Nach dem Bombenangriff auf Pforzheim am 23. Februar war die Stadt zu großen Teilen zerstört. | Foto: PK-Archiv

Ein Gespräch zum 23. Februar

Trampelpfade durch die Trümmer

Anzeige

Am 23. Februar 1945 kostete der Bombenangriff auf Pforzheim geschätzt 18 000 Menschen das Leben. 2017 jährt sich die Katastrophe zum 72. Mal. Während Pforzheim wieder aufgebaut ist, zwingen Krieg und Terror in anderen Ländern noch heute viele Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Der gelernte Industriekaufmann Hans-Carl Gerstung wurde im Juni 1932 geboren. Während des Krieges musste er zusammen mit anderen Jungen Munitionskisten aus Kellern und Bunkern herausholen. Er war beim Bombenangriff auf Pforzheim zwölf Jahre alt. Der Syrer Arif (Name geändert) ist 27 Jahre alt und kommt aus Aleppo, wo er bis zu seiner Flucht Wirtschaft studierte. Er ist verheiratet und hat einen einjährigen Sohn, den er noch nie gesehen hat. In der Redaktion des Pforzheimer Kurier unterhielten sich die zwei Zeitzeugen – von damals und heute – über ihre Schicksale.

Hans-Carl Gerstung erlebte die Pforzheimer Bombennacht, Arif den Krieg in Aleppo.
Hans-Carl Gerstung erlebte die Pforzheimer Bombennacht, Arif den Krieg in Aleppo. | Foto: Ehmann

Gerstung: Wir hatten seit 1944 mehrere kleinere Angriffe, bei denen Menschen ums Leben kamen. Aber keinen wie am 23. Februar, als die englische Royal Air Force mit 236 Flugzeugen Pforzheim angriff.

Arif: Warum Pforzheim?

Gerstung: Da sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Die einen sagen, der Angriff auf Pforzheim war in dieser Form nicht geplant, die andere Meinung ist: Pforzheim sollte nach Plänen der Royal Air Force an diesem Tag bombardiert werden. Während des Krieges ist fast die ganze Schmuck- und Uhrenindustrie umgestellt worden. Es wurden Zünder und Zulieferteile für Munition hier hergestellt. Deshalb wurde Pforzheim bombardiert. Aber wir, die wir hier lebten, fragten uns, warum so spät, kurz vor Kriegsende? Die Flieger kamen von Osten und haben gedreht. Die Einschläge, die wir hörten, kamen vom Gaswerk her. Kennen Sie sich aus in Pforzheim?

Arif: Ja, ich wohne in Pforzheim. Was Sie erzählen, erinnert mich an Aleppo. Die kaputten Gebäude. Diese Bilder sind für mich nicht neu. Ich habe fünf Jahre Krieg erlebt. Wenn ich in der Wohnung in Aleppo aus dem Fenster gesehen habe, war fast alles kaputt. Wenn ich hier aus dem Fenster sehe, sieht alles wieder normal aus.

In der syrischen Stadt Aleppo sind weite Teile durch die Kämpfe zerstört.
In der syrischen Stadt Aleppo sind weite Teile durch die Kämpfe zerstört. Hans-Carl Gerstung muss bei dem Anblick der Bilder an Pforzheim nach der Zerbombung denken. | Foto: dpa

Gerstung: Wenn ich die Bilder der zerstörten Stadt Aleppo im Fernsehen sehe, ist mein Eindruck, dass es in Pforzheim genauso ausgesehen hat. In Aleppo sieht man Bilder von kaputten Straßen, man sieht Frauen mit Kindern. Ich empfinde den gleichen Schrecken, den wir damals hatten, als die Häuser einstürzten. Es war ganz ganz schlimm. Es war ein Kampf ums Überleben. In unserem Haus in der Philippstraße wurde nur das Dach zerstört. Unsere Wohnung hatte nach dem Angriff keine Fenster und Türen mehr. Es war ja Februar und kalt.

