Fasst den Mut, auch über persönliche Dinge zu sprechen: Paul Günther will mit seiner Offenheit in Sachen Autismus politisch etwas bewegen. Trotz seines Handicaps engagiert er sich an vielen Stellen ehrenamtlich. | Foto: Kübra Kilic

Interview mit Paul Günther

Trotz Autismus voll aktiv: „Politik war für mich die Motivation, morgens rauszugehen“

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Am Mittwoch verabschiedet sich Paul Günther aus dem Präsidium des Jugendgemeinderats in Pforzheim. Im Interview spricht er über die Gründe für seinen Rückzug, seine vielen anderen Posten – und sein Engagement als Asperger-Autist.

Durch Ihren Rückzug gibt es schon wieder einen Wechsel im Präsidium des Jugendgemeinderats…

Günther: In der Tat haben wir die Spitze jetzt einmal komplett durchgetauscht. Erst Paul-Valentin von Massow, dann Rico Edelmann, jetzt ich.

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Sehen Sie darin ein Problem für das Gremium?

Günther: Nein, überhaupt nicht. Schwierig ist natürlich, dass viel Know-how verloren geht. Aber beim Jugendgemeinderat kann das alles sogar gut sein, er lebt vom Wechsel. Am Anfang waren es drei alte Hasen. Ich bin jetzt 20, gehe nicht mehr zur Schule, sondern studiere. Ich bin in einer anderen Lebenswirklichkeit. Ich repräsentiere nur noch einen Teil der Jugendlichen, aber nicht mehr die Schüler. Ich möchte einen klaren Cut und jüngeren Leuten die Chance lassen.

Außerdem sind Sie an vielen anderen Stellen engagiert: als jüngster Pforzheimer Ortsverbandsvorsitzender der CDU, als Präsident des Studierendenrats, im Rat Christlich-Demokratischer Studenten, bei den Jungen Europäern – und im Regionalverband der Autisten.

Günther: Das stimmt, ich mache viel, und es muss noch ins Leben passen. Bei den Autisten bin ich allerdings weniger in der Selbsthilfe engagiert. Ich knüpfe politische Kontakte und halte Vorträge.

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Die Mitglieder des Jugendgemeinderats stellen sich online in ein paar knappen Sätzen vor. An einer Stelle bin ich stutzig geworden: Dass Sie um 4.40 Uhr aufstehen. Aber das hat mit Ihrem Autismus zu tun, richtig

Günther: Ja, es geht dabei um Rückzugsräume. An der Hochschule hat sich das am Tag nach hinten verlagert. Aber als Schüler konnte ich morgens um 4.40 Uhr meine Cola trinken, mein Handelsblatt lesen, und niemand hat mich gestört. Ich hatte meine Ruhe, das hat mir geholfen. Ich hatte auch Zeit, falls etwas schief geht, das ist für Autisten ganz wichtig. Es kann sein, dass ich bloß meine Uhr nicht finde. Das ist eigentlich komplett nebensächlich, natürlich kann man ohne Uhr aus dem Haus gehen. Aber es zerstört die Struktur. Und das hat bei mir ganz oft dazu geführt, dass ich nicht in die Schule gehen konnte. Und durch diese Zeit am Morgen hatte ich einen Puffer.

Wie zeigt es sich bei Ihnen, wenn Sie einen neuem Lebensabschnitt beginnen? Was müssen Sie alles mit sich selbst ausmachen?

Günther: Es ist vor allem Stress. Autisten sind sehr auf Routine ausgelegt. Politik war für mich als Schüler die Motivation, morgens rauszugehen. Ich wusste, ich muss dafür in die Schule. Was mir am schwersten fällt: Ich kann mich anpassen, aber ich werde nie wie die anderen sein. Das muss man akzeptieren. Manche Sachen im sozialen Kontext versteht man einfach nicht, man wirkt oft gestresst. Man muss akzeptieren, dass Sachen schief laufen, dass man mal einen Nervenzusammenbruch hat, dass man Panikattacken hat. Das ist das wirklich Schwierige.

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Wie managen Sie das Leben als Autist im Studium und vor dem Wechsel in die Arbeitswelt?

Günther: Mit jedem neuen Lebensabschnitt kommen neue Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, wie es wird mit Arbeiten. Ich habe schon Bedenken. Nur fünf Prozent der Asperger-Autisten schaffen es im ersten Arbeitsmarkt. Das macht einem Angst: Bin ich einer von den fünf Prozent, oder bin ich einer, der scheitert?

Kostet es Sie Überwindung, darüber zu sprechen?

Günther: Jemand muss den Mut haben, darüber zu sprechen. Das ist in der Tat nicht angenehm. Man kriegt zwar unglaublich viel Zuspruch, aber es machen sich auch Leute lustig. Das passiert mir täglich, auch in Vereinigungen, in denen ich bin. Da muss man durch. Für mich war immer wichtig, dass ich über meine Behinderung reden kann und will. Wenn es niemand tut, wissen die Leute nichts über Autismus. Dabei ist das wichtig. Denn viele Dinge werden beim Thema Barrierefreiheit vergessen. Es wird auf Rollstühle geguckt. Aber Ruheräume für Autisten sind ebenso wichtig. Schon Vierersitze beim Bahnfahren sind für Autisten anstrengend, weil sie andere Leute anschauen müssen. Darüber wird nicht gesprochen. Daher nehme ich meine Motivation zu sagen, ich gehe in die Politik.