VOR GUT BESTELLTEM HAUS? SWP-Geschäftsführer Herbert Marquard und der scheidende Aufsichtsratschef, Erster Bürgermeister Dirk Büscher (rechts), sehen den städtischen Versorger inzwischen aus dem Gröbsten raus. | Foto: str

Nach Krise um hohe Verluste

Stadtwerke Pforzheim sind wieder fit – aber es gibt Millionen schwere Altlasten vor Gericht

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Rund ein Jahr nach der Krise um Millionenverluste und dem abrupten Austausch der Geschäftsleitung gibt man sich bei den Stadtwerken Pforzheim (SWP) wieder voller Zuversicht. SWP-Chef Herbert Marquard und der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende Dirk Büscher erklären ihre neue Strategie. Eine Millionen schwere Altlast blieben Auseinandersetzungen vor Gericht um das Telesales-Geschäft.

Wie schlimm die Stadtwerke-Krise um Millionenverluste wirklich war – darüber spricht Geschäftsführer Herbert Marquard ein Jahr später ganz unverblümt. „Wir waren praktisch zahlungsunfähig. Da brannte die Hütte lichterloh.“ Er habe vor einem Jahr eine Vielzahl an Problemen vorgefunden, etwa die ungesicherte Finanzierung des 75-Millionen-Bauprojekts Gas-Motoren und unternehmensgefährdende Verstöße gegen Bankauflagen. Hinzugekommen seien ineffiziente Strukturen und eine „große Verunsicherung der Mitarbeiterschaft“, so Marquard.

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Stadtwerke Pforzheim begründen Strategie

Inzwischen stelle sich die Sache deutlich erfreulicher da. Die strategische Neuausrichtung sei geglückt. Um den Unternehmenserfolg langfristig zu sichern, müssten nun Wirtschaftlichkeit, Kundenbindung und Unternehmenskultur weiter verbessert werden, so Marquard im Gespräch mit dieser Redaktion, zu dem der SWP-Chef gemeinsam mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dirk Büscher in der Unternehmenszentrale im Brötzinger Tal empfing.

KRISEN-MANAGER: Stadtwerke-Geschäftsführer Herbert Marquard und Aufsichtsratschef Erster Bürgermeister Dirk Büscher in der SWP-Zentrale in Pforzheim | Foto: str

„Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und den Mitarbeitern haben wir den Negativtrend gestoppt, die ersten Zahlen sind sehr vielversprechend“, so Büscher, der seine Funktion als Aufsichtsratschef im Mai an OB Peter Boch übergeben wird. Was nach einer Strategiesitzung mit den Gesellschaftern am vergangenen Wochenende öffentlich wurde, sei nur folgerichtig. Inzwischen habe sich auch der nach der Kommunalwahl neu bestückte Aufsichtsrat gut eingearbeitet.

Es sei vielfach üblich, dass ein Oberbürgermeister dem Aufsichtsrat des größten Tochterunternehmens vorstehe. Ein Wechsel an der Aufsichtsratsspitze in der akuten Krise wäre nicht sinnvoll gewesen. „Es war wichtig, dass zur Krisenbewältigung die Erfahrungsträger mit an Bord geblieben sind.“

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Telesales mit hohem Streitwert vor Gericht

Auch wenn die Lage mittlerweile deutlich entspannter ist, liegen die Schatten der Vergangenheit immer noch über dem städtischen Versorger. Etwa in Form von Prozesskostenrisiken. Noch bedeutender als die laufenden arbeitsrechtlichen Klagen der im Januar 2019 fristlos entlassenen Geschäftsführer Roger Heidt und Thomas Engelhard dürften dabei die ebenfalls noch ungeklärten Rechtsfragen im Zusammenhang mit dem Telesales-Segment sein.

Dabei geht es offenbar hauptsächlich um Forderungen ehemaliger Geschäftspartner: Das risikoreiche Geschäft mit dem deutschlandweiten Stromhandel gilt als wichtige Ursache für die dramatische Schieflage des Unternehmens. Zwar habe man sich inzwischen von jeglichem Stromhandel verabschiedet, aber immer noch laufen Prozesse mit einem Streitwert von rund neun Millionen Euro, hieß es.

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„Verantwortung für Krise eindeutig“

Was die Forderung der beiden Ex-Chefs anbelangt, zeigt sich Marquard, dessen Vertrag noch knapp drei Jahre läuft, ziemlich kompromisslos: Arbeitsrechtlich sei manches unwägbar, aber aus betriebswirtschaftlicher Sicht sei die Verantwortung der damaligen Geschäftsführung für die Krise ganz eindeutig.

Einen in seinen Hintergründen nicht völlig aufgeklärten Angriff aus dem Aufsichtsrat gegen seine Person hat SWP-Chef Marquard abgehakt. Das Gremium habe sich nach der Neuaufstellung im Zuge der Gemeinderatswahl auch erst finden müssen. Ein Protagonist der Revolution habe sich zudem bei ihm entschuldigt. „Das hat mich sehr beeindruckt.“