Ich will nicht zur Waffe greifen und auf Leute schießen müssen

Arif: Ich komme aus Aleppo. Wenn ein Junge 18 wird, muss er in Syrien zur Armee. Weil ich studiert habe, konnte ich das Jahr für Jahr aufschieben. Das habe ich acht Jahre gemacht, dann ging es nicht mehr. Aber ich will nicht zur Waffe greifen und auf Leute schießen müssen. Drei Monate vor meinem Einzug 2015 bin ich deshalb in die Türkei. Ich bin einen Umweg gegangen, weil ich kein Visum hatte. Von dort bin ich mit einem Boot nach Griechenland gefahren. In einem Plastikboot mit 40 Leuten.

Gerstung: So wie man es im Fernsehen sieht?

Arif: Ja, das Boot war eigentlich für zehn Menschen gedacht. Dann bin ich mit dem Bus und zu Fuß weiter, nach Mazedonien, Serbien. Von dort entlang der Schienen zwei oder drei Stunden bis zur ungarischen Grenze gelaufen, mit dem Taxi nach Budapest und von dort mit dem Zug nach Österreich und nach Dortmund. Dort haben sie mich nach Karlsruhe geschickt. Und dann sagten Sie, Arif, du gehst nach Pforzheim. Ich habe mir von einem Bekannten 3 000 Euro ausgeliehen, die muss ich noch zurückgeben. 1 200 Euro hat allein die Fahrt mit dem Boot gekostet. Ich konnte nicht mehr leihen, damit ich meiner Frau noch etwas zurücklassen kann. Sie war im achten Monat schwanger, sie konnte nicht mit. Aber ich musste trotzdem weg. Den Krieg konnte ich aushalten, aber ich wollte nicht schießen.

Gerstung: Furchtbar…Wie kann es zu so einem Krieg kommen?

Arif: Bis jetzt kann niemand diesen Krieg verstehen. Aleppo war eine Stadt wie Pforzheim. Jetzt gibt es Ost- und West-Aleppo, die sich gegenseitig bombardieren. Meine Freunde, Nachbarn sind in der Armee, aber auch bei den Gegnern Baschar al-Assads. Viele von meinen Freunden sind gestorben. Ich bin am Leben.

Gerstung: Sie hatten Glück.

Arif: Ich habe viele Menschen verloren.

Gerstung: Aus meiner Familie starben vier Menschen und viele, die wir kannten. Ich erinnere mich noch an die Bombennacht. Als wir in den Keller gingen, kamen die Einschläge näher und wurden lauter. Wir waren etwa 20 Personen im Luftschutzkeller. Wir lagen auf dem Boden. Von der Decke fiel der Putz auf uns herunter. Einer sagte: Wir müssen sterben. Jemand fing an zu beten. Das Haus schwankte. Nach 20 Minuten hieß es, wir gehen wieder hoch. Der Hauswart sagte zu mir: Du hilfst auch mit. Am Tag danach wollten wir nach unseren Verwandten schauen. Wir versuchten von der Poststraße in die Leopoldstraße zu kommen, es ging nicht.

Pf-Franziskuskirche (2)
Foto: PK
Die Häuser brannten teilweise noch und wir kamen nicht durch. Tage später haben wir uns vorgearbeitet durch die Trümmer bis zum Haus in der Westlichen 48. Dort wohnte eine Schwester meines Vaters, Anna mit ihrem Mann Richard. Sie hatten ein Stoffgeschäft. Wir wussten, wo der Eingang zum Keller sein musste, es war überall noch sehr heiß. Ich sehe gerade das Bild vor mir: Auf der Kellertreppe lagen fünf Menschen, die tot waren. Wir gingen weiter runter. Da sah meine Mutter zwei Leichen liegen, die zusammen geschrumpft waren, auf etwa 1,50 Meter. Die beiden Körper waren eng aneinander gepresst. Meine Mutter wollte die Gesichter sehen und es gelang ihr auch, die Körper voneinander zu lösen. Da erkannte ich die karierte Jacke. „Das ist die Tante Anna“, sagte meine Mutter. Nach drei, vier Tagen kehrten wir mit einem Leiterwagen und einer alten Truhe zurück, die mein Vater, der Architekt war, von einem Schreiner bekommen hatte. Den Leiterwagen mussten wir bei der Poststraße lassen, weil alles voller Trümmer war. Dann haben wir die zusammengeschrumpften Körper in die Kiste gelegt und die Kiste bis zur Poststraße getragen. Von dort sind wir zum Hauptfriedhof, wo die Toten abgelegt und identifiziert werden mussten. Aber da war nicht mehr viel zu identifizieren.

