"Wo steckt er nur?": Vermisste Haustiere sorgen bei ihren Haltern für Verzweiflung. Wer jedoch an nicht gekennzeichneten Stellen Such-Zettel aufhängt, riskiert ein Bußgeld. | Foto: dpa

Stadt Maulbronn in der Kritik

Vermisster Kater löst Shitstorm aus

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Wenn es um Haustiere geht, werden Diskussionen schnell emotional. Das musste kürzlich auch die Stadt Maulbronn erfahren. Nachdem eine Bürgerin im öffentlichen Raum Suchplakate nach ihrem Europäisch-Kurzhaar-Kater Karlsson aufgehängt hatte und deswegen zu einer Anhörung wegen einer potenziellen Ordnungswidrigkeit geladen wurde, hagelte es böse Kommentare auf der Facebook-Seite der Stadt.

Knapp hundert Hass-Kommentare

„Einfach unglaublich und absolut überflüssig“, kommentiert Nutzerin Jennifer W. den Vorfall. „Unmenschlich, eine verzweifelt suchende Person mit einem Bußgeld doppelt zu strafen“, stimmt Monika R. zu. Knapp Hundert hämische Kommentare erzürnter Tierfreunde reihten sich bis Montagmittag bereits in der öffentlichen Gruppe „Maulbronn.de“ aneinander – ein Urteil, das für die städtischen Mitarbeiter schwer zu schlucken ist.

Knapp 100 Hass-Kommentare posteten erzürnte Besucher auf der Maulbronner Facebook-Seite. | Foto: Screenshot bba

Ordnungsamt trifft Resonanz unerwartet

Martin Gerst, Leiter des Amts für Ordnungs- und Sozialwesen, steht der Welle der Antipathie ein Stück weit fassungslos gegenüber: „Mit dieser Reaktion hat mit Sicherheit keiner gerechnet.“ Ein ironischer Zufall: Gerade kommt er von einer Katzenrettung. Rund zwei Tage sei ein Tier in 18 Metern Höhe auf einem Baum festgesessen, ehe man es am Montagvormittag mit der Drehleiter aus seiner misslichen Lage befreien konnte. „So weit kann es doch also mit der Menschlichkeit Maulbronns nicht her sein“, sagt Gerst mit Nachdruck. Man hört seiner Stimme die Kränkung durch die zahlreichen Hass-Kommentare an.

Warnung vor vorschnellen Schlüssen

Denn aus seiner Sicht hat die Stadt schließlich nur geltendes Recht umgesetzt. Besonders ärgert sich der Ordnungsamtsleiter über vorschnelle Schlüsse. So ist in der Online-Diskussion schon von einem Bußgeld gegen die mutmaßliche Verursacherin die Rede, als handele es sich bereits um eine Tatsache. „Von unserer Seite ist jetzt erst einmal ein Anhörungsbogen rausgegangen, um festzustellen, ob die Dame die entsprechenden Zettel überhaupt aufgehängt hat.“ Wenn sich das bestätige, komme es im günstigsten Fall schlicht zu einer mündlichen Verwarnung. Im schlechtesten Fall erwarte die Frau eine Ordnungswidrigkeitsanzeige. „Davon gehe ich aber nach aktuellem Stand nicht aus“, sagt Gerst beschwichtigend. Anderen Menschen, die ihr Haustier vermissen,  empfiehlt er, Suchzettel einfach in Geschäften aufzuhängen – wenn die Betreiber einverstanden sind. „Das ist auch effektiver als im öffentlichen Raum, weil die Frequenz der Leute, die darauf aufmerksam wird, höher ist.“

Kann man nicht ein Auge zudrücken?

Auf Nachfrage erklärt er auch, warum die Stadt Fällen von wilder Plakatierung überhaupt nachgeht – und nicht einfach so nachsichtig sein kann, wie es einem das moralische Bauchgefühl in diesem speziellen Fall vielleicht nahelegen würde. „Zettel, die an Straßenlampen und Verkehrszeichen befestigt werden, können das Sichtfeld beeinträchtigen oder die Straße verschmutzen“, erklärt er. Das wiederum stellt eine potenzielle Gefahr für den fließenden Verkehr dar. Persönliches Mitgefühl für die Tierbesitzer müsse daher hintangestellt werden, findet Gerst.

Landratsamt gibt Rückendeckung

Auch das Landratsamt stellt sich auf Anfrage hinter die Entscheidung der Stadt Maulbronn: „Die Gemeinden entscheiden von Fall zu Fall, ob beziehungsweise in welcher Form ein Einschreiten notwendig ist“, erklärt Hilde Neidhardt, Dezernentin für Landwirtschaft, Forsten und öffentliche Ordnung die Zuständigkeiten in Sachen wildes Plakatieren. Die zuständigen Stellen gingen hier in der Regel mit Maß und Fingerspitzengefühl vor. „Auch im vorliegenden Fall in Maulbronn ist dies unseres Erachtens so geschehen“, urteilt Neidhardt.
Die aufgebrachten Katzenliebhaber werden der Ordnungsamts-Leiter und seine Fürsprecher mit ihren Argumenten vermutlich nicht erreichen. Sie finden, man hätte ein Auge zudrücken müssen. Zu Gunsten von Kater Karlsson.