Zukunftsträchtiger Wirtschaftsfaktor: Die Mode-Werkstatt im Emma-Kreativzentrum Pforzheim ist Teil der florierenden Kreativwirtschaft, mit der die Goldstadt im Städte-Ranking glänzt. | Foto: Winfried Reinhardt

Städteranking der IW Consult

Pforzheim steht im Städteranking schlecht da – zu Unrecht, sagt ein Experte

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Pforzheims schlechte Platzierung im Städteranking der Kölner Gesellschaft IW Consult ist aus Sicht von Wirtschaftsförderer Markus Epple nicht gerechtfertigt. Die Pforzheim zugeschriebene schlechte Wirtschaftsstruktur grenze an eine bösartige Unterstellung.

„Da ist noch Luft nach oben“. So kommentiert Projektleiter Hanno Kempermann vom Institut der deutschen Wirtschaft Consult GmbH Pforzheims Platzierung im Städteranking, welches die Kölner Gesellschaft im Auftrag des Magazins Wirtschaftswoche und dem Online-Portal Immobilienscout24 veröffentlicht hat. Unter den 71 deutschen Großstädten, die entsprechend ihrer Wirtschaftskraft klassifiziert wurden, rangiert Pforzheim im unteren Mittelfeld. Aus Sicht von Wirtschaftsförderer Markus Epple grenzt die Pforzheim zugeschriebene schlechte Wirtschaftsstruktur schon fast an eine bösartige Unterstellung.

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Das Städteranking ist in drei Kategorien unterteilt: Das „Niveauranking“ untersucht anhand von 52 Indikatoren wie Mietpreis oder Kitaquote den Ist-Zustand der Wohn-, Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftssituation. Das „Dynamikranking“ zeichnet anhand von 36 Indikatoren die Entwicklung von 2013 bis 2018 nach. Im „Zukunftsranking“ wird das wirtschaftliche Potenzial aufgrund der Entwicklung von Forschungsangebot, Industrie und Kreativwirtschaft beurteilt.

„Niveau“-Sieger ist München, Berlin sichert sich in der Kategorie „Dynamik“ den ersten Platz und Darmstadt gilt als die zukunftsträchtigste der 71 Großstädte. Pforzheim ist 33. in der Kategorie „Niveau“, 42. in „Dynamik“ und 36. in „Zukunft“.

Viele Indikatoren sind von jetzt auf gleich verbesserungsfähig.Die Gewerbesteuer senken, mehr Wohnungen bauen, die Kriminalitätsrate reduzieren
Hanno Kempermann, Projektleiter Städteranking

„Keine gute Wirtschaftsstruktur“

„Gute Hochschulen, eine starke Wirtschaft und der Transfer zwischen beiden zählen zu den eindeutigen Erfolgsmerkmalen“, so Projektleiter Kempermann. „In Pforzheim ist es nicht so dramatisch wie im Ruhrgebiet, aber die Wirtschaftsstruktur ist nicht wirklich gut, es gibt wenig Zukunftsbranchen und wenig wissensintensive Dienste“.

Dazu zählt Kempermann sowohl Ingenieurbüros und Werbeagenturen wie auch Wirtschafts- und Beratungsagenturen. Wissensintensive Dienste Platz 57, Forschungsstärke Platz 60, „das sind Bereiche wo wir festmachen, dass was passieren muss“, meint Kempermann. „Viele Indikatoren sind von jetzt auf gleich verbesserungsfähig.“ Seine Ratschläge: „Die Gewerbesteuer senken, mehr Wohnungen bauen, die Kriminalitätsrate reduzieren.“

Heimat der Hidden Champions: Die Wirtschaftsstruktur Pforzheims ist laut Wirtschaftsförderer Markus Epple deutlich besser, als die Stadtranking-Studie von IW Consult, Wirtschaftswoche und Immobilienscout24 behauptet. | Foto: Björn Fix

Die Zahlen zur Kreativ-Wirtschaft sind beeindruckend, auch die Beschäftigungsquote Älterer kann sich sehen lassen
Hanno Kempermann

Erster Platz für Anzahl der Beschäftigten in KuK-Branche

Besonders schlecht, nämlich letztplatziert, ist Pforzheim beim Indikator „Produktivität“ im Dynamikranking. Auch mit Platz 64 in der Kitaquote und Platz 60 in der Abiturquote steht die Stadt nicht besonders gut da. Glänzen kann die Goldstadt mit dem ersten Platz bei der „Beschäftigung in kultur- und kreativwirtschaftlichen Berufen“ – mit 12,9 Prozent der Arbeitnehmerschaft übertrifft Pforzheim den Mittelwert von 5,4 Prozent hier um mehr als das Doppelte. Diese Zahlen hält auch Hanno Kempermann für „beeindruckend“. Auch mit der Beschäftigungsquote Älterer kann Pforzheim punkten, landet hier mit 64 Prozent auf Platz 4.

In Teilbereichen müssen wir besser werden, faktisch sind wir mit zahlreichen hidden champions deutlich besser als die Studie suggeriert.
Markus Epple, Wirtschaftsförderer der Stadt Pforzheim

Ein Bekenntnis zum Standort Pforzheim ist das neue digital hochentwickelte Werk der Witzenmann-Gruppe in Buchbusch, in dem Bälge für Nutzfahrzeuge hergestellt werden. | Foto: Fabry

Wirtschaftsförderer Epple: „Besser, als die Studie suggeriert“

„In Teilbereichen müssen wir besser werden“, bekennt Wirtschaftsförderer Markus Epple, „doch lohnt ein Blick in die Details: Faktisch sind wir mit zahlreichen hidden champions deutlich besser als die Studie suggeriert.“ Weiter seien die Austauschbeziehungen zwischen der Hochschule Pforzheim und den Clustern für Präzisionstechnik (Hochform), dem IT+Medien-Cluster und der Kreativitätswirtschaft sehr gut. „Der Know-How-Transfer ist sehr tief und zielgerichtet. Alleine das Cluster Hochform spielt insgesamt acht verschiedene Wissenstransfer-Formate jedes Jahr zum Innovationsaustausch“, so Epple.

Es wurde bereits vieles angestoßen. Die Gewerbesteuer wurde 2019 gesenkt, ist aber in der Studie nicht berücksichtigt worden
Markus Epple

Studie berücksichtige aktuelle Entwicklung nicht

Dass Pforzheim keine gute Wirtschaftsstruktur hätte, sei „fast schon eine bösartige Unterstellung und mehr als unfair den hier ansässigen Unternehmen gegenüber“. Außerdem habe man viel getan, was in der Studie noch nicht berücksichtigt wurde, etwa die von Kempermann nahegelegte Senkung der Gewerbesteuer. Die dem Ranking zugrunde liegenden Zahlen stammen, bis auf den Immobilienmarkt, nämlich aus den Jahren 2017 und 2018.

Viele Indikatoren nicht durch Stadt beeinflussbar

Auch die Punkte BIP, Wohnungsneubau, Straftaten sowie Beschäftigung im Forschungs- und Entwicklungsbereich würden durch neue Programme von Wirtschaftsförderung und Stadtpolitik in Angriff genommen. „Zahlreiche Indikatoren sind aber nicht von der Stadt zu beeinflussen“, so Epple. Dazu gehörten die Quote der Empfänger von Arbeitslosengeld, die Aufklärungsquote von Straftaten sowie der Mietpreis, die Überschuldungsquote, die Akademikerquote und der Gewerbesaldo.