Arif: Und dann?

Gerstung: Dann kamen die Vermisstenmeldungen in den Nachrichten. Ich erinnere mich an Frauen, deren Männer vermisst waren. Eine größere Katastrophe kann man sich nicht vorstellen.

Ich will eigentlich nur zurück

Arif: Wenn meine Mutter einkaufen geht und ich höre, dass etwas in Aleppo passiert ist, dann rufe ich sie auch sofort an. Deswegen ist das Handy sehr wichtig für mich. Ich halte zu meiner Familie Kontakt über Whatsapp. Aber manchmal komme ich nicht durch.

Gerstung: Weil die Verbindung schlecht ist?

Arif: Ja. Aber der Empfang ist mittlerweile besser als früher. In Aleppo gibt es noch Plätze, in denen nicht alles zerstört ist.

Gerstung: Dort wo noch Tausende leben? Das hört man von den Berichterstattern.

Arif: Ja, dort wohnt jetzt meine Familie. Aber bis 2011 war eigentlich alles gut. Ich war Student, ich war zufrieden. Wir haben gegessen, gearbeitet, gut gelebt. Ich weiß, in allen Ländern werden Fehler gemacht. In Syrien ist jetzt alles kaputt wegen der Leute, die Freiheit wollten. Ich bin Muslim. Und der Islam sagt nicht: Tötet diese Leute, werft Bomben. Ich frage mich, wie es weitergeht. Wie soll dieser Krieg enden? Wir sind fünf Geschwister. Ich habe zwei Schwestern und zwei Brüder. Mein Vater ist gestorben, als ich drei war. Ich möchte nach Hause, aber ich kann nicht. Ich habe diesen Traum nicht, den hier viele haben – vom Reisen in viele Länder. Ich will eigentlich nur zurück.

Gerstung: Es ist wichtig, dass Sie wieder zurückkehren, damit Sie Ihr Land wieder aufbauen können, die Häuser und Straßen wieder errichten. Man braucht Sie und alle jungen Menschen dort. Man kann bei den Fernsehberichten über Aleppo sehen, dass die Menschen schnell wieder anfangen, die Reste aufzuräumen, dass sie aufbauen wollen. Bei uns damals waren die Männer gefallen, oder vermisst. Die, die übrig geblieben sind, haben mit den Frauen zusammen gearbeitet. Sie haben alte Backsteine sauber geklopft, die dann wieder vermauert wurden. Wenn man die Bilder von Aleppo sieht, ist das identisch zu Pforzheim. Kann das möglich sein, eine Stadt wieder aufzubauen? Man konnte es sich damals nicht vorstellen. Es ging, aber man braucht viele Menschen, die Erfahrung haben.

Arif: Der Aufbau passiert jetzt schon. Heute geht das auch schneller. Im Zweiten Weltkrieg gab es keine großen Maschinen. Die Leute können nicht warten, bis der Krieg vorbei ist, sie räumen schon auf. Meine Tante hat eine Wohnung im Osten Aleppos. Sie geht jeden Tag dort hin und baut sie wieder auf. Aber es braucht Jahre.

Gerstung: Es braucht Jahrzehnte: Hier in Pforzheim sind es nun 72 Jahre und wenn Sie durch die Stadt gehen, sehen Sie noch Ecken, die nicht wieder aufgebaut wurden und Spuren vom Krieg. Wir können froh sein, wenn wir – hoffentlich – noch lange in einer friedlichen Stadt und einer friedlichen Zeit leben können, das ist gar nicht so sicher.

