles viel schlimmer geworden“, erklärte der Zeuge dem Schöffengericht unter Vorsitz vorn Richter Oliver Weik.
Zur Einlassung des Angeklagten gehörte eine DVD namens „Tantrische Reise zum weiblichen Orgasmus“, die der 67-Jährige seiner Patientin vorab zur Aufklärung mitgegeben hatte, nebst beigefügter Einwilligungserklärung.

Nackte Tatsachen im Film

Detailliert und mit nackten Tatsachen informiert der Film über Höhepunkte der tantrischen Körpertherapie. Zu sehen: eine Intim-Massage. Zu hören: Kreischen, Stöhnen, Juchzen, Lachen und Schreien einer Frau. „Jetzt geht der Mann tiefer in den emotionalen Prozess hinein.“ „Jetzt öffnet sie die Atmung.“ „Das ist die kathartische Phase“, erläuterte der Therapeut mit Approbation die heilende Wirkung.
Der letzte Akt der Geschichte: „Die Frau hat Beziehungsfantasien entwickelt. Ich habe den tantrischen Anteil der Behandlung zurückgefahren. Aus Rache für diese Zurückweisung hat sie einen Strafantrag gestellt.“ Immer wieder schlüpft der Angeklagte in die Rolle des Missverstandenen. „Für mich war das der größte Fehler meines Lebens. Mir geht es nicht gut.“

Keine anerkannte Therapieform

„Ihr Mandant ist Arzt. Die Frau war seine Patientin. Sie wollen mir nicht weismachen, dass es sich hier um eine anerkannte Therapieform handelt? Geschlechtsverkehr ist Geschlechtsverkehr – das können Sie nennen, wie sie wollen“, wischte Oberstaatsanwältin Gugau den Hinweis des Verteidigers Cornelius Schaffrath auf die Bedeutung der schriftlichen Einwilligung der Patientin zu sexuellen Praktiken kurzerhand vom Tisch. Derweil wunderte sich Nebenkläger Jan-Gregor Steenberg, dass das Videomaterial freiverkäuflich sein soll. Der Prozess wird am 19. April um 13.30 Uhr fortgesetzt.

Isabel Hansen