WIRBELNDE URGEWALT: Dem Speyerer Gewitterjäger Ingo Bertram gelang dieses Foto eines Tornados in Kansas. In der berühmt-berüchtigten Tornado-Alley im Mittleren Westen der USA sind Tornados keine Seltenheit. Um die stärksten Wirbelstürme der Erde ranken sich zahlreiche Mythen und Falschannahmen. | Foto: facebook.com / Ingo Bertram Photography

Deutschlands schlimmster Wirbelsturm

Tornado Pforzheim: Fischregen und explodierende Gebäude

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Schon verrückt, was so ein Tornado alles kann. Er reißt ein Häuschen in die Höhe, transportiert es samt seiner Bewohnerin in ein zauberhaftes Land, um es auf dem Haupt der bösen Hexe des Ostens wieder abzusetzen. Klingt märchenhaft? Ist es auch! Der Tornado, der im Hollywood-Klassiker „Der Zauberer von Oz“ das Haus der jungen Dorothy aus dem sturmgeplagten US-Bundesstaat Kansas in eine andere Dimension transportiert, hat Filmgeschichte geschrieben. Die Szene drückt aus, welches Verhältnis man im Herzen der berühmt-berüchtigten Tornado-Alley im mittleren Westen der USA zu der Naturgewalt hat: Sie ist einerseits gefürchtet und wird andererseits mystifiziert.

Es regnet Fische und Maden

Im Zusammenhang mit Tornados, oder Twisters – wie die Amerikaner die schnellsten Wirbelwinde der Erde nennen -, kursieren die wildesten Geschichten. Nicht alle sind frei erfunden. Für Meteorologen, wie Malte Neuper vom KIT, ist es nicht immer ganz leicht, zwischen Wahrheit und Legende zu unterscheiden. Da ist zum Beispiel die Sache mit den seltsamen Niederschlägen. Aus der ganzen Welt und aus fast allen Epochen liegen Berichte von an sich flugunfähigen Objekten vor, die aus heiterem Himmel auf die Erde fallen. Fische regnete es im Jahr 2002 über Thessaloniki in Griechenland, 1983 fiel im englischen Bournemouth Kohle vom Himmel, in Algier waren es 1973 Schnecken und in Acapulco hätte sich 1968 der ein oder andere einen Regenschirm gewünscht, als es plötzlich Maden hagelte.

Es regnet Fische: Dieser Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert zeigt den Fischregen bei Heilsbronn in Mittelfranken. Foto: wikicommons

Tornados saugen Teiche leer

Der französische Physiker André-Marie Ampère vermutete schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dass heftige Winde, höchstwahrscheinlich Tornados, der Auslöser für Tierregen sein könnten. „Tatsächlich glauben wir das auch heute noch“, bestätigt Malte Neuper. Eingehend erforscht sei das Phänomen zwar nicht, aber dass vor allem Wasserhosen als wässriges Gegenstück der Land-Tornados in ihrem Innern eine große Saugkraft entwickeln, ist unumstritten. Auf ihrer Zugbahn könnten sie durchaus Teiche leersaugen oder über dem Meer Fischschwärme aufnehmen, die dann – sobald der Wind sich auflöst – mehrere Kilometer entfernt wieder zu Boden fallen.

Häuser explodieren

„Tornados sind faszinierend und verfügen über allerhand ungewöhnliche Kräfte“, schreibt der Wetterjournalist Paul Simons, der in seinem Buch „Froschregen, Kugelblitze und Jahrhunderthagel“ unzählige Berichte über Wetterphänomene gesammelt hat. So soll am 10. Juni 1958 ein Tornado in El Dorado, Kansas, eine Frau durch das Fenster ihres Hauses gerissen und 18 Meter weit getragen haben, um sie dann sicher wieder auf dem Boden abzusetzen. Unwahrscheinlich angesichts der Berichte eines Piloten, der 1953 während eines Tornados über das texanische Waco flog. Er beobachtete, wie ein Theater und ein sechsstöckiges Haus wie Bomben explodierten und dann in sich zusammenfielen. Verantwortlich dafür, könnten die enormen Druckunterschiede innerhalb und außerhalb des Wirbelsturms sein. Bei der gewaltigen Zerstörungskraft der Winde verblüfft doch immer wieder die akurate Schnittkante ihrer Zugbahn. „Tornados können ein Haus zweiteilen und dabei die andere Hälfte völlig unversehrt lassen“, schreibt Simons. Auch Augenzeugen des Pforzheimer Tornados berichten von verheerenden Verwüstungen auf der einen Straßenseite, während auf der anderen nicht ein Blümchen geknickt wurde.

Gefährliche Falschannahmen

So spannend und dramatisch Berichte über Tornados sind – der Karlsruher Meteorologe Neuper warnt vor einer gefährlichen Mythenbildung. „Es kursieren vor allem in Amerika viele falsche Annahmen über die Winde“, sagt der Wissenschaftler. So könne man sein Haus nicht vor Zerstörungen schützen, indem man alle Fenster öffnet, um den Wind einfach durchziehen zu lassen. Tornados heißt es außerdem, könnten keine Berge überwinden und keine Flüsse überqueren. Das Gegenteil beweist der Pforzheimer Jahrhundertsturm, der im Sommer 1968 vom Elsass über den Rhein kam. „Falsch ist natürlich auch, dass die Winde, wie es früher oft hieß, keine größeren Städte treffen“, sagt Malte Neuper. Für den Beweis muss man nicht mal einen Wissenschaftler fragen. Ein Pforzheimer reicht.

Mehr Artikel und Videos zum Thema Pforzheimer Tornado gibt es hier in unserem Dossier.