Arif: Gab es Strom damals nach den Bomben? Gab es Wasser?

Gerstung: Ja.

Arif: Wir leben im Jahr 2017. 2013 gab es in Aleppo einmal 13 Tage lang kein Essen und kein Wasser. Die Assad-Gegner hatten das Wasser abgeschnitten. Strom gibt es nur von Aggregaten. Gas gibt es noch. Aber wer hat schon 500 Euro für eine Flasche Gas. In meinen Augen ist dieser Krieg in Syrien ein dritter Weltkrieg.

Gerstung: Ja, wie Sie sagen, da ist die ganze Welt beteiligt. Wie wird das enden?

Arif: Für mich? Ich habe ein Jahr subsidiären Schutz bekommen. Ich brauche drei Jahre. Ich bin gegangen wegen der Armee. Wenn Assad diesen Krieg gewinnt und ich gehe zurück, gehe ich in den Tod.

Gerstung: Damals wurde man in Deutschland als Deserteur erschossen.

Arif: Ja. Und wenn die Gegner gewinnen, dann sagen sie: Du warst in Deutschland, du hast uns nicht geholfen. Die erschießen mich auch einfach.

Gerstung: Wir können für Sie und Ihre Familie nur hoffen. Auch, dass Sie wieder zusammen kommen.

Arif: Danke. Ich habe Hoffnung durch meinen Glauben. Die Leute sagen immer, bleib stark, aber das ist sehr schwer. Manchmal will ich nicht lernen, ich kann mich nicht konzentrieren. Manchmal esse ich den ganzen Tag nicht. Ich habe kein Gefühl mehr für Essen. Seit ich weiß, ich darf vielleicht nur ein Jahr bleiben, habe ich immer Angst, mein Kopf ist nicht bei der Sache. Nur ein Jahr. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich bei den Bomben geblieben und würde meinen Sohn sehen. Ich brauche einfach eine gute Nachricht. Niemand kann das fühlen, was ich fühle. Ich bin jetzt in einem großen Gefängnis. Ich bin allein.

Wer was hatte, gab davon dem anderen

Gerstung: Ich bin sehr froh, dass Sie hier sind und wir uns unterhalten können. Es stimmt schon, wir sind damals besser dran gewesen, wir sind in dem Sinne nicht im Chaos versunken. Wir hatten den großen Vorteil, dass wir dort bleiben konnten, wo wir gelebt haben. Wir hatten zu Essen, wenn es auch oft nur Kartoffeln gab, und meine Mutter aus Restknochen gekocht hat. Aber die Überlebenden waren zusammen, da hat jeder jedem geholfen. Wer was hatte, gab davon dem anderen. Wir haben den Silberstreifen am Horizont gesehen. Wir haben mit viel Fleiß und Optimismus an der Zukunft der Stadt gearbeitet. Die haben langsam angefangen, die Straßen wieder freizuräumen. Ich erinnere mich, es war 1948, da haben wir eine Tanzstunde gemacht, die war in der verlängerten Friedenstraße beim Café Davos. Dahin mussten wir durch die ganzen Trümmer laufen. Aber da gab es schon Trampelpfade durch die Trümmer. Da kam man wenigstens wieder zusammen. Wir hatten insofern Glück im Unglück. Das haben Sie noch nicht. Aber Sie werden Ihre Familie wiedersehen. Ich hoffe, dass ich Ihnen das vermitteln kann. Sie dürfen nie die Hoffnung aufgeben. Die Menschen sind schlimm. Aber irgendwann ist die Hoffnung wieder da. Und Ihre Familie lebt.

Arif: Aber sie ist in einer gefährlichen Situation. Das ist nicht bequem. Morgen kann alles anders sein. Ich habe noch Hoffnung. Aber das ist alles, was ich noch